Hechingen Theatertrepple glänzt mit „Matto regiert“

In der Heil- und Pflegeanstalt Randlingen regiert Matto –  und Matto ist der Inbegriff des Wahnsinns. Das muss der wackere Wachtmeister Studer bei seinen Ermittlungen am eigenen Leib erfahren. In dem sozialkritischen Kriminalstück nach Friedrich Glauser, das am Sonntag in der Stadthalle „Museum“ Premiere feierte, läuft das Ensemble vom „Hechinger Theatertrepple“ wieder zur Hochform auf.
In der Heil- und Pflegeanstalt Randlingen regiert Matto –  und Matto ist der Inbegriff des Wahnsinns. Das muss der wackere Wachtmeister Studer bei seinen Ermittlungen am eigenen Leib erfahren. In dem sozialkritischen Kriminalstück nach Friedrich Glauser, das am Sonntag in der Stadthalle „Museum“ Premiere feierte, läuft das Ensemble vom „Hechinger Theatertrepple“ wieder zur Hochform auf. © Foto: Antonia Lezerkloss
Hechingen / Antonia Lezerkoss 07.05.2018
Wie unterhaltsam der nackte Wahnsinn sein kann, zeigt das Hechinger Theatertrepple mit seinem neuen Stück „Matto regiert“.

Das Hechinger Theatertrepple hat sich das Stück „Matto regiert“ von Friedrich Glauser vorgenommen – und feierte damit am Sonntagabend in der Stadthalle „Museum“ eine glanzvolle Premiere. „Matto“ nennt Friedrich Glauser den Geist des Irrsinns, der in einer Heil­anstalt sein Unwesen treibt.

Es ist mitten in der Nacht, als  Wachtmeister Studer (Berthold Lüdenbach) durch das Schrillen des Telefons aus dem Schlaf gerissen wird: In der Heil- und Pflegeanstalt Randlingen ist sowohl der Patient Pieterlen als auch  Direktor Ulrich Borstli verschwunden. Studer fährt hin und lernt die Ärztin Dr. Laduner (Jana Lüdenbach) kennen.

Vom ersten Moment an gerät Studer in einen Strudel von Verschwiegenem, von Macht und Zwang, in eine Anderswelt, in der Wahrheit immer weiter weg rutscht, das Irre normal scheint und die Realität ein Irrtum. Dennoch macht er sich Wachtmeister pflichtbewusst und sorgfältig an die Arbeit. Befragt die Pflegerin Irma Wasem (Anna-Maria Rager), die ein Verhältnis mit Pierre Pieterlen (Marius Voigt) hatte, das Hausmädchen Greti (Martina Ziegler), den Pfleger Jutzeler (Marius Voigt), den Sohn Herbert (Gustav Zahn) des herrischen Obersten Caplaun (Gustav Zahn), der an einer Angstneurose leidet.

Im Laufe seiner Ermittlungen blickt Studer, hinter die Kulissen psychiatrischer Theorien und Therapien. Er versucht nicht nur einem Verbrechen auf die Spur zu kommen, sondern tritt auch eine Reise in die Grenzregionen von Vernunft und Irrationalität an.

Kurzum: Der Wachtmeister tritt ein in Mattos Reich. Matto, der Geist des Wahnsinns, regiert überall und spinnt seine silbernen Fäden. Und Studer bekommt einen Brief von Matto, der als Hausgeist in der Dachmansarde über Studers Zimmer wohnen soll, und der den Patienten Angst einflößt. Der Patient Schül – hervorragend gespielt von Gustav Zahn –, dessen Gesicht durch eine Kriegsverwundung entstellt ist, ist besessen von der Vorstellung, die Welt werde von diesem Matto regiert.

Alle haben in der Nacht zuvor bei der Heizung Schreie gehört. Studer findet den toten Direktor im Heizungskeller. Ein Unfall? Dann wird im Büro des Direktors eingebrochen und aus dem Tresor Geld entwendet. Der Verdacht fällt auf die gutmütige, aber verzweifelte Pflegerin Gilgen (Simone Saedler). Vor Angst schlotternd und todunglücklich gesteht sie die Tat und erkärt, aus schierer Geldnot gehandelt zu haben. Noch während des  Gesprächs entreißt sie dem Wachtmeister die Pistole und tötet sich selbst.

Nacheinander präsentiert Studer fast alle Irrenhäusler als Verdächtige: Wo Matto regiert sind alle irgendwie schuldig, nicht zuletzt er selbst, da er mit seiner  Rationalität Recht und Gerechtigkeit schaffen wollte, und so drei Unschuldige in den Tod trieb.

Regisseurin Henny Luedenbach und das Ensemble des Theatertrepple haben den autobiografisch inspirierten Kriminalroman Friedrich Glausers in eine zupackende, assoziativ vielschichtige und atmosphärisch dichte Theaterfassung gebracht. Das glänzend eingespielte Schauspielerensemble überzeugte durch großartiges darstellerisches Können. Beim Streifzug durch „Mattos Reich“ begegneten den Zuschauern einfühlsam und überzeugend gezeichnete Charaktere, die von allen Schauspielern schlüssig und zwingend dargeboten wurden.

Allen voran hatte Dr. Laduner mit Jana Lüdenbach eine bestechend kühle, wortgewaltige Interpretin, die dieser vielschichtigen Gestalt eine starke Intensität verlieh.

Meisterlich, ungemein flexibel und ausdrucksstark verstand es Gustav Zahn den Figuren Schül, Schmokker, Herbert Caplaun und Oberst Caplaun passgenaue Charaktereigenschaften zu verleihen, während Berthold Lüdenbach dem Wachtmeister Studer ein verständnisvolles, lebensnahes und ursprüngliches Profil angedeihen ließ.

Für das schlichte, jedoch eindrückliche Bühnenbild, flankiert von Poträts der beiden Psychiater Sigmund Freud und Alois Alzheimer zeichneten Anna-Maria Rager und Simone Saedler verantwortlich.

Effektvolle Beleuchtung und sinnfällige Alphorn-, Zither- und Akkordeonmusik unterstrichen die jeweiligen Szenen wirkungsvoll.

Langanhaltender Applaus war der Dank für einen fesselnden Theaterabend.

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Vorstellungen von „Matto regiert“ lässt das Hechinger Theatertrepple der Premiere im „Museum“ noch folgen: Am 12. Mai um 20 Uhr im Vorstadttheater Tübingen und am 30. Juni um 20 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in Balingen.