Hechingen Scat in der Stimme und Jazz im Blut

Vier Saxophon-Ladies und der Mann  am Schlagzeuge: Jazz vom Feinsten gab es beim Konzert mit „The Tiptons Sax Quartet & Drums“ in der Villa Eugenia zu hören.
Vier Saxophon-Ladies und der Mann  am Schlagzeuge: Jazz vom Feinsten gab es beim Konzert mit „The Tiptons Sax Quartet & Drums“ in der Villa Eugenia zu hören. © Foto: Diana Maute
Hechingen / Diana Maute 14.03.2018

Jazz? Nein, es ist nicht einfach nur Jazz, den die vier Saxophon-Ladies Amy Denio, Jessica Lurie, Sue Orfield und Tina Richerson, begleitet von Drummer Robert Kainar, aus dem Ärmel zaubern. Weltmusik ist es, ein Schmelztiegel der Rhythmen und Sounds, in dem sich die Kulturen vereinigen, ohne sich darin selbst zu verlieren. Im musikalischen „Cookbook“ der Gruppe stehen Rezepte, die einen Stilmix aus Micro-Big-Band, Gospel und Bluegrass beinhalten, gewürzt mit Balkan und Whimsical Jazz, abgeschmeckt mit Nocturnal Funk und Free Jazz.

Die Musik, die die Tiptons aus dem Ärmel zaubern, ist nicht nur unkonventionell, sie ist lässig und verwegen, forsch und spritzig – so temperamentvoll wie die US-Musikerinnen selbst. Kaum zu glauben, dass die vier quirligen Saxophon-Ladies schon seit 30 Jahren gemeinsam musizieren. „Wir haben immer noch Spaß“, lassen sie ihr Hechinger Publikum wissen, das vom ersten Moment an spürbar hingerissen ist von dem, was da auf der kleinen Bühne in der Villa Eugenia geboten ist. Einige wenige Töne genügen, und es ist klar: Hier erklingen Jazz und Co. auf höchstem Niveau; New Orleans grüßt in der Zollernstadt.

Die Musikerinnen aus Seattle, New York und Eau Claire, die seit vielen Jahren vom Salzburger Schlagzeuger Robert Kainar begleitet werden, greifen bei ihrem Auftritt zu Alt- , Tenor- und Baritonsaxophon, partiell auch zur Klarinette. Sie entführen in den „Shop of Wild Dreams“, lassen den energetischen „Brass Monkey“ erklingen und erzählen von kleinen, ganz persönlichen Alltagserlebnissen, die sie in ihre Stücke einfließen lassen. Dabei erfährt das Publikum etwa, wie das Stück „Snow Dog“ entstanden ist, das sich nicht wilden Alaska-Huskys, sondern den kleinen New Yorker Chihuahuas widmet. Den Musikerinnen und ihrem Drummer bereitet es diebische Freude, das Gekläffe der Hündchen im Sound einzubauen. Im Mittelpunkt stehen aber stets die rhythmisch komplexen Läufe und die virtuos-freien Soli der Saxophonistinnen, die es auf unnachahmlich lässige Weise schaffen, ihren Instrumenten soulhaltige Riffs zu entlocken und frische Sounds zu kreieren, die über die Ohren direkt ins Blut gehen. Schlagzeug und Percussion tragen swingende und treibende Jazz-Rhythmen bei, das Zusammenspiel mit den Saxophonen entwickelt sich mitunter gar zum augenzwinkernden Duell, in dem sich die Instrumente gegenseitig anspornen, nur um sich anschließend wieder ausgewogen zu verbünden.

Klänge aus Aserbaidschan, die den „arabischen Saxophon-Frühling“ verkörpern, wechseln sich ab mit „Salvatore“, einer humorvollen Hommage an die italienische Sprache, Sambarhythmen oder taiwanesischem Gesang. Einen frechen musikalischen Seitenhieb auf „einen bestimmten amerikanischen Präsidenten“, nämlich den 45., gibt es bei „Humans in Tiny Lower Case“ noch dazu.

Zur spielerischen Performance der Tiptons gehört auch die energiegeladene Interaktion zwischen Musikern und Publikum. Beim Scat singing, der vokalen Improvisation mit wortlosen Vokabeln und Nonsens-Silben wird die Stimme zum Instrument, Melodien und Rhythmen werden improvisiert. Ein einfaches „Ooooohhh“ entwickelt sich im Stück „Recipe for Disaster“ zum sonoren Grundton, während das „Tong tu, tongtong tu“ den eigentümlichen Rhythmus vorgibt. So wird Vocal Jazz, ebenso wie das ganze Konzert, zum Erlebnis.

Gute Kontakte machen’s möglich

Zu verdanken ist das erstklassige Konzerterlebnis dem Förderverein Villa Eugenia, insbesondere Franz-Josef Heukamp und der Rottweilerin Cornelia Dippon, die den Auftritt der Tiptons durch ihre Kontakte möglich machten.