Heute zeigen die Vertreter der Reisebranche wieder – natürlich mit dem nötigen Hygieneabstand in der Coronakrise – Flagge. Diesmal hat das Aktionsbündnis „Wir zeigen Gesicht! Rettet die Reisebüros – rettet die Touristik“ für Mittwoch, 20. Mai, von 11.55 bis 12.55 Uhr zur Demo auf den Marktplatz in Villingen-Schwenningen eingeladen. Es wird mit 150 Teilnehmern gerechnet. Redner ist auch Dr. Marcel Klinge (FDP), der als Touris-
musexperte im Deutschen Bundestag sitzt. Laut Veranstalter soll jeder Teilnehmer einen Koffer mitbringen und vor Ort mit bereitgestellten Plakaten bekleben. Unter ihnen wird auch Madeleine Hermann aus Rangendingen sein. Die 36-Jährige ist Mitarbeiterin des Tui TravelStar Reiseforums Rangendingen.

Über eine Social Media-Gruppe hatte sich für Madeleine Hermann der Kontakt zu den Vertretern der Reisebranche und den Mitstreitern des Aktionsbündnisses ergeben. Die 36-Jährige und Lena Runft haben sich dann bereiterklärt, als Hauptverantwortliche und Stellvertreterin die Demos in Stuttgart zu veranstalten.

Seit 20 Jahren in der Branche

Lena Runft arbeitet beim Schmidener Reisebüro in Fellbach, und Madeleine Hermann ist seit April 2018 beim Tui TravelStar Reiseforum Rangendingen angestellt. Die 36-Jährige sei seit 20 Jahren „mit Herzblut“ in der Branche tätig. „Ich liebe meinen Job“, sagt sie. Wenn Kunden von Reisen zurückkehrten, und alles sei super gewesen, wäre dies die beste Bestätigung für Madeleine Hermann in ihrem „Traumjob“.

Madeleine Hermann hat bereits in Stuttgart am vergangenen Mittwoch die erste Demonstration der Reisebranche organisiert. 150 Menschen nahmen teil. Die nächste Veranstaltung ist für Mittwoch, 27. Mai, 12 Uhr, auf dem Marktplatz in Stuttgart geplant. Dann könnten 300 Personen teilnehmen, die Genehmigung steht aber noch aus.

Dementi des Gerüchts

Nun wird erst einmal in Villingen-Schwenningen demonstriert, und das ist offenbar auch bitter nötig, denn „wir sind jetzt zwar im Munde der Politiker“, aber keiner wisse so genau, welche konkreten Hilfestellungen die Branche bekommen könnte. Wenn diese lange auf sich warten ließen, „wird’s eng für die Reisebranche“, ist sich Madeleine Hermann sicher. Bitter: Einige Reisebüros werden bereits geschlossen.

Das Gerücht, dass das Tui TravelStar Reiseforum ebenfalls wegen der Coronakrise nie wieder seine Türen öffnet, ist in Rangendingen bereits im Umlauf. Inhaberin Angelika Simon dementiert. Sie hat noch nicht vor, ihr Reisebüro zu schließen. „Ich habe vier Mitarbeiterinnen, die ihren Beruf lieben und alles geben, dass es auch nach Corona weitergeht“, betont sie. Und: „Von unseren Kunden bekommen wir große Unterstützung und das Versprechen, dass sie auch nach der Krise wieder kommen und buchen“, so die Rangendinger Urlaubsexpertin.

„Es ist schon fünf nach zwölf“

„Es ist dringend, dass die Reisebranche auf sich aufmerksam macht“, findet sie. „Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern schon fünf nach zwölf.“ Die Vertreter der Tourismusbranche warteten dringend auf staatliche Hilfen und Unterstützung. Auch bei der Demo in Villingen-Schwenningen fordert das Aktionsbündnis einen Deutschen Reiserettungsfond (DRRF). „Völlig unverschuldet sind wir in diese Situation gekommen“, betont Angelika Simon. Zum ersten Mal sei die Branche nun „Bittsteller“. „Trotzdem kämpfen wir und möchten überleben“, hebt sie hervor.
Ihre Mitarbeiterin Madeleine Hermann verbringt nun sehr viel Zeit, um die Demos in Stuttgart zu organisieren. Das sei eine große Verantwortung, findet Angelika Simon, denn „schon die kleinste Abweichung der Auflagen kann zu heftigen Geldstrafen führen“.

Organisatoren haften

Als hauptverantwortliche Organisatorin haftet Madeleine Hermann für die Demos. „Am Anfang hatte ich da Respekt vor“, sagt sie. Hinzu käme, dass sie noch nie an einer Demo teilgenommen habe, aber nun stecke sie da organisatorisch „voll drin“. Nun stand die 36-Jährige aus Rangendingen auch den Veranstaltern in Villingen-Schwenningen mit Rat und Tat zur Seite. Insgesamt findet sie: „Man merkt auch, wie die Tourismusbranche zusammengewachsen ist. Man sitzt ja in einem Boot.“ Ihre Hoffnung ist auch, dass bei der nächsten Demo in Stuttgart mehr Kunden mitdemonstrieren. Auch in Villingen-Schwenningen ist jeder Demo-Teilnehmer willkommen. Im Fokus stehen die Busunternehmer und Azubis. Die jungen Menschen können während der Demo mitteilen, wie sie sich fühlen. Thematisiert wird auch, wie es für sie weitergehen kann.
Die gesteigerte Tourismus-Vernetzung hat gerade erst begonnen. Und Madeleine Hermann versichert, einen langen Atem zu haben, um weitere Demos in Stuttgart zu organisieren. „Definitiv“, sagt sie und fügt hinzu: „Wir kämpfen gemeinsam für unsere Branche weiter. Wir werden so schnell nicht aufgeben.“

Die Welt steht still, die Arbeit geht weiter


Stornierungen Die letzte Reise vor der Blüte der Coronakrise hatten die Mitarbeiter des Tui TravelStar Reiseforums Rangendingen am 12. März verkauft. Für den Monat Mai muss das Reisebüro fast 100 Buchungen stornieren, teilt Inhaberin Angelika Simon mit. Die Rückabwicklung sei sehr schwierig, da die Veranstalter die Telefone abgeschaltet haben und die Rangendinger Touristiker tagelang auf Antworten warten müssen, in der Hoffnung, dass ihre Kunden dafür Verständnis haben.

Arbeitgeber Die Reisebranche wird oft als Spaßbranche belächelt, findet Inhaberin Simon, „dabei ist die Touristik wahrscheinlich der weltweit größte Arbeitgeber“. Viele Urlaubsregionen, besonders der Mittelmeerraum, könnten ohne Tourismus nicht überleben.

Umwelt „Schon seit Jahren achten die Reiseveranstalter und Reisebüros auf Nachhaltigkeit, bei jeder Veranstaltung ist diese ein wichtiger Beratungspunkt, den wir sehr ernst nehmen“, betont Angelika Simon. „Schon vor über 20 Jahren haben wir damit begonnen, in verschiedenen Urlaubsregionen mit Gästen und Einheimischen Bäume zu pflanzen. Gemeinsam mit Urlaubsgästen nutzen wir die Chancen des Tourismus, um Gutes für die Menschen und die Natur in Urlaubsdestinationen auf der ganzen Welt zu bewirken“, so die Reiseforum-Chefin.

Ungewissheit Das Schlimmste für die Reisebranche sei, nicht zu wissen, wie lange die „Pause“ noch anhält. „Dieses Auf und Ab zerrt an den Nerven, wir können nicht planen“, so Angelika Simon.