In der Hechinger Kommunalpolitik scheint in dieser Woche eine Zeitenwende eingeläutet worden zu sei: Am Mittwoch debattierte der Bauausschuss engagiert darüber, wie mit flächendeckenden Tempo-40-Zonen oder mit langgestreckten Tempo-30-Achsen der Autolärm im Stadtgebiet menschenfreundlich reduziert werden kann.

Jede Busfahrt für einen Euro

Tags darauf folgte im Verwaltungsausschuss die zweite Attacke auf die Autostadt. Diesmal ging es darum, wie der Stadtbusverkehr gestärkt werden kann – aus aktuellem Anlass wegen der nahenden Großbaustelle am Obertorplatz, durchaus aber auch auf die Zeit danach ausgerichtet. Und das Ergebnis ist in der Tat ein Fanal: Die Fahrpreise auf den Stadtbuslinien 301 und 302 werden schon in Kürze – sobald die dafür nötigen Gutscheine gedruckt sind – auf einen Euro pro Fahrt reduziert. Außerdem lässt die Stadt jeden Mittwoch, wenn in der Oberstadt Markttag ist, kostenlose Pendelbusse laufen – aus dem Weiher und von der Stettener Festhalle aus. Zwei Maßnahmen mit Ausrufezeichen, um der drohenden Parkplatznot ein bisschen zu begegnen und das Bewusstein um die öffentlichen Verkehrsangebote zu schärfen.

Die Bunte Liste gab den Anstoß

Den Anstoß dazu hatte die Bunte Liste mit ihrem Antrag auf einen gar kostenfreien Busverkehr während der Obertorplatz-Umbauzeit gegeben. „In der Tat spektakulär“ wäre solch ein Schritt, räumte Bürgermeister Philipp Hahn ein, hatte aber mit Frank Wiest, dem Geschäftsführer der Hechinger Verkehrsbetriebe, einen Mann neben sich sitzen, der bestätigte: Gratisfahrten wären innerhalb der weit verzweigten Strukturen des Verkehrsverbundes Naldo keinesfalls innerhalb von ein paar Wochen durchsetzbar. Der Alternativvorschlag der Stadtverwaltung, den Fachbereichsleiter Jürgen Rohleder vortrug, kam einer Mehrheit des Gremiums dann aber doch gar zu uncharmant daher: Naldo-Stadttarif II statt Naldo-Stadttarif I, 1,30 Euro statt 1,90 Euro für das Einzelticket. „Das haut die Autofahrer nicht vom Sitz und treibt sie in die Busse“, kritisierte nicht nur Hannes Reis von der Bunten Liste und appellierte: „Wir wollen doch ein Zeichen setzen in Richtung Klimaschutz, Umdenken, Lärmreduzierung, Feinstaubreduzierung.“

„In Tübingen klappt es doch auch“

Dr. Lorenz Welte (CDU) wollte sich nicht mit den Hemmnissen durch die Naldo-Strukturen abfinden und plädierte vehement für das weitergehende Modell „1 Euro pro Ticket“. Von einem Hechinger „Sonderweg“ wollte er nichts wissen. „In Tübingen“, so Welte, „klappt es doch auch mit kostenlosem Busverkehr an Samstagen. Und die sind auch im Naldo.“

Gegen die Bedenken von Jürgen Rohleder und Frank Wiest sprach Bürgermeister Hahn schließlich ein Machtwort und willigte in einen unbürokratischen, „innovativen Hechinger Weg“ ein. Wenn der Gemeinderat nächsten Donnerstag zustimmt, soll der Stadtbustarif „schnellstmöglich“, so Hahn, auf einen Euro abgesenkt werden, indem die Stadt Gutscheine ausgibt und die Differenz zum ermäßigten Naldo-Tarif von 1,30 Euro subventioniert. Der Verwaltungsausschuss befürwortete das mit elf Ja-Stimmen bei drei Enthaltungen und einem Nein von Jürgen Fischer (SPD).

Langfristige Reformen nötig

Fischer war sich jedoch mit seinen Fraktionssprecher-Kollegen Werner Beck (Freie Wähler) und Lorenz Welte (CDU) – und mit der Bunten Liste sowieso – einig, dass der öffentliche Nahverkehr in Hechingen auch über die Obertorplatz-Bauphase hinaus eine gründliche Stärkung braucht. Das gut 25 Jahre alte „Kleeblattsystem“ im Stadtverkehr müsse grundlegend reformiert werden. Die Beschwerden über unnötig lange „Stadtrundfahrten“ häuften sich. Werner Beck beglückwünschte die Bürgerliste ausdrücklich zu ihrer Vorarbeit und appellierte, ein „ausgeklügeltes System“ zu entwickeln, um eine Verkehrswende in Hechingen umzusetzen. Auf lange Sicht habe nur ein Gratis-Stadtverkehr eine echte Lenkungswirkung.

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