Rangendingen / Melanie Steitz Die Rangendingerin Magdalene Kohl-Strobel lässt sich die Haare schneiden – und das für einen guten Zweck.

Neuer Haarschnitt, neuer Mann, heißt es ja immer. Bei der Rangendingerin Magdalene Kohl­-Strobel ist das nicht der Fall. Sie ist glücklich verheiratet. Nur die Haare lässt sich die 60-Jährige am Freitagvormittag um 30 Zentimeter bei Diana Dieringer, der Friseurmeisterin ihres Vertrauens, kürzen – und das für den guten Zweck.

Die beiden 2,5 Zentimeter dicken und 37,5 Gramm schweren Zöpfe schickt die Rangendingerin gemeinsam mit noch zwei weiteren aus dem Familienkreis bei der Wohltätigkeitsaktion „Rapunzel“ ein. Sie ist ein Projekt des Bundesverbands der Zweithaar-Spezialisten (BVZ), der bundesweit dazu aufruft, abgeschnittenes Echthaar, das in Perücken für schwer kranke Menschen verarbeitet wird, einzuschicken.

Im Fernsehen hat Magdalene Kohl-Strobel davon erfahren. In dem Film wurden die Haarspender mit den Menschen zusammengebracht, die deren abgeschnittenes Haar nun auf dem Kopf trugen, weil sie an Krebs oder einer Stoffwechselerkrankung litten. „Das ist für Kinder im Heranwachsendenalter und der Pubertät schwierig“, sagt Magdalene Kohl-Strobel empathisch.

Junge Menschen kämen teilweise alle drei Wochen, um sich die Haare schneiden zu lassen, weiß die Inhaberin vom Friseursalon Diana. Schönheit habe in unserer Gesellschaft einen großen Stellenwert, so Diana Dieringer. „Und wenn man das weiß, weiß man, wie schlimm es für Kranke ist, keine Haare zu haben“, resümiert Magdalene Kohl-Strobel.

Durch den Film nachdenklich gestimmt recherchierte die Rangendingerin im Internet. Dort stieß sie auf den BVZ und dessen Aktion Rapunzel. Mit ihrem Friseurbesuch, den die HZ exklusiv begleiten durfte, möchte die 60-Jährige andere Menschen ermutigen, ebenfalls bei Bedarf überflüssiges Echthaar zu spenden. Denn dieses ist rar, wird versteigert und deren Möglichkeit zu spenden, wie Magdalene Kohl-Strobel mittlerweile weiß, relativ unbekannt. Schlimmer noch: Ein Friseur habe einer Freundin gesagt, dass sie ihre abgeschnittenen Haare nicht mitnehmen könne, weil diese verschimmelten. Das schreit also nach Aufklärungsarbeit. Und nicht jeder kann spenden. Die Haare müssen eine gewisse Länge aufweisen und dürfen noch nie gefärbt worden sein.

Da scheiden viele potenzielle Spender schon einmal aus. „Mir war das nicht bewusst, dass ungefärbte Haare ein wertvoller Rohstoff sind“, betont die 60-Jährige. Warum Magdalene Kohl-Strobel noch nie ihre Haarfarbe verändert hat? „Vielleicht, weil ich eine Aversion habe, was ich meinem Körper antun muss“, sagt sie. Und aus gesundheitlichen Gründen. Wenn sie sie gefärbt hätte, dann in Rot. Mit der Aktion hat die Rangendingerin zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Zum einen kann sie ihre Haare schwer kranken Menschen zur Verfügung stellen, zum anderen kommt der Erlös der Stiftung „Humor Hilft Heilen“ zugute. Denn bei letzterer hat die Rangendingerin selbst Weiterbildungsmöglichkeiten genutzt, weil sie regelmäßig als Clown in einem Seniorenheim bei Herrenberg unterwegs ist.

Ihre ansteckende Fröhlichkeit verfliegt auch nicht am Ende beim Blick in den Spiegel. Der asymmetrische Bob ist richtig schön. Da sind sich alle im Raum einig. „Wunderbar, ganz klasse hast du es gemacht“, lobt Magdalene Kohl-Strobel die Friseurin. Und auch ihr Ehemann, der zufällig in der Gegend ist und kurz zur Tür hereinschneit, ist angetan. „Klasse“, findet er. Und: „Sieht gut aus.“ Außerdem: Die Haare sind sowieso „nur schmückendes Beiwerk“, findet er und erntet ein warmes Lächeln seiner Frau. So etwas hört man doch gern.

Keine Haarspalterei: Rekord liegt bei 57 500 Euro

Bei der jüngsten Versteigerung im April 2018 kamen ganze 140 Kilo Haare in zirka 1700 Zöpfen für die Versteigerung zusammen. Dening Hair aus Hamburg hat im vergangenen Jahr die Rekordsumme von 57 500 Euro dafür bezahlt. Somit konnte der BVZ 50 000 Euro an die „HHH“ - Stiftung spenden. Die nächste Versteigerung findet am 7. April in Fulda – nochmals zugunsten von HHH – statt. Einsenden kann man seine Haare noch bis Ende März. Die Zöpfe, die diesmal nicht nach Fulda mitkommen, bleiben bis zum kommenden Jahr in der Geschäftsstelle, in der Balinger Straße 17 in Rosenfeld, und kommen zur Versteigerung 2020 hinzu.

Was passiert, wenn die Bedürftigen wieder gesund sind? Es kommt darauf an, wie lange die Haare getragen und gepflegt wurden. Die Angehörigen von Verstorbenen können in Pflege- oder Seniorenheimen nachfragen, ob Perücken gebraucht werden und sie ihnen gegebenenfalls bei Bedarf schenken. An die Mitarbeiter des Bundesverbands für Zweithaar-Spezialisten (BVZ) dürfen die Haare aber nicht zurückgegeben werden, denn der Bundesverband darf die bereits getragenen Perücken nicht wieder verkaufen. Sophia Wenzel