Hechingen Schlaue lassen das Fahrrad stehen

Hechingen / MATTHIAS BADURA 17.08.2012
Es soll nochmal richtig heiß werden dieser Tage. Biergartenzeit. Wer gescheit ist, lässt sein Auto stehen. Und nimmt das Fahrrad? Davon raten Experten dringend ab. Das kann nicht nur den Führerschein kosten.

Es gibt Leute, die behaupten, Auto fahren könne man in jedem Grad der Trunkenheit. Man dürfe sich halt nicht erwischen lassen. Hingegen ein Fahrrad auf der Straße zu halten, das sei schon mit zwei Bierchen schwierig. Und falle man auf die Nase, tue es ohne Gurt und Airbag doppelt weh. Autsch und Aua.

Von solchen Weisheiten soll hier nicht die Rede sein. Tatsache ist, darüber sind sich Polizei, Verkehrsexperten und Staatsanwälte einig, (und das entspricht auch der Wahrnehmung): Wenn sie vorhaben etwas zu trinken, lassen viele Menschen das Auto stehen und schnappen sich stattdessen das Fahrrad, um an den Ort der Verlustierung und wieder zurück nach Hause zu gelangen. "Deshalb gibt es Leute, die sitzen ausschließlich dann auf dem Rad, wenn sie betrunken sind", sagt Roland Huhn, Rechtsreferent des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC).

Aber was passiert, wenn man alkoholisiert von der Polizei angehalten wird? Bis zur Grenze von 1,6 Promille Alkoholkonzentration im Blut geschieht erst einmal gar nichts - sofern der Angehaltene seinen Drahtesel noch einwandfrei beherrscht. Was schwierig sein dürfte. Huhn: "Da würde mancher schon mit weitaus weniger sein Fahrrad überhaupt nicht mal mehr finden."

Der Führerschein ist auch dann nicht automatisch weg, wenn diese Grenze erreicht oder überschritten wird. Allerdings müssen sich die Betreffenden in Folge einem medizinisch-psychologischen Gutachten unterziehen, dem sogenannten "Idiotentest". Damit ist die Fahrerlaubnis akut gefährdet.

Was, wenn der Pedalist im Alkoholdunst Schlangenlinien fabriziert oder in verkehrter Richtung durch eine Einbahnstraße saust? Muss er jetzt um seinen Führerschein fürchten? Nein, sagte Rechtsreferent Huhn. Es komme jedoch eine (möglicherweise empfindliche) Strafe auf den Delinquenten zu. Die Fahrerlaubnis werde aber nicht angetastet. Anders steht es, wenns gekracht hat und die Schuld auf Halbe und Kurze zurück zu führen ist. Dann kann je nach Fall, Verfahren und Gericht auch der Führerschein weg sein.

Im Zollernalbkreis müssen sich Polizei, Staatsanwaltschaft und Straßenverkehrsbehörde überaus selten mit dem Thema Alkohol am Lenker beschäftigen. (Selbst in der Fahrradstadt Tübingen fällt die Zahl angezechter Radler, die in einen Unfall verwickelt wurden, kaum ins Gewicht, wie gestern Ewald Raith, Pressesprecher der dortigen Polizeidirektion der HZ sagte.)

Das bedeutet nicht, es wären kaum Betrunkene auf zwei Rädern unterwegs. Die Dunkelziffer liegt vermutlich hoch. "Weil viele Radler nüchtern genauso rücksichtslos fahren, wie wenn sie betrunken sind, fallen sie alkoholisiert nicht auf und werden deshalb auch nicht so schnell kontrolliert" - diesen Satz hörte man gestern sinngemäß von mehreren Fachleuten.

Roland Huhn zufolge wurden im vergangenen Jahr bundesweit 3200 Führerscheine wegen zu hohem Alkoholkonsum eingezogen. Andererseits habe sich die Zahl der Fahrradunfälle, die auf Alkohol zurück zu führen sind, verringert. Im Jahr 2005 wurden 5000 Personen auf diese Weise verletzt oder getötet, 2011 waren es noch 3489. Auch die Verurteilungen betrunkener Radfahrer nahm in letzten zwei Jahren ab: von 11782 auf 9229.

Steht dahinter eine gesteigerte Einsicht? Dem ADFC ist das nicht genug. Er fordert, den Grenzwert der "absoluten Fahruntüchtigkeit" für Radfahrer von 1,6 Promille an den der motorisierten Verkehrsteilnehmer (1,1 Promille) anzugleichen.

Ergebnis: Die Geschichten vom Fahrradfahrer, dem bei der Routinekontrolle mit 0,8 Promille an Ort und Stelle der Führerschein "gezogen" wurde, sind Ammenmärchen. Radfahrer können es sogar in gewissem Sinne weiter treiben als die Motorisierten, doch sie besitzen keinen Freibrief.

Und schließlich behält der Beginn dieses Artikels insofern recht, als die Folgen eines Zweirad-Unfalls ziemlich schnell ziemlich schlimm sein können. "Wer zu betrunken ist, um Auto zu fahren, der sollte auch sein Fahrrad stehen lassen - oder schieben", rät Rechtsexperte Roland Huhn.

Info Weitere Informationen zu diesem Thema finden sich auf der Homepage des ADFC: www.adfc.de

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel