Hechingen / Stephanie Apelt Ein älterer Autofahrer musste sich vor Gericht verantworten. Er soll beinahe eine Fußgängerin samt Hund überfahren haben.

Es ist eine Geschichte, die sicher jeder schon erlebt hat. Ein Fußgänger will über den Zebrastreifen – und wird vom Autofahrern ignoriert. Wegen grober Fahrlässigkeit im Straßenverkehr musste sich jetzt ein älterer Autofahrer, über 80, vor dem Amtsgericht Hechingen verantworten. Der Rentner soll an einem Nachmittag Ende März vergangenen Jahres an einer Kreuzung mitten im Ort auf einem Zebrastreifen beinahe eine Frau und deren Hund überfahren haben.

Nein, 50 Stundenkilometer, wie die Staatsanwaltschaft ihm vorwarf, sei er mit seinem Auto sicher nicht unterwegs gewesen, beteuerte der Angeklagte, der sich bis dahin nie etwas hatte zuschulden kommen lassen und sich im Gerichtssaal sichtlich unwohl fühlte. Die Geschwindigkeit habe eher bei 30 oder 40 Stundenkilometern gelegen. Er habe es nicht eilig gehabt, sei unterwegs zu einem Ausflug in die Fliederstadt Haigerloch gewesen. Ein Umleitungsschild habe ihn in der Sicht behindert, ein spielender Hund habe ihn abgelenkt. Plötzlich sei die Frau da gestanden: „Ich habe sie einfach etwas spät gesehen.“ So wie die Frau sei auch er erschrocken gewesen, er sei dann weitergefahren.

Deutlich dramatischer schilderte die Frau ihrerseits den Vorfall. Sei habe mit ihrem Hund die Straße überqueren wollen. Sie sei schon in der Mitte gewesen, als das Auto kam. „Der hat überhaupt keine Anstalten gemacht anzuhalten. Der fuhr gnadenlos.“ Die Zeugin war sich sicher: „Wenn ich meinen Hund nicht zu mir gezogen hätte, wäre er unter dem Auto gewesen.“ In einem Brief an die Polizei hatte die Frau noch von einem Sprung nach hinten gesprochen, mit dem sie sich in Sicherheit hatte bringen müssen, „ein Sprung war es wohl nicht“, relativierte sie ihre Aussage.

Mit einem Bein im Gefängnis

Ein zweiter Zeuge wurde gehört, er hatte damals in seinem Auto warten müssen, um an der Kreuzung abbiegen zu können, dabei das Geschehen beobachtet. Die Frau, so schilderte er, sei am Zebrastreifen gestanden und wollte offensichtlich rüber, das Auto sei durchgefahren. „Ich fand die ganze Situation eigentlich nicht dramatisch“, meinte der Zeuge. „So knapp war es nicht.“ Wenn er über den Zebrastreifen wolle, warte er, bis die Autos stehen.

„Ich war damals schon perplex“, meinte der Zeuge, „als die Polizei mich vorgeladen hat, damit ich eine Aussage mache.“ Um erklärend anzufügen: „Jeder ist doch schon mal trotz Fußgänger über einen Zebrastreifen gefahren.“ Belehrte ihn prompt der Richter: „Wer so etwas tut, steht mit einem Bein im Gefängnis.“

Ja, so der Zeuge, die Frau habe ihren Hund kurz zurückgezogen, sie selbst sei stehen geblieben. Doch zu dem Zeitpunkt sei das Auto bestimmt noch gut zehn bis 15 Meter entfernt gewesen.

Das erstaunte den Richter dann doch. Bei dieser Entfernung tue er sich etwas schwer, eine „konkrete Gefahr“ anzunehmen; von der spricht man, wenn es nur noch purer Zufall ist, wenn nichts passiert, wenn man selbst nichts mehr machen kann.

Auch die Staatsanwaltschaft räumte ein, dass die Fußgängerin das Szenario „in der Schrecksituation vielleicht etwas knapper wahrgenommen habe, als es tatsächlich passiert ist“. Wobei das Fahrverhalten das Autofahrers sicher „nicht ganz in Ordnung gewesen ist“.

Das Urteil des Richters: Der Angeklagte wird freigesprochen. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.

Klare Worte des Richters

Doch ehe der Angeklagte aufatmen konnte, fand der Richter klare Worte. Das Fahrverhalten des Mannes sei „eine Sauerei“ gewesen, nichts anderes als „rücksichtslos“. „Aber damit es strafbar ist, muss die konkrete Gefahr hinzukommen.“ Und die habe es eben nicht gegeben. Selbst um das Bußgeld für eine Ordnungswidrigkeit kam der Autofahrer herum, die Tat war verjährt.

Blieb die dringende Mahnung des Richters an den Autofahrer: „Werden Sie langsamer, wenn Sie auf einen Zebrastreifen zufahren, und schauen, ob da jemand steht.“ Denn sonst ist der Führerschein schnell weg. „Und wenn etwas passiert, machen Sie sich die größten Vorwürfe.“