Kein Zweifel: Der Duft von frisch gebackenem Brot ist unwiderstehlich und macht Appetit. Dass es in der Höfendorfer Kesslerstraße jeden zweiten Samstagvormittag danach riecht, dafür sorgt Gemeindebäckerin Anja Eger. Etwas besorgt blickt sie in die Zukunft. „Es sind nur noch ein paar Leute, die kommen“, klagt sie. Die Stammkundschaft werde durch Sterbefälle immer kleiner. Neue Kunden kämen kaum dazu. Um die vier Leute sind es durchschnittlich, die ihren fertigen Teig in Körbchen anliefern. „Früher waren es deutlich mehr“, berichtet Anja Eger, die den Job schon seit zehn Jahren voller Leidenschaft macht und diesen von ihrem Bruder Rudolf Baumelt übernommen hat.

Es geht um die Tradition

Gegen die Flaute kämpft auch Höfendorfs Ortsvorsteher Gerd Beiter an. Fast regelmäßig wirbt er fürs Brotbacken im Amtsblatt – leider ohne nennenswerten Erfolg. „Das ist jammerschade, denn Brotbacken ist ein schönes Hobby und lenkt ab“, verspricht die 45-Jährige, die als Gemeindebäckerin in Form eines Minijobs angestellt ist. „Verdienen tut man da wirklich nicht viel“, winkt die 45-Jährige ab und meint weiter: „Wegen des Geldes könnte ich längst aufhören. Mein Bestreben ist es, diese Tradition im Ort aufrecht zu erhalten.“

Wenn sich die Leute in der Gemeindebackküche versammeln, hat Anja Eger schon alles hergerichtet. Der vermutlich 40 Jahre alte weiße Backofen ist auf Betriebstemperatur. Den heizt die Gemeindebäckerin eineinhalb Stunden vorher an. Schlag 10 Uhr wird dann „eingeschossen“, wie es im Fachjargon heißt. „Das muss schnell gehen, sonst geht die Hitze verloren“, informiert Anja Eger. Beim Einschießen ist Erwin Beiter eine wertvolle Hilfe. Behutsam legt er den Teig auf die rund drei Meter lange Holzbackschaufel. Zwei Körbchen hat er zum Backen mitgebracht. „Den Teig hat meine Mutter gemacht“, erzählt Erwin Beiter. Theresia, seine Mutter, knetet mit ihren 91 Jahren immer noch von Hand den Brotteig. 30 Jahre lang war sie in der Höfendorfer Gemeindebackküche die Chefin.

Auch Speck- und Karottenbrote

Gebacken werden alle Brotsorten. Weizenmischbrote sind der Klassiker. Die Leute seien kreativ, stellt Anja Eger erfreut fest. Speck- und Karottenbrote habe sie schon des öfteren in den Ofen geschoben. Bevor die Laibe dort hinein kommen, steckt jeder einen Papierstreifen mit seinem Namen unter den Teig, um ein Vertauschen auszuschließen. „Aber keine Sorge, ich habe auch so den Überblick und weiß genau, wem welche Laibe gehören“, beruhigt die Bäckerin.

Auch Anja Eger backt für den Hausgebrauch. Ihre vier Brotlaibe bedecken die gesamte Ladefläche des Handziehwägelchens, das sie beim Gang zum Gemeindebackhaus hinter sich herzieht – so wie früher. Zu Hause backen will sie aber nicht. „Klar könnte ich bei mir einen Brotbackofen in den Keller stellen“, sagt die 45-Jährige. „Weil ich traditionell eingestellt bin, will ich das nicht.“ Die vier Brotlaibe reichen gerade zwei Wochen. Was nicht sofort gebraucht wird, kommt in die Gefriere. „Ein selbst gebackenes Brot ist was ganz Besonderes“, schwärmt sie. „Es sättigt besser, und man weiß, was drin ist.“ Die Brotliebhaberin ist sich sicher: „Industriell hergestellte Brote können da nicht mithalten.“ Ihre eigenen Kinder seien so groß geworden. In die Vesperbox der Kinder und des Ehemannes Alexander kommt nur original Höfendorfer Brot.

