Hechingen Tucholskys spitze Feder

Literarisches und Musik mit Rudolf Guckelsberger und Philip Dahlem gab es in der Alten Synagoge zu hören.
Literarisches und Musik mit Rudolf Guckelsberger und Philip Dahlem gab es in der Alten Synagoge zu hören. © Foto: Antonia Lezerkoss
Hechingen / Von Antonia Lezerkoss 13.06.2018
Literatur und Musik mit Rudolf Guckelsberger und  Philip Dahlem in der  Alten Synagoge in Hechingen.

Ein kleiner dicker Berliner wollte mit einer Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten, so beschrieb Erich Kästner den Schriftsteller-Kollegen. Kurt Tucholsky zählte zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Zeit. Der politisch engagierte Journalist und Schriftsteller verstand sich als Gesellschaftskritiker im Sinne Heinrich Heines und warnte unermüdlich vor rechten Tendenzen in Politik, Militär und Justiz. Als zorniger Ankläger von Machtmissbrauch und Militarismus („Soldaten sind Mörder“) gewann der radikale Pazifist und geradezu bestürzend frühzeitige, prophetische Warner vor dem militanten deutschen Nationalismus politische Bedeutung.

Mit Texten, Glossen, Essays und Couplets erinnerte Rudolf Guckelsberger an den Lyriker, Kritiker, hellsichtigen Denker und scharfzüngigen  Beobachter. Die Vielzahl der literarischen Formen und Ausdrucksweisen, derer sich Tucholsky  bediente, um seinen politischen, religiösen und philosophischen Überlegungen Ausdruck zu verleihen, kamen Rudolf Guckelsberger sehr entgegen. Wort- und sprachgewandt, dabei noch san­ges­kun­dig, schlüpfte er in die Rolle Tucholskys und interpretierte dessen Texte  mal besinnlich, mal bissig, mal sarkastisch und bitterböse – und manchmal auch heiter.

Gesanglich brillierte er mit Tucholskys „An den deutschen Mond“, der Passanten und die Bummler und die bösen Geldscheinschummler sieht…  Mit „Seid nicht stolz auf Orden und auf Klunker, seid nicht stolz auf Narben und die Zeit“ entlarvte Tucholsky in den 1920er-Jahren, wie leere Symbole das Grauen des Krieges überdecken sollen. Das Gedicht „Für den Graben“ war eine leidenschaftliche und  bewegende Anklage gegen Kriegstreiberei. Tucholsky ahnte früh, welches Ausmaß der Hass auf das Judentum annehmen sollte, und warnte seine Zeitgenossen: „Jetzt ist noch Zeit, Gegenmaßregeln zu ergreifen.“  Guckelsberger verwies mit spöttisch bissiger und satirisch pointierter Sprache auf einen Tucholsky von untrüglicher Scharfsicht und der sprachlichen Brillanz, der originelles Wortspiel mit geistreichem Humor verbindet. Mit Mimik, Gestik und vor allem durch seine Sprachmelodie gelang es ihm, das Werk des Dichters mit Leben zu erfüllen. Jeden Satz, jedes Wort formte er so lebendig, mühelos und spontan, dass seine Darstellung kraftvoll und überzeugend wirkte.

Klanglich von gut eingeflochtenen pianistischen Intermezzi (Philip Dahlem) unterstützt, charakterisierte er treffend  die Weimarer Republik, in der noch der „alte monarchistische Geist“ durch die Korridore des Berliner Schlosses wehe. Und in vielfältigen Farben bespöttelte er das „Deutschentum“. Mit spitzer Feder und gleich fünffach veröffentlichte Tucholsky unter anderem in der Zeitschrift „Weltbühne“. Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Kaspar Hauser, Peter Panter hießen die „homunculi“, die er sich zugesellte. Für dieses Journal war Tucholsky von 1924 -1926 in Paris. In seinen Gedichten  „Park Monceau“, „Das menschliche Paris“ und „Dank an Frankreich“ zeichnet Kurt Tucholsky  seine Begeisterung für die französische Lebensweise nach, die ihm einen wohltuenden Kontrast zur deutschen Mentalität gewährt: „Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen. Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist. Hier darf ich links geh’n. Unter grünen Bäumen sagt keine Tafel, was verboten ist.“

„Etwas ist immer“, der Titel des literarisch-musikalischen Abends, war wörtlich zu nehmen, denn die Sopranistin Stephanie Simon musste wegen Erkrankung ausfallen. Auf geradezu geniale Weise überbrückten die Akteure die missliche Situation: Guckelsberger übernahm teilweise den gesanglichen Part und erfreute darüber hinaus mit historischen Einspielungen.