Hechingen Rolf Steiner sucht Handke bei Teresa Welte

Rolf Steiner las bei Teresa Welte aus seinem Werk „Der Holunder­könig.“ Die Buchhändlerin stellte den Autor vor.
Rolf Steiner las bei Teresa Welte aus seinem Werk „Der Holunder­könig.“ Die Buchhändlerin stellte den Autor vor. © Foto: Diana Maute
Hechingen / Von Diana Maute 15.09.2018
Der Kölner Rolf Steiner las aus seinem Buch „Der Holunderkönig – Von einem, der auszog Peter Handke zu treffen“.

Sitzend, auf einer Bank am Bahnhof, harrt Rolf Steiner einer Begegnung. Wartend auf das, was da kommen und den Erwartungen entsprechen wird. Oder eben nicht. Ob das am Ende so wichtig ist? „Der Holunderkönig“ weiß mit dieser Frage umzugehen.

Das, was das Publikum bei der Lesung am Donnerstagabend in der Buchhandlung Teresa Welte erwartete, war ein schwärmerisches Eintauchen in die Welt der Literatur, in den Dunstkreis des Schriftstellers Peter Handke.

Rückkehr als Literat

Der, der dorthin entführte, Autor und Künstler Rolf Steiner, ist in Hechingen kein Unbekannter. Vor einigen Jahren war er mit einer Ausstellung im Weißen Häusle vertreten. Angela Bräuning und Ulrich Wanner ist es nun gemeinsam mit Teresa Welte gelungen, ihn auch mit seinem literarischen Werk in die Zollernstadt zu holen. Umrahmt wurde die Lesung vom Hechinger Künstler Dominique Rebourgeon, der die Worte des Autors mit den fesselnden Tönen seiner Hirtenflöte untermalte, umspielte und umriss – mal kraftvoll energetisch, mal zart und filigran.

Steiners Werk „Der Holunderkönig – Von einem, der auszog Peter Handke zu treffen“, ist eine Annäherung an den nicht unumstrittenen österreichischen Schriftsteller, der ihm über Jahrzehnte hinweg zum „geistigen Begleiter“ geworden ist. Nur eine Schwärmerei? Ein abstruses Nachjagen einer fixen Idee? Nicht für Steiner, der in seinem Buch beschreibt, wie er Handke peu à peu ganz nahe kommt.

Eines Morgens macht er sich auf nach Chaville, die Pariser Vorstadt, in der Peter Handke lebt. Ohne Plan, ohne Strategie zieht er los, um den zu treffen, dem er sich nahe fühlt, ohne im bisher nahe gekommen zu sein. Auf den Zufall setzend und mit einem Gedanken im Kopf: „Wenn ich da bin, wird auch er da sein.“ Kein Zweifel, „das wird geschehen.“

Wo er wohl wohnt?

Allein es geschieht nicht. Steiner malt sich aus, in welchem Haus Handke leben könnte. Er durchkämmt Straßen, fragt sich durch – ohne Erfolg. Als er sich eingestehen muss, dass seine Erwartungen nicht eingetroffen sind, ist er da enttäuscht? „Eigentlich war ich schon froh darüber, dass ich dieses unmögliche Unterfangen umgesetzt habe“, beschreibt er seine Gefühle. Und er gibt nicht auf. Beim zweiten Versuch, Handkes Haus zu finden, steht er plötzlich davor. Steht? „Von wegen: Ich gehe hin und her, auf und ab, vor und zurück.“ Steiner ist hin- und hergerissen zwischen flüchten und bleiben, ist fast enttäuscht, dass das Suchen ein Ende hat. Er verfasst einen „Suchbericht“, dessen Manuskript er Handke hinter das Gartentor stellt.

Postwendend erhält er einen Brief von dem Schriftsteller, der sein Agieren mit den Worten adelt: „Nun sehe ich einiges von diesem Ort auch mit Ihren Augen.“

Ein sporadischer Briefwechsel beginnt, der in der Einladung Handkes in sein Haus gipfelt. Stunden früher reist Steiner an, sitzt am Bahnhof und tut nur eines: Er wartet, und zwar vorsätzlich. „Merke: Nur derjenige ist ein großer Warter, der ein kleiner Erwarter ist.“ Dieser Erkenntnis ist in seinem Buch viel Raum gewidmet. Für Steiner besitzt das Warten unschätzbaren Wert; es ist eine geschenkte Zeit, verbunden mit Gedankenspielen und Vorahnungen. Die Kapitel über das Warten und das Erwarten bilden den eigentlichen „Kern“ des Buches, sie gehen in Selbstgesprächen auf und sind durchaus auch humoristisch durchzogen.

Als Steiner endlich im Garten Handkes sitzt, Esskastanien schälend und dem Flügelschlag einer Taube im Geäst der Bäume lauschend, eröffnet sich ein Bild: Zwei Männer sitzen am Tisch. „Zwischen ihnen ist es wie immer, obwohl es nie war.“ Das Suchen und Warten hat ein Ende und geht doch immer weiter. Denn die einfache Frage „Arbeiten Sie über Handkes Werk?“ beantwortet Steiner ganz lapidar: „Nein, es arbeitet in mir.“ Die Suche geht weiter und die Wartezeit weiß, wo sie ihren Verehrer finden kann.

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