Hechingen Opulente Oper im jazzigen Gewand

"Parsifal" und das Dieter-Ilg-Trio: das geht prima. Foto: Antonia Lezerkoss
"Parsifal" und das Dieter-Ilg-Trio: das geht prima. Foto: Antonia Lezerkoss
Hechingen / ANTONIA LEZERKOSS 17.03.2014
Auf Einladung des Kunstvereins begeisterte das Klavier-Bass-Drum-Trio Rainer Böhm, Dieter Ilg und Patrice Héral mit "Parsifal" in der Alten Synagoge.

Richard Wagner und Jazz? Wie würde wohl der deutsche Opern-Titan die Bemühungen der Jazzer um sein Werk sehen? Nun, Wagner hätten sicher die Haare zu Berge gestanden. Doch Dieter Ilg traut sich an große Werke und macht auch vor Richard Wagner nicht Halt. Beflügelt von erfolgreichen Bearbeitung von Verdis "Otello" und entfernt von geistigen Sofakissen, erschloss sich der Freiburger Ausnahme-Bassist nun auf genial-lustvolle Weise dieses Weltabschiedswerk des "Übervaters der Oper" und verdichtete die monumentalen, musikalischen Stimmen variantenreich zu einem kammermusikalischen Jazz-Opus. Deutlicher Schwerpunkt ist die Trioarbeit. Mit dem vielfach ausgezeichneten Pianisten Rainer Böhm und dem französischen Drummer Patrice Héral weiß Dieter Ilg die richtigen Partner für das Wagner-Projekt an seiner Seite.

Beide korrespondierten kongenial mit dem singenden Bass des Echo-Preisträgers. Die unerschöpflichen musikalischen Möglichkeiten der Klassik für den Jazz ausnützend, eröffnete das Trio eine exqisite, berückend-groovende, musikalische Konversation. In inspirierendem Dialog spielten sich die Künstler die reichlich sprudelnden Ideen geschickt zu und verzauberten das Publikum mit großartigen Kammerjazz. Sensibel, der sich entwickelnden dramatisch-flackernden Spur folgend, gestaltete Rainer Böhm sein engagiertes Pianospiel ungemein geschmeidig und brillant von verinnerlicht, melodiös und zart, bis zum stampfenden, mit vollem Körpereinsatz wahnwitzig flinkem Martellato. Kesser Spielwitz war neben technischer Raffinesse und feinsinnigem Musizieren auch die herausragende Eigenschaft von Patrice Héral. Koboldhaft half er der Melo-Dramatik schon auch mal mit rappenden Vokalisen auf die Sprünge der Leidenschaft. Dieter Ilg am lupenrein intonierten Kontrabass war Fundament, richtungsweisender Gestalter und überragender Solist. Abwechslungsreich auf allen erdenklichen Ebenen und erfindungsfreudig, ohne Effekthascherei und doch hochvirtuos, gestaltete Ilg seine magische, zauberhafte Klangwelt und fügte seinem bravourösen Spiel genau die richtige Dosis Attacke hinzu, mit der sich rhythmische Spannung herrlich verdichten lässt.

Ernsthaft und hingebungsvoll setzten sich die Musiker mit dem Emotionsgehalt der Wagnerischen Tondichtung auseinander, so dass sich das gedanklich-musikalische Konzept in ihrem Vortrag perfekt widerspiegelte: Das intensive, spannungsgeladene und virtuose Spiel mit Gegensätzlichem im eröffnenden Stück "Zum Raum wird hier die Zeit" gab den Tenor des Abends vor. Zart und dezent verspielt folgten Wagners ominöse Gralsglocken. Das großangelegte, aufwühlende "Parsifal"-Motiv wechselte zwischen Dur und Moll, der "Zaubergarten" war nahezu schwebend, in leichte Melancholie gegossen; Wagners programmatisches "Ich bin ein reiner Tor" wurde mit treibendem Groove kompakt verdichtet und türmte sich dramatisch auf. Mit sinnlicher Schlichtheit und tief berührend erschien "Herzeleid".

Ein Wagner, der Spaß macht. Das muss man erst mal hinbekommen.

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