Hechingen / Melanie Steitz Der Katholische Kindergarten in Hechingen ist nun Familienzentrum. Die Institution bezieht auch die Eltern mit ein.

Ein afrikanisches Sprichwort besagt: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ Und ein bisschen so ist das auch in Hechingen. Nachdem das Kinderhaus Fürstin Eugenie bereits zum Familienzentrum geworden ist, legte nun der Kindergarten St. Martin nach. Er leistet weitere Pionierarbeit auf diesem Gebiet.

Die Einrichtung ist ein lebendiger Treffpunkt – nicht nur für Kinder, sondern die gesamte Familie. Und das Betreuungs-, Bildungs-, Beratungs-, Begegnungs- und Begleitungsangebot ist vielfältig. Es gibt zum Beispiel Sprachkurse für Mütter, ein Elterncafé, eine Familienberatung, Vorträge, Koch- und Themenabende, Spielenachmittage, familienergänzende Hilfen (auch in Notsituationen) sowie die Unterstützung im Umgang mit Behörden und die Vermittlung an andere Fachdienste.

Für die neue Seelsorge im Kindergarten ist Melanie Fecker als Koordinatorin für Familienarbeit zuständig. Fecker, eine Quereinsteigerin und Religionspädagogin, hat dieses Programm mitentworfen. „Wir wollen niemanden zum Katholizismus bringen“, betont Pfarrer Michael Knaus. Die Macher des neuen Familienzentrums verfolgen einen „religionssensiblen Ansatz“. Das heißt, die Kirche missioniert die Eltern und deren Schützlinge nicht im Zuge der Bereitstellung des neuen Angebots. Sie will in Kooperation mit dem anderen Träger, der Stadt Hechingen, „einen Dienst an der Gesellschaft“ tun. Schließlich nimmt St. Martin die Kinder unabhängig ihrer Konfessionen auf. Und in den Sprachkursen für Mütter sitzen neun Frauen arabischer, kroatischer, griechischer, türkischer und syrischer Herkunft, die deutsch bei ausgebildeten Lehrern lernen.

„Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil des Familienzentrums“, hebt Pastoralreferentin Ulrike Stoll-Dyma die Sprachkurse hervor. Stoll-Dyma ist für die vier katholischen Kindergärten in Hechingen und die Kinderbibelwochen sowie religiöse Fragen zuständig. „Wir gehen auch gerne in diese Pionierrollen rein“, so Pastoralreferentin Stoll-Dyma. Geht das Konzept des Familienzentrums wie in Fürstin Eugenie auch in St. Martin auf, ließe es sich auf die Kindergärten St. Marien Weilheim und St. Nikolaus Boll übertragen. Die Perspektive sei schon ein gesamtstädtisches Angebot, resümiert Stoll-Dyma.

„Die Kinder kommen auch ohne Deutschkenntnisse“, erläutert Susanne Wannenmacher-Pavisic, Leiterin des Kiga St. Martin. Wenn die Kinder aus verschiedenen Kulturen, kommen, sei es wichtig, meint Kindergartengeschäftsführer Heinrich Ott, dass der Kindergarten als Institution Beziehungen zu den Eltern aufbaut und einen besseren Zugang zu ihnen findet, damit Hemmschwellen abgebaut werden, und sich diese bei Bedarf an die Seelsorge wenden.

Gerade wenn die Mütter – gestärkt durch das neue Bildungsangebot – Deutsch lernen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich daheim mit ihren Kindern auch deutsch unterhalten. Und Synergieeffekte in den Schulen ergeben sich anschließend ebenfalls. Insofern braucht es, um auf das eingangs erwähnte Sprichwort zurückzukommen, heutzutage schon ein Dorf, um die Kinder zu erziehen.

Damit dieses neue Familienzentrum auch architektonisch sichtbar ist, gab es einen intensiven Umbau, der im Herbst 2017 begann und ein Jahr später beendet war. 80 Prozent der Modernisierungskosten übernimmt die Stadt beziehungsweise indirekt auch das Land, 20 Prozent die katholische Kirchengemeinde. Im November startete dann die Familienarbeit. Seither gibt es laut Leiterin Wannenmacher-Pavisic positive Rückmeldungen. Die Ergebnisse der Fragebögen, die ausgeteilt wurden, werden derzeit noch ausgewertet, berichtet Melanie Fecker.

Ab 1. Januar wurde auch die neue Ganztagsgruppe in Betrieb genommen, denn gerade in Hechingen gibt es lange Wartelisten bei der Stadtverwaltung und die Plätze für Kinderbetreuung sind rar. Ganztags bedeutet in St. Martin von 7 bis 17 Uhr. Bisher gab es lediglich verlängerte Öffnungszeiten zwischen 7 und 14 Uhr sowie eine Krippengruppe, die von 7 bis 13 Uhr betreut wurde. Neun Schützlinge nehmen das neue Ganztagsangebot nun an, die Organisatoren rechnen aber bereits im Juli mit einer vollen Auslastung von 20 Kindern.

Auch das Kindercafé mit neuen Bistromöbeln, der Schlaf- und Sinnesbereich, das Personal- und Gruppenzimmer im Obergeschoss, die Schreibwerkstatt, der Kreativraum sowie das Maleratelier sollen den neuen Weg des Familienszentrums St. Martin ebnen und weiter festigen.

Tag der offenen Tür im neuen Familienzentrum

Zum bunten Programm am Tag der offenen Tür lädt der Kindergarten St. Martin am Samstag, 11. Mai, von 14 bis 17 Uhr ein. Dann können sich alle Interessierte selbst ein Bild von den neuen Räumlichkeiten des Familienzentrums und dessen Angeboten in der Stutenhofstraße 9 machen. Die Sprachkurse für Mütter finden mittwochs, 9 bis 10.30 Uhr, mit Claudia Walter (keine Vorkenntnisse nötig) sowie donnerstags, 9 bis 10 Uhr, mit Silvia Obermüller (Vorkenntnisse erwünscht) im Kindergarten statt.