Wer den geschäftsführenden Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Hechingen kennt, der muss sich wiederum nicht wundern. Denn Herbert Würth hat durch seine Frau, eine Nordirin, seit vielen Jahren den ultimativen Einblick in die blutige Geschichte. Von Mai bis Juli hat sich der Geistliche im Rahmen eines Studiensemesters des Themas „Versöhnungsarbeit in Nordirland und die Rolle der Kirchen“ angenommen. Sein Fazit fällt eher düster aus. Und die Vertreter der Geistlichkeit kommen so gut gewiss nicht weg. Wo es hakt, dass Protestanten und Katholiken sich nur sehr mühsam aufeinander zubewegen, wenn überhaupt, benennt Würth ganz klar. Ob der „kalte Friede“ im Nordwesten Europas zu einem richtigen werden kann? Der Hechinger Geistliche ist skeptisch.

Beim Gottesdienst am 1. September in der Johanneskirche will Herbert Würth den Grund für seine zwölfwöchige Abwesenheit aus der Gemeinde zum Thema machen. Es geht um Versöhnung. Die fällt, geben wir es zu, mitunter schwer, ist aber im Fall Nordirland immens schwere Arbeit. Ins lutherische Gotteshaus wird Würth wahrscheinlich ein keltisches Kreuz mitbringen, das er in einem Antiquitätenladen gekauft hat. Pfarrer lieben es symbolisch, und dieses knapp 30 Zentimeter große Stück bearbeitetes Holz hat ganz viel davon.

Kriegsgefangen – oder nicht

Beeindruckend, so betont der Pfarrer, an diesem Kreuz sei vor allem der Text auf der Rück­seite: „1975“ – „Long Kesh“ – „Rira“ – „Pow“ – „Ireland“. Der Künstler, laut Angabe auf der Unterseite des Kreuzes ein Mann namens Pat O’Neill, lebt nach Auskunft des Ladenbesitzers wohl noch in einem Dorf in Nordirland und kam in den Genuss der großen Amnestie. Herbert Würth erläutert weiter: „Das Datum verweist auf die blutigsten Jahre des Bürgerkriegs mit Internierung der IRA-Kämpfer in das Gefängnis Long Kesh. „Pow“ deutet auf den Status hin, den die IRA-Kämpfer für sich beanspruchten, das heißt, Kriegsgefangene zu sein; für die Gegenseite waren sie Terroristen.“ Kirche und Glaube, unterstreicht der Hechinger Pfarrer, seien in diesem Konflikt immer präsent. Dieses Kreuz stehe für die Verbindung von Glaube, Politik und Gewalt in Nordirland.

Seit der Jahrtausendwende hatte man annehmen können, dass die blutige Auseinandersetzung zwischen Christen zumindest eingefroren ist. Doch beigelegt ist der Konflikt nicht. Beim Brexit geht es unter anderem um die Grenze zwischen Nordirland und Irland als EU-Außengrenze. Die Spannungen wachsen wieder, was die Ermordung der Journalistin Lyra McKee durch die „Neue“ IRA und eine (nicht gezündete) Bombe unter dem Auto eines Poli­zeioffiziers in Belfast zeigen. Es könnte also alles wieder von vorne losgehen.

Nur sich selbst sehen

Pfarrer Herbert Würth, der sich nicht anmaßen will, in relativ kurzer Zeit das ultimative Verständnis erhalten zu haben, kommt in seiner Studie „Versöhnungsarbeit in Nordirland und die Rolle der Kirchen“ zu einem nüchternen Fazit: Wird der Sektarianismus nicht überwunden, ist kaum etwas zu bewegen. Ohne Fremdwort: Das Übel des nordirischen Dauerkonflikts liegt darin, dass sich die Menschen ausschließlich mit ihrer eigenen Identität befassen und dadurch etwas anderes erst gar nicht zulassen. Herbert Würth: „Die Zugehörigkeit zu etwas ist etwas Gutes. Schlecht wird alles, wenn die Zugehörigkeit zu einer Gruppe das Schlechtmachen anderer Gruppen begründet.“

Das Schlimme, sagt Herbert Würth nach seinen mehrmonatigen Studien und Interviews mit Zeitzeugen, sei, dass die blutigen Auseinandersetzung damals und auch heute wieder mit der Bibel in der Hand geführt würden. Beide, unterdrückte Katholiken wie die Protestanten in ihrer großen Bevölkerungsmehrheit, führten dabei ausschließlich das Alte Testament an. So archaisch es dort zugeht, so bekriegten sich einst die verfeindeten Parteien auf der Insel. Das Neue Testament werde nicht ernst genug genommen. Dabei hält dieses doch das Gebot der Liebe und das Friedensgebot parat.

Dass es mit der Versöhnung in Nordirland partout nicht weitergeht, daran gibt der Hechinger Geistliche auch den Kirchen eine Mitschuld: Sie hätten nicht genügend dazu beigetragen, hätten nicht die Hardliner einfach „rausgeschmissen“. Von der Ökumene in Deutschland, sagt Herbert Würth, könnten die Nordiren lernen. Auch hierzulande hätte man vor gar nicht so langer Zeit niemals gedacht, wie weit man mit der Annäherung und Versöhnung kommen könne. In Hechingen offenkundig besonders weit (siehe Extrakasten).

Info Die komplette Studienarbeit soll ab kommender Woche auf der Homepage der Kirchengemeinde nachzulesen sein (www.ev-kirche-hechingen.de).

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