Ich habe keine Existenzängste in dem Sinne, dass ich die Praxis dauerhaft schließen muss“ – sagt der Bisinger Ergotherapeut Benjamin Zweigle. Mit der Einschränkung: „Wenn wir keine Hilfe bekommen, kann das jedoch passieren.“ Vor allem beschäftigt ihn die Frage, „ob ich den Bedarf nach der Krise noch decken kann“.

Kurzarbeit angemeldet

Benjamin Zweigle betreibt seine Praxis für Ergotherapie im siebten Jahr. Mit ihm arbeiten sechs Therapeuten – plus Verwaltungspersonal. Am Donnerstag hat er Kurzarbeit angemeldet. Kein Wunder: Die Auslastung seiner Praxis liegt aktuell noch bei 30 bis 40 Prozent – in „normalen“ Zeiten wird eine Warteliste über die Dauer von drei Monaten geführt.

Fast leere Terminbücher

Zirka 60 Prozent seiner Patienten sind über 60 Jahre alt – und vorerkrankt, damit also Risikopatienten. Sie zurzeit nicht zu behandeln, das haben Zweigle und sein Team eigenverantwortlich zu deren Schutz veranlasst. Ihre Termine nicht wahr nehmen aber auch „Angstpatienten“, solche, die aus Sorge vor einer möglichen Ansteckung wegbleiben. „Und es werden täglich mehr“, sagt Benjamin Zweigle.

Auch aus diesem Grund hat der Ergotherapeut der HZ ein Schreiben des Spitzenverbandes der Heilmittelerbringer e.V. zukommen lassen. Darin heißt es: „Ob Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden oder Podologen – unter den Heilmittelerbringern wächst in diesen Tagen allerorts die Verzweiflung. Grund ist, dass wegen der Corona-Krise immer mehr Patienten ihre Behandlungstermine absagen. Die selbstständigen Praxisinhaber und deren Angestellte bringt das immer näher an den Rand des wirtschaftlichen Ruins. Sollten die Praxen aus finanziellen Gründen schließen müssen, wird dies auch im Zollernalbkreis nicht nur jetzt in der Krise, sondern auf Dauer massive Versorgungsprobleme bringen, was am Ende allen Patienten schadet, weil es Heilungsprozesse verzögert oder unmöglich macht.“

Krankenkassen in der Pflicht

Grund für die Umsatzrückgänge sei einerseits, dass zahlreiche Patienten aus Angst vor der Corona-Welle ihre Termine absagen. „Viele unserer Patienten gehören zur Risikogruppe und bleiben nun lieber zuhause. Viele glauben aber auch, dass die Praxen aufgrund der verhängten Kontaktverbote geschlossen sind“, erläutert Repschläger. Das sei aber nicht korrekt. Heilmittelerbringer seien „systemrelevant“, das heißt, „sie gehören ausdrücklich zum Kern der Gesundheitsversorgung wie Krankenhäuser, Ärzte und Apotheker auch. Sie dürfen – und müssen – weiterhin Patienten behandeln“. Deshalb müsse ein weiterer Rettungsschirm ganz selbstverständlich auch für die Therapeuten gelten“, fordert die Verbandsvorsitzende.

Ohnehin geringe Vergütung

„Sollte dies nicht der Fall sein, nimmt die Politik wissentlich die Insolvenz von vielen tausend Heilmittelerbringern in Kauf und gefährdet damit hunderttausende von Arbeitsplätzen und die Gesundheit der Bevölkerung“, sagt Ute Repschläger, Vorsitzende des Spitzenverbands der Heilmittelverbände. Die Heilmittelbereiche Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie würden seit Jahren unter sehr geringen Vergütungssätzen leiden. Bei den derzeitigen Umsatzrückgängen um 60 bis 90 Prozent seien die finanziellen Rücklagen dann schnell aufgebraucht – „wenn es sie überhaupt gibt“, verdeutlicht Repschläger.

Eingefordert werden finanzielle Soforthilfen von der Gesetzlichen Krankenversicherung in Form von Ausgleichszahlungen. „Wenn wir keine Leistung erbringen können, entstehen den Krankenkassen keine Kosten. Ganz im Gegenteil: Sie profitieren finanziell von dieser Situation“, sind sich alle Mitgliedsverbände einig.“ Denn: „Die Kosten für Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie sind im Haushaltsplan der Krankenkassen bereits eingeplant. Es bringt sie also nicht in finanzielle Schwierigkeiten, den Heilmittelerbringern eine Soforthilfe auszuzahlen, um deren Umsatzeinbußen auszugleichen. Für die Krankenkassen ist das ein Nullsummenspiel.“

Den Heilmittelerbringern, sagt deren Verband, rette das aber deren Existenz – und darauf komme es im Moment mehr denn je an. Andernfalls sei die Versorgung mit Heilmitteln in der Zukunft gefährdet.

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Spitzenverband der Heilmittelverbände


Der Spitzenverband der Heilmittelverbände (SHV) ist die maßgebliche Spitzenorganisation auf Bundesebene im Heilmittelbereich. In den Mitgliedsverbänden des SHV sind mehr als 75 000 Therapeuten organisiert. Aktuell bilden drei physiotherapeutische Verbände (IFK, VPT und ZVK), ein ergotherapeutischer Verband (DVE) und ein podologischer Verband (ZFD) den SHV. Mehr Informationen gibt es unter http://www.shv-heilmittelverbaende.de.