Hechingen Glocken müssen nicht zurück in den Schmelztiegel

Hechingen / Hardy Kromer 16.05.2018
Auf der neuen Friedensglocke der Hechinger Stiftskirche macht ein X zu viel Papst Johannes zum Dreiunddreißigsten.

Aufatmen im katholischen Gemeindehaus: Die beiden neuen Glocken der Hechinger Stiftskirche müssen nicht eingeschmolzen und neu gegossen werden. Und es muss wohl auch kein Handwerker mit der Flex ran und die Prägungen nachbessern. Vielmehr hat man grünes Licht aus Freiburg, zu den Fehlern zu stehen, die beim Glockenguss passiert sind, und die Klangkörper unverändert in den oberen Glockenstuhl des Kirchturmes zu hängen.

Am Mittwochmittag schien noch alles möglich, und Stadtpfarrer Michael Knaus hegte schlimmste Befürchtungen wegen möglicher finanzieller Folgen und eines „Rattenschwanzes, den die ganze Angelegenheit noch hinter sich her ziehen wird“. Denn am Morgen war die Misslichkeit publik geworden: Auf beiden Glocken, die Dekan Alexander Halter am 22. April vor einer stolzen Gemeinde geweiht hat, gibt es Fehler.

Künstler „am Boden zerstört“

Stein des Anstoßes ist ein X zu viel: Auf der Friedensglocke, die ein Porträtbild des friedensbewegten Papstes Johannes XXIII. ziert, ist die Aufschrift „Papst Johannes XXXIII.“ eingraviert. Aus dem Dreiundzwanzigsten hat der Künstler, der Bildhauer Wolfgang Eckert, versehentlich den Dreiunddreißigsten gemacht. Am Abend der Glockenweihe wurde der Fehler bemerkt, „und der Künstler war echt am Boden zerstört“, erzählt Pfarrer Knaus.

Zerknirscht waren auch die Verantwortlichen der Pfarrgemeinde. Aber offenbar wollten sie kein großes Aufhebens um den Fauxpas machen und den Fehler Fehler sein lassen. Dieser Plan ging aber nur drei Wochen lang auf. Jetzt hat ein „Maulwurf“ die leidige Sache an die Öffentlichkeit getragen – und noch einen drauf gesetzt: Auch die zweite Glocke, die Luziusglocke, die die Einheit der Seelsorgeeinheit beschwört, ist fehlerbehaftet. Das Bibelzitat „Alle sollen eins sein“ wird in der Prägung der Quelle „Joh 17,15“ zugeordnet. Richtig wäre aber „Joh 17,21“.

Lässliche Sünden? Pfarrer Knaus findet: unbedingt – und plädiert für eine liberalere „Fehlerkultur“. Anders ausgedrückt: Die Schnitzer seien „ärgerlich“, aber es sei schließlich „niemand zu Schaden gekommen“. Und: Wären die Glocken gleich nach der Weihe im Turm verschwunden, „würde kein Hahn danach krähen“. Weil der Turm aber Baustelle ist, sind die neuen Klangkörper einstweilen im Kirchenschiff verblieben.

Die gestern gegenüber der HZ geäußerte „Befürchtung, dass die Glocken gar nicht mehr in den Turm hoch kommen“, braucht dem Stadtpfarrer aber keine schlaflosen Nächte zu bereiten. Denn der von Knaus umgehend eingeschaltete erzbischöfliche Glockensachverständige Johannes Wittekind in Heidelberg tat am späten Mittwochnachmittag auf Anfrage der HZ kund, wie er die Sache sieht: ganz entspannt.

Ein Seliger ist oft „heilig“

Nach Wittekinds Angaben kommen ähnliche „Schreibfehler“ immer mal wieder auf Glocken vor. So sei etwa Bernhard II. von Baden, ein Seliger der katholischen Kirche, auf Glocken schon des öfteren fälschlicherweise „heilig“ gesprochen worden. Oder es würden immer mal wieder Jahreszahlen falsch übernommen. Die Hechinger Nachlässigkeiten sind also in guter Gesellschaft.

„Im konkreten Fall“, so teilte Dr. Michael Hertl, Pressesprecher der Erzdiözese nach Rücksprache mit dem Glockeninspektor mit, „werden sich die Glockengießerei Bachert und der Künstler Wolfgang Eckert vermutlich einvernehmlich einigen, so dass die Glocke weder eingeschmolzen noch unter größerem Aufwand umgearbeitet werden muss“. Entwarnung also von maßgeblicher Stelle.

Das überflüssige X wegzuschleifen, hätte auch Pfarrer Knaus für „höchstgradig schwierig“ gehalten, „weil die Glocken schon geweiht sind. Und damit sind sie – nach katholischem Verständnis – dem Zugriff des Menschen entzogen“. Dr. Heiko Zimmermann, Vorsitzender des Stiftskirchen-Fördervereins, der viel Geld für die Glocken gesammelt hat, gab gegenüber der HZ noch etwas ganz Weltliches zu bedenken: „Ich könnte mir vorstellen, dass der Klang nicht mehr perfekt ist, wenn man etwas verändert.“

Zimmermann sieht die Angelegenheit überhaupt „ganz locker“: „Der Fehler ist passiert, und wir müssen damit leben.“ Er vergleicht das Malheur mit dem Fehldruck einer Briefmarke. „Das steigert die Einzigartigkeit und den Wert unserer Glocken.“ Und wenn sie erst im Turm hingen, „dann sieht man sie die nächsten 200 Jahre ohnehin nicht mehr“.

X

ist die lateinische Zahl für 10. Der 23. Papst mit dem Namen Johannes braucht zwei X und drei I. Mit drei X und drei I wäre er Johannes, der Dreiunddreißigste.