Je höher die Zahl, desto gesünder

Das Geheimnis eines gelungenen Brotes sei die Mehlsorte. „Meines hole ich von der Walkenmühle in Hechingen“, sagt Anja Eger. Je höher die Zahl, die neben der Mehlart steht, ist, desto gesünder und ballaststoffreicher ist auch das Mehl. Das normale Haushaltsmehl fängt bei Type 405 an und reicht bis zu 1150. Auch die Hefe ist ein wichtiger Bestandteil. Diese kauft Eger im Supermarkt. Das Teigen von Hand sei einfacher, wenn man eine möglichst große Schüssel nimmt. „Mit der einen Hand an den Teig ran und mit der anderen die Schüssel halten“, empfiehlt die Hobbybäckerin. Auf diese Weise werden nicht beide Hände mit Teig beklebt. Für einen Laib Brot verwendet Anja Eger eineinhalb Kilogramm Mehl. In der Mitte macht man eine Mulde und bröckelt die Hefe in kleine Stücke rein. In die Mulde kommt dann noch lauwarmes Wasser und Salz. Ruck-zuck ist der Teig angemischt. Nach dem Kneten muss die Masse 90 Minuten lang ruhen, bevor sie ein weiteres Mal durchgeknetet und für weitere 90 Minuten in einen Brotkorb, überdeckt mit einem Tuch, gelegt wird.

Fürs Lernen ist es nie zu spät

Anja Eger gibt ihr Fachwissen und Rezepte an andere weiter: „Wer das Brotbacken lernen will, darf sich gerne bei mir melden.“ Es sei dafür nie zu spät. „Auch für junge Frauen und Männer ist dieses einfache Handwerk kein Problem und keine große Kunst.“ Ehegatte Alexander Eger will vom Brotbacken allerdings nichts wissen: „Das ist Sache meiner Frau.“

90 Minuten Backzeit

Vergangenen Samstag schob Anja Eger insgesamt neun Brotlaibe – alle von Hand hergestellt, versichert sie – in die drei aufeinandergesetzten Schamott-Brotbacköfen von den Malag-Werken in Bretten. Gebacken wird bei einer Ober- und Unterhitze von 270 beziehungsweise 250 Grad. Beim Runterschalten der Temperatur bewegt Anja Eger die leicht angebackenen Brotlaibe mit der Schaufel und deckt den einen oder anderen Laib mit einer Alufolie ab. „Das tue ich, damit die Kruste nicht schwarz wird“, erklärt sie. Nach 90 Minuten Backzeit wird dann das fertige Brot aus den Öfen geholt. Anja Eger klopft jedes einzeln ab, um zu prüfen, ob’s genug gebacken ist. Hört sich das Klopfen hell an, ist es fertig. Zum Schluss kehrt sie mit einem Besen das Mehl von der Kruste und legt dann die heißen Laibe zur Abholung auf den Tisch.

240 Brote waren es im Vorjahr

Bis zu 15 Brotlaibe, je nach Größe, haben laut Anja Eger in den drei Schamottöfen Platz, die regelrechte Stromfresser sind. Anja Eger berichtet von 240 Broten, die letztes Jahr zum Stückpreis von 80 Cent gebacken wurden. Der Preis ist immer noch gleich. Zusammen mit einer Strichliste liefert Anja Eger das gleich einkassierte Bargeld im Rathaus ab.

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Jeden zweiten Samstag ist Backbetrieb


Gebacken wird immer an den Samstagen in den ungeraden Wochen. Wer am Brotbacken Interesse hat, darf sich bei Anja Eger telefonisch unter der Nummer 07478/261 152 melden.

Die Wohltaten von duftendem Brot


Laut einer Studie der Universität der Südbretagne wirkt sich der Duft von Brot positiv auf das Wohlbefinden aus. Die Studie hat gezeigt, dass der Geruch von frischem Brot Altruismus anregt und positive Gefühle weckt.