TV-DEBATTE SWR-Diskussion enttäuscht Meßstetter

Hechingen / HARDY KROMER 18.09.2015
Groß war in Hechingen das Interesse an der SWR-Livesendung über "Flüchtlinge im Südwesten". Doch längst nicht alle Erwartungen wurden erfüllt. In der inszenierten Diskussion kamen nur Ausgewählte zu Wort.

200 Menschen füllten gestern Abend den Speisesaal im zur Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge umfunktionierten ehemaligen Hechinger Krankenhaus: zahlreiche Bewohner der Einrichtung, ehrenamtliche Helfer aus Hechingen und Meßstetten, aber auch etliche einfach am Thema interessierte Bürger, die einmal eine Fernseh-Livesendung miterleben wollten.

Sie alle wurden Zeugen, wie SWR-Moderator Clemens Bratzler vor laufenden Kameras die Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD), Landrat Günther-Martin Pauli (CDU) und den Tübinger OB Boris Palmer (Grüne) zur aktuellen Flüchtlingskrise befragte, einige syrische Flüchtlinge zu Wort kommen ließ und ausgewählte ehrenamtliche Helfer aus Hechingen und Meßstetten interviewte. Doch zur Enttäuschung mancher war das Ganze eine bis ins Detail geplante und geprobte Veranstaltung. Wer gehofft hatte, kontroverse Bürgerstimmen zu hören oder wenigstens einen pointierten Schlagabtausch zwischen Pauli und Palmer zu erleben, wurde enttäuscht. Spontaneität war gestern Abend nicht gefragt.

Zerknirscht von dannen zog am Ende insbesondere eine Gruppe von Helferinnen aus Meßstetten, die die aktuelle Situation in der dortigen, völlig überfüllten Landeserstaufnahmestelle (Lea) kritisch beleuchtet sehen wollten. "Marionettentheater!" schimpften sie mit Blick auf den Halbkreis an Flüchtlingen, den Clemens Bratzler dekorativ um sich geschart hatte.

Vielleicht wäre in Meßstetten (wo die Sendung ursprünglich stattfinden sollte, wegen der zeitgleichen Bürgermeisterkandidatenvorstellung aber wenig gelitten war) etwas mehr Leben in die Bude gekommen. Doch anders als in der ehemaligen Kaserne auf dem Heuberg, die mit 3300 Flüchtlingen hoffnungslos überbelegt ist, geht es in Hechingen "vergleichsweise entspannt" zu, wie Bratzler in seiner Anmoderation feststellte. Hier, im Ausweichquartier, sind die 170 Betten in den Acht-Bett-Zimmern nicht immer alle belegt. Wer hier unterkomme, habe "fast schon das große Los gezogen", meinte der Moderator.

So wurde die Hechinger Einrichtung denn auch allseits gelobt. Die Politiker sprachen von einem "Glücksfall", die Bewohner äußerten Dankbarkeit, und in den Schilderungen der Helferinnen Almut Petersen und Monika Heise vom Arbeitskreis Asyl erkannte Clemens Bratzler "Feuereifer". Die mannigfaltigen Probleme, die die Massenzuwanderung mit sich bringt, wurden mit Blick auf andere Standorte - und immer in Abwechslung mit der Studiosendung in Mainz - diskutiert. So wurde etwa die Kriminalitätslage in Meßstetten mit Thomas Krebs, dem zuständigen Polizeirevierleiter, besprochen. Und der erntete große Zustimmung für seine unaufgeregte Sichtweise: Sicher, so bestätigte er, komme es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Aber das sei ganz normal, wenn so viele Menschen auf engstem Raum leben: "Das würde auch bei 3000 Schwaben passieren." Das gab verdienten Szenenapplaus.

Landrat Günther-Martin Pauli sprach die Sorgen aus Meßstetten offen an: "Ein Dach überm Kopf reicht ja nicht. Die Betreuung der Leute kommt zu kurz. Es reicht hinten und vorne nicht aus." Und so sei es unvermeidlich, dass in einem 5000-Einwohner-Städtchen wie Meßstetten Ängste entstünden.

Auch Ministerin Öney sagte, man müsse die Ängste der Menschen Ernst nehmen, "um das Feld nicht den rechten Parteien zu überlassen". Sie betonte aber: "Integration braucht Zeit." An dieser Stelle suchte auch Pauli den überparteilichen Konsens. Er appellierte: "Keine Panik verbreiten". Man dürfe Zuwanderung nicht nur als Gefahr sehen, sondern auch als Chance. Und er lud alle Zweifler ein, zu kommen und die Flüchtlinge selbst kennen zu lernen. Das, so der Landrat, sei die beste Voraussetzung, um Ängste abzubauen.

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