Hechingen Pfarrer Knaus und die Brandrede

Diese Woche zu Gast bei der HZ, am Samstag feiert er Investitur: Pfarrer Michael Knaus.
Diese Woche zu Gast bei der HZ, am Samstag feiert er Investitur: Pfarrer Michael Knaus. © Foto: Hardy Kromer
Hechingen / Hardy Kromer 08.06.2018
Michael Knaus, Stadtpfarrer von Hechingen, feiert Investitur. Die HZ sprach mit ihm über seine ersten 100 Tage.

Eine Stecknadel hätte man fallen hören können während des Pfingstgottesdienstes in der Hechinger Stiftskirche. So aufrüttelnd wie der neue Pfarrer Michael Knaus hat dort schon lange kein Geistlicher mehr gepredigt. „Schon ein Vierteljahr bin ich jetzt hier, dennoch habe ich noch ganz wenig persönliche Kontakte“, stellte der neue Leiter der Seelsorgeeinheit St. Luzius ungeschminkt fest. Und appellierte mit Verve, flehte fast: „Wir müssen uns endlich wieder miteinander unterhalten, uns füreinander interessieren.“

Das saß. Knaus hatte ein schonungsloses Bild vom inneren Zustand seiner neuen Gemeinde gezeichnet. Und das keineswegs aus Versehen oder aus dem Affekt heraus. Nein, was viele Gemeindemitglieder als „Brandrede“ empfanden, habe er „bewusst polarisierend als Stilmittel eingesetzt“, sagt Michael Knaus als HZ-Gast der Woche unmittelbar bevor er heute in der Stiftskirche seine Investitur feiern darf. Er, so sagt der 43-Jährige über sein Selbstverständnis als Gemeindepfarrer, sehe sich „nicht als Erfüllungsgehilfe von außen“, sondern als einer, dessen Aufgabe es sei, „mit den Leuten hier Lösungen zu erarbeiten“. Und um Menschen zu finden, die dabei mitmachen wollten, „braucht es ab und an auch Brandreden.“ Von Anfang an, so verrät er in einer ersten Bilanz nach gut vier Monaten, sei ihm aufgefallen, „dass wir in der Gemeinde viel zu wenig miteinander reden“. Manchmal, so Pfarrer Knaus, habe er das Gefühl, „als lebten wir wie in einem Hochhaus miteinander. Die Erstbewohner kennen sich, sind gut vernetzt, reden miteinander.“ Andere, später Hinzugekommene, würde dagegen gar nicht in die Kommunikation einbezogen. „Die haben das Gefühl zu stören. Und da haben wir ein Riesenproblem.“ Der Pfarrer, der aus Meßstetten-Hartheim stammt, räumt ein, nach ein paar Wochen in Hechingen „große Ernüchterung“ verspürt zu haben. In Freiburg habe man ihm den Eindruck vermittelt: „In Hechingen entwickelt sich was.“ Doch wo er einen Strudel der Begeisterung, junge, engagierte Leute erwartet habe, habe er „Müdigkeit, Zähigkeit“ festgestellt. Sein Eindruck: „Die Kirchengebäude dominieren zwar das Ortsbild. Aber in der Gesellschaft ist die Kirche eine absolute Randerscheinung.“

An diesem traurigen Bild hat er sich vorgenommen zu rütteln. „Sonst“, so meint er, „kann in zehn, 15 Jahren der Letzte das Licht ausmachen.“ Und wenn Knaus einen Ruck auslösen will, dann geht es ihm gar nicht um eine katholische Mission. Er will junge Leute „nicht zu bekehrten Superchristen machen“. Aber er möchte etwas gegen Egoismus und Abschottung tun, Menschen zusammenbringen und Ideen entwickeln lassen – nicht nur im Interesse der katholischen Kirche, sondern der gesamten Stadt. Sein Appell an alle, auch an die evangelischen Kollegen, lautet: „Wir müssen deutlicher zusammenrücken, um das Christliche aufrechtzuerhalten und dem Menschlichen Platz zu geben.“ Zufrieden hat Michael Knaus festgestellt, dass er mit seiner Pfingstpredigt erste Anstöße gegeben, „einen Nerv getroffen“ hat. „Was glauben Sie, wie viele Einladungen zum Mittagessen ich gekriegt habe?“ Das habe ihn einerseits gefreut, andererseits sagte er den Einladern aber: „Darum ging’s mir gar nicht. Ladet lieber mal eure Nachbarn ein!“ Gleichwohl räumt er ein, es zu genießen, mittlerweile häufiger auf der Straße angesprochen zu werden.

Zu präsizieren weiß er mittlerweile auch ein klares Vorhaben: Im Laufe dieses Jahres will er in sämtlichen Teilgemeinden der Seelsorgeeinheit („bis nach Beuren hoch“) in öffentlichen Veranstaltungen in den Dialog mit den Menschen kommen und Fragen stellen wie: „Was wollt ihr? Sollen wir weitermachen oder aufhören?“ Jedem Gemeindemitglied will der Pfarrer die Gelegenheit geben sich zu äußern, bevor Entscheidungen getroffen werden. Und er stellt in Aussicht, „jeden Aufbruch“, den er verspürt, zu unterstützen.

Die Bestandsaufnahme, die sich Knaus vorgenommen hat, betrifft aber nicht nur die innere Verfassung der Gemeinde, sondern auch den baulichen Zustand ihrer Kirchen. 15 an der Zahl gibt es in der Seelsorgeeinheit, und St. Jakobus – man ahnt es – wird beileibe nicht die einzige Baustelle bleiben. Die Gebäudeerfassung durch das Erzbistum, so Knaus, laufe, und die Pfarrgemeinderatssitzung, in der die Ergebnisse präsentiert werden, werde bestimmt für lange Gesichter sorgen. Ihm schwant schon heute: „Das wird spannend, welche Kirche als Erste entwidmet werden muss.“

Eine realistische Sichtweise, keine Schwarzmalerei, betont Knaus. Und dennoch will er sich nicht damit abfinden: „Ich glaube fest daran, dass wir das Schlimmste abwenden und manche Dinge schaffen können. aber dazu braucht es ganz viele Verbündete.“ Diese zu suchen, will sich der Pfarrer auf den Weg machen, mal mit, mal ohne Brandreden.

Heute Investitur von Pfarrer Michael Knaus

An diesem Wochenende ist Dekan Alexander Halter zur Visitation in der Seelsorgeeinheit St. Luzius. Ihren Abschluss findet sie heute Abend um 18.30 Uhr in der Eucharistiefeier in der Stiftskirche. Im Rahmen des Gottesdienstes findet die Investitur von Pfarrer Michael Knaus statt. Mit diesem Akt werden die Hechinger Pfarreien formal an ihn übertragen. Nach dem Gottesdienst ist die Gemeinde zum Empfang in die Stadthalle „Museum“ eingeladen.

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