Fußball-WM Spielen Sie mal Bundestrainer, Herr Zellmer!

Der Fußball ist für Uwe Zellmer ein immer wieder gern genommenes Bühnenrequisit.
Der Fußball ist für Uwe Zellmer ein immer wieder gern genommenes Bühnenrequisit. © Foto: Theater Lindenhof
Hechingen / Hardy Kromer 16.06.2018
Vor dem deutschen WM-Auftakt gibt Lindenhof-Gründer und Beinahe-Bayern-Profi Uwe Zellmer für die HZ-Leser den Jogi Löw.

Bundestrainer Jogi Löw ist in bester Gesellschaft. Alle zwei Jahre, wenn Welt- oder Europameisterschaft ist, bekommt er Ratschläge von Millionen Fußball-Experten, die gerne seinen Job machen würden. „Spielen Sie mal Bundestrainer!“ heißt es auch bei der HZ seit der Heim-WM im Jahre 2006 mit schöner Regelmäßigkeit. Vor jedem Turnierspiel der deutschen Nationalmannschaft suchen wir uns einen anderen Fußballfachmann (oder eine -fachfrau) aus der Region aus, um mit ihm (oder ihr) die wesentlichen Fragen vor dem Spiel zu erörtern.

Den Anfang machen wir diesmal mit Uwe Zellmer. Wie? Ist das nicht in erster Linie ein Theaterfachmann? Gewiss, aber nicht nur. Der inzwischen 71-jährige Mitbegründer des Melchinger Lindenhofs kann auch Fußball. Und wie! In den späten 60er- und frühen 70er-Jahren war er 22-maliger Studentennationalspieler und bei den Profis des FC Bayern München zum Probetraining geladen. Eine Verletzung verhinderte eine mögliche Karriere als Profikicker. Heute spielt er sich mit seinem kongenialen Bühnenpartner Bernhard Hurm im Programm „Südliche Tage“ auf der Bühne die Bälle zu. „Doppelpass und Jonglage – das klappt noch“, sagt er.

Spielen Sie mal Bundestrainer, Herr Zellmer! Wie groß sind denn Ihre Sorgen nach den ziemlich erbärmlichen letzten Vorbereitungsspielen gegen Österreich und Saudi-
Arabien?

Uwe Zellmer: Da habe ich gar keine Sorge. Diese Vorbereitungsspiele sind ja traditionell nicht gut. Da hat jeder vor allem Angst, sich noch zu verletzen. Also, das zählt gar nicht. Nein, keine Sorge. Wir haben ja bewährte Leute und keine Greenhörner.

Für erhebliche Unruhe im Vorfeld haben ja Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit ihrem freundlichen Zusammentreffen mit dem türkischen Machthaber Erdogan gesorgt. Hätten Sie als Bundestrainer die beiden daheim gelassen?

Nein, das hätte ich nicht. Eine solche Strafe hätte ich als zu hart empfunden. Man darf nicht vergessen: Wir haben ganz viele türkische Mitbürger in Deutschland, die Erdogan wählen. Waren es nicht um die 60 Prozent? Die denken ein bisschen anders als wir. Ich glaube, Özil und Gündagon haben bei der Aktion einfach nichts überlegt. Oder sie waren schlecht beraten. Also ich wäre nicht so weit gegangen, sie daheim zu lassen.

Und wie hätte ein Bundestrainer Zellmer in der Torwartfrage entscheiden?

So wie Bundestrainer Löw. Ich bin überzeugt: Das wird Manuel Neuers WM. Das riecht nach einer dieser wunderbaren Fußballgeschichten: Erst fürchten alle, dass es nicht klappt. Dann klappt es wunderlicherweise doch – und am Ende wird es seine WM.

Mit einer Dramaturgie, wie sie dem Theatermann Uwe Zellmer gefällt?

Ganz genau so.

Dann halten wir also fest: Manuel Neuer steht gegen Mexiko im Tor. Und wen würden Sie davor aufstellen?

In der Abwehr Kimmich (der neue Philipp Lahm und ein Schwabe), Boateng, Hummels und Hector. Davor Khedira und Kroos (von dem ich mir bei dieser WM auch sehr viel erwarte) und in der Offensive Müller, Özil, Reus und Werner.

Also Özil durchaus, obwohl es ja Zweifel gibt, ob er körperlich und mental fit ist?

Özil würde ich bringen. Und auch Reus würde ich die Chance von Beginn an geben. Der hatte in der Vergangenheit genug Pech. Der hat jetzt bestimmt viel Dampf übrig. Und in der zweiten Halbzeit würde ich dann Gomez für Werner einwechseln.

Wie schätzen Sie Mexiko als Gegner ein?

Die haben ja durchaus Schlagzeilen gemacht mit ihrem Damenbesuch im Trainingslager. Aber ich wage zu bezweifeln, ob ihnen das schadet. Also, die sind technisch stark. Aber das dürfte nicht reichen, um den Weltmeister zu gefährden.

Wie sähe dann Ihre taktische Marschroute aus?

Ich glaube, dass wir mit einer ganz starken Abwehr reingehen sollten. Da muss dann erst jemand durchkommen. Und das Übrige ergibt sich dann.

Ihr Tipp für den Sonntag?

Ich rechne mit einem 2:0 für Deutschland durch Tore von Timo Werner und Thomas Müller (ein Abpraller, mit dem Knie verwertet).

Blicken wir noch ein wenig auf den gesamten Turnierverlauf. Wird es der deutschen Mannschaft gelingen, den Weltmeistertitel zu verteidigen?

Ich weiß, dass je nach Umfrage 42 oder 48 Prozent der Deutschen daran glauben. Ich rechne nicht unbedingt so fest mit dem WM-Titel. Ich glaube schon, dass wir ein gutes Turnier spielen werden. Aber der WM-Titel wäre schon sensationell. Für realistisch halte ich das Halbfinale.

Und wer hat für Sie das Zeug dazu, es noch weiter zu bringen?

Frankreich. Die haben eine sehr junge Mannschaft. Das kann im Turnierverlauf ausschlaggebend sein. Und vielleicht Brasilien. Die haben etwas gutzumachen, und wenn Neymar in Form ist, traue ich denen einiges zu. Dann kommt aber auch schon Deutschland.

Und nicht Spanien?

Nein, ich habe nicht so viel Sympathie für Spanien. Ich mag den Ramos nicht mehr, nach dem, was er sich im Champions-League-Finale alles geleistet hat.

Kommen wir noch einmal auf einen Bundestrainer Zellmer zurück. Welche Akzente würden Sie im Turnierverlauf setzen, damit die Sache ein Erfolg wird?

Ich würde vorne ab und zu mal wechseln – und vor allem nicht zu spät einwechseln. Mario Gomez und Julian Brandt kann man ruhig mal früher bringen. Wir haben so einen breiten Kader. Das sollten wir unbedingt ausnutzen.

Und keine Angst, dass das „Türkenthema“ der Stimmungskiller wird?

Wenn’s am Sonntag gut läuft, ist das Thema vorbei.

Gemeinsames Gucken im Hohenzollerischen

Public Viewing im großen Stil gibt es im Hohenzollerischen an zwei Orten: Im Hechinger „Quartier Neustraße“ (früher City-Park) ist Platz für 1000 Leute. Der Eintritt kostet vier Euro. Ins Burladinger Feuerwehrhaus lädt wie gewohnt der Förderverein Sporthalle (bei freiem Eintritt).

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