Hechingen Pfullendorfer Eskapaden vor Gericht

Hechingen / Hardy Kromer 18.01.2019
Strammstehen im Schlafanzug: Am Hechinger Landgericht geht es um möglichen Missbrauch in der Staufener-Kaserne.

Von Scheinerschießungen ist die Rede, vom Verbreiten rechtsextremer Videos, vom Einschleusen von Frauen in die Kaserne, von Sicherheitsverstößen und Saufgelagen. Wenn es um angebliche oder tatsächliche Eskapaden in der Pfullendorfer Staufer-Kaserne geht (die seit zwei Jahren auch den Beinamen Skandal-Kaserne trägt), dann ist es mit der beschaulichen Ruhe im Hechinger Gerichtsgebäude dahin. Dann gelten Sicherheitsvorkehrungen, wie man sie bisher nur vom Mordprozess 2017 kannte, dann schickt die ARD ein großes Kamerateam, und Reporter des Südwestrundfunks und der Frankfurter Allgemeinen interviewen die Zeugen auf den Fluren.

Dabei geht es in diesem (Berufungs-)Verfahren, das die 11. Kleine Strafkammer am Donnerstagnachmittag eröffnet, gar nicht zentral um die großen Skandal­themen, mit denen sich die Ausbildungskompanie 209 vor zwei Jahren bundesweit in Verruf gebracht hat und die sogar den Stuhl von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wackeln ließen. Aber den medialen Resonanzboden bilden sie eben doch.

Missbrauch der Befehlsbefugnis

Der Reihe nach: Angeklagt ist ein 30-jähriger Unteroffizier aus Berlin, der vor zwei Jahren in besagter Pfullendorfer Kompanie Dienst tat. Die Hechinger Staatsanwaltschaft wirft ihm Missbrauch der Befehlsbefugnis vor. Der Mann soll im Dezember 2016 einen ihm unterstellten „Kameraden“, mit dem er die Stube teilte, zweimal strammstehen lassen haben – einmal in der Mittagspause, einmal zu nachtschlafender Zeit: Der junge Rekrut soll geweckt und im Schlafanzug „ins Achtung gestellt“ worden sein. Dabei soll der Angeklagte möglicherweise auch ein Foto von seinem gedemütigten Untergebenen gemacht haben.

Für diese Missbrauchshandlungen war der Unteroffizier vom Amtsgericht Sigmaringen zu insgesamt 1500 Euro Geldstrafe verurteilt worden. In der Hechinger Heiligkreuzstraße ist das Verfahren gelandet, weil der Verurteilte Berufung eingelegt hat.

Von Richter Volker Schwarz befragt, machte der 30-Jährige erstmals Angaben zur Sache und bestritt die Version der Anklage. Er habe mit seinem Stubenkameraden immer ein freundschaftliches, ungezwungenes Verhältnis gehabt. „Knackpunkte“ habe er erst festgestellt, nachdem er selbst zu Beginn des Jahres 2017 verschiedene Missstände in seiner Kompanie an den Militärischen Abschirmdienst, den MAD, gemeldet habe: dass es regelmäßig zu „Saufgelagen“ komme, dass er aus zuverlässiger Quelle von „Scheinerschießungen“ von Kameraden gehört habe, dass er mitbekommen habe, wie auf den Stuben Videos von einer verurteilten Holocaust-Leugnerin geteilt wurden – und dass es zu eklatanten Sicherheitsverstößen gekommen sei, indem Zivilpersonen – Freundinnen – in die Kaserne „reingeschleust“ worden seien.

Dieses Arbeitsumfeld, so stellte der Berliner mit Abitur und angefangenem Jurastudium fest, habe seinen Erwartungen nicht entsprochen: „Ich wollte Offizier werden, als ich nach Pfullendorf gegangen bin. Ich hatte einen anderen Menschenschlag erwartet. Mit diesen ganzen Eskapaden konnte ich nichts anfangen.“ Nachdem er seine Beobachtungen anzeigt habe, habe sich „der starke Korpsgeist in dieser Fallschirmjägertruppe“ bemerkbar gemacht. Eines Tages sei jemand vor seiner privaten Haustür gestanden und habe ihm klar gemacht: „So was meldet man intern.“ Nach außen hin „hält man die Klappe“.

Ob die ganze Angelegenheit mit dem Strammstehenlassen des Stubenkameraden und dem Missbrauch der Befehlsbefugnis also „ein Komplott“ sei, „eine Retourkutsche, um ihm eins auszuwischen, weil er Missstände angeprangert hat“, wollte Richter Volker Schwarz von verschiedenen Zeugen wissen, zuvorderst von dem mutmaßlichen Opfer selbst. Der 21-Jährige, damals im kleinen Rang eines Jägers, heute selbst Unteroffizier, verneinte dies. Er räumte ein: „Es gibt Missstände in Pfullendorf.“ Da würden Akten verschlampt und Beförderungen zu spät ausgesprochen. Aber das, was der Angeklagte geschildert habe, gebe es nicht. Auch die anderen als Zeugen geladenen Soldaten bestritten die Version, dass es sich bei der Anklage um einen Rachefeldzug gegen einen Nestbeschmutzer handeln könnte. Relativ detailliert und vergleichsweise unisono schilderten die Soldaten, wie sie damals von den mutmaßlichen Vorfällen auf der Stube erfahren hätten – und wie die Unteroffiziersrunde damit umgegangen sei. Der damalige Zugsprecher habe die Gleichrangigen nach Dienstschluss zusammengerufen und dem Kameraden – dem heutigen Angeklagten – unmissverständlich klar gemacht, dass es ein Unding sei, einen Untergebenen auf der Stube „ins Achtung zu stellen“ – schon gar nicht im Schlafanzug und mit Handyfoto. „Ins Achtung stellen ist eine disziplinarische Maßnahme, die nur im absoluten Ausnahmefall angewendet wird“, erläuterte einer der Unteroffizieren dem Richter und den Schöffen die Gepflogenheiten bei der Truppe. „Man macht das auf gar keinen Fall aus Spaß oder um seine Macht auszuüben.“

Das „Achtung!“ herausgerutscht

Der Angeklagte freilich blieb bei seiner Position, dass es die geschilderten Vorfälle so nicht gegeben habe. Es könne sein, dass ihm mal ein „Achtung!“ herausgerutscht sei, als ihm der Stubenkamerad bei einem Telefonat mit der Freundin dazwischengequatscht habe. Als militärischer Befehl sei das aber nicht gemeint gewesen.

Ungereimt blieben die zeitlichen Abläufe – und damit auch die Frage, wer zuerst gegen wen Vorwürfe erhob. Klarheit sollen die Dienstpläne, Stubenbelegungspläne und Schießbücher der Kompanie bringen, die das Gericht jetzt von einem Pfullendorfer Kommandeur anfordern will. Erst wenn diese vorliegen, soll der Prozess am 29. Januar fortgesetzt werden.

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel