Hechingen Offener Zoff um zwei Arztpraxen

Hechingen / Hardy Kromer 14.03.2018
Der Hechinger Gemeinderat wehrt sich einstimmig gegen die weiteren Pläne des Landkreises fürs ehemalige Krankenhaus.

Gschmäckle war noch der harmloseste Ausdruck, „Korruptionsverdacht“ der härteste Begriff, der am Donnerstagabend im Hechinger Ratssaal fiel. Massive Geschütze fuhren Hechinger Stadträte in ihrer öffentlichen Sondersitzung gegen die Vertreter des Landratsamts auf, als über die weitere Zukunft des ehemaligen Hechinger Krankenhauses diskutiert wurde. Und am Kopf des Tisches tauschten zwei CDU-Parteifreunde, Erster Beigeordneter Philipp Hahn und Landrat Günther-Martin Pauli, Nickligkeiten aus, die man so nicht für möglich gehalten hatte, die teilweise sogar ins Persönliche gingen. Eine denkwürdige Sitzung!

Stein des Anstoßes ist folgender Plan des Landkreises, den Pauli und sein Finanzdezernent Christoph Heneka vortrugen: Wenn im Laufe des nächsten Winters der Westflügel des ehemaligen Hechinger Krankenhauses abgerissen sein wird, dann soll an dieser Stelle ein zweistöckiger, neuer Anbau entstehen. Die dafür benötigte Fläche will der Landkreis dem Betreiber der „Sonnen-Apotheke“ per Erbbaupacht zur Verfügung stellen. Der Bisinger Apotheker soll dabei als Investor auftreten und das obere Stockwerk auf eigene Rechnung an zwei Hechinger Fachärzte vermieten dürfen, die Heneka schon fest am Angelhaken hat: den Hautarzt vom Hechinger Kirchplatz und den Internisten und Onkologen vom Stockoch.

Nun hat man im Hechinger Rathaus nichts gegen den Neubau des Apothekers. Was „sauer aufstößt“, wie Freie-Wähler-Sprecher Werner Beck es formulierte, und im Gemeinderat rundweg abgelehnt wird, ist die Integration zweier Arztpraxen in diesen Anbau – und zwar zu einem für die interessierten Ärzte „sensationellen Mietpreis-Angebot“, wie Philipp Hahn erfahren haben will. „Wir wollen nicht, dass Sie dem Wegzug weitere Ärzte aus unserer Innenstadt Vorschub leisten“, war Hahns Botschaft an Pauli und Heneka. CDU-Fraktionssprecher Dr. Lorenz Welte brachte es auf folgenden Punkt: „Dieser Neubau ist nicht für und mit Hechingen, sondern gegen Hechingen.“

Welte und Werner Beck ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, als sie unisono die Fragwürdigkeit des Konstruktes aufzeigten, in dem sie auf „klare wirtschaftliche Abhängigkeiten“ (so Beck) hinwiesen. „Die Apotheke“, sagte Welte, „lebt von den Arztpraxen. Und wenn der Apotheker dann nicht ortsübliche Mietpreise verlangt, dann steht der Korruptionsverdacht im Raum.“ Werner Beck warnte gar vor einem drohenden Ermittlungsverfahren, sollte ein Dritter gegen das Konstrukt Einspruch erheben.

Landrat Pauli wollte sich dagegen nicht über mögliche Straftatbestände belehren lassen und versicherte: „Wir lassen nichts Rechtswidriges zu.“ Der Landkreis jedenfalls operiere nicht mit Dumpingpreisen. Und: „Wir haben die Ärzte nicht da runtergeprügelt.“ Diese kämen vielmehr gerne ins Zentrum am Fürstengarten, weil sie dort Arbeitsbedingungen vorfänden, die sich von denen in der Innenstadt unterschieden „wie Tag und Nacht“. Die Alternative, ergänzte Christoph Heneka, wäre, dass die beiden Ärzte abzuwandern drohten: „Das würde Löcher reißen.“

Dem widersprachen Philipp Hahn und Lorenz Welte energisch: Die Gefahr des Abwanderns sei eher gering. Und: Es entstünden in der Innenstadt durchaus neue Gebäude, die Ärzten Möglichkeiten bieten. Welte: „Das Zentrum am Fürstengarten ist nicht alternativlos für Arztpraxen in Hechingen.“

Gleichwohl: Pauli und Heneka zeigten keine Neigung, die interessierten Ärzte „zu verprellen“. Der Landkreis wolle die Zusagen einhalten, die er „vor den Hechinger Widerständen“ gegeben habe.

Hier hakte Philipp Hahn ein: Er hielt Pauli vor, am 12. Juli 2017 von ihm die Zusage erhalten zu haben, dass der Landkreis künftig nicht mehr im Ärzteblatt für sein Fürstengarten-Zentrum werbe. „Dabei“, so Hahn, „haben Sie aber vergessen mir zu sagen, dass Sie in aussichtsreichen Gesprächen mit zwei Ärzten sind. Sonst hätte ich Ihnen schon damals gesagt, dass das der Stadt schadet.“ Pauli entschuldigte die Kommunikationslücke damit, dass er über Henekas Verhandlungsstand nicht ständig genau informiert sein könne. Woraus Hahn mit Blick auf Pauli den Schluss zog: „Ich habe gelernt: Wenn Sie mir das nächste Mal eine Zusage geben, dann werde ich Sie fragen, ob Sie auch genau wissen, was Ihre Dezernentenebene tut.“

Ob so viel Hartnäckigkeit Hahns stöhnte Pauli auf: „Sind wir jetzt im Wahlkampf, oder was?“ Was der Beigeordnete und Bürgermeisterkandidat sichtlich unpassend fand. Die Luft zwischen den beiden Parteifreunden war fortan zum Schneiden.

Ergebnis in der Sache: Der Hechinger Gemeinderat empfiehlt dem Kreistag einstimmig, die Apotheke in den bestehenden Bau zu integrieren. Sollte ein Anbau unverzichtbar sein, dann nur für die Apotheke, aber keinesfalls für Arztpraxen. Die Kreisverwaltung hält dagegen an ihren Plänen fest. Der Kreistag soll in seiner Sitzung am kommenden Montag, 19. März, 18 Uhr, entscheiden.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel