Hechingen Nichts ist für die Ewigkeit

Bilder von bunten, in Folie verpackten Blumensträußen bringen die Besucher durch ihre fotorealistische Erscheinung zum Staunen.
Bilder von bunten, in Folie verpackten Blumensträußen bringen die Besucher durch ihre fotorealistische Erscheinung zum Staunen. © Foto: Diana Maute
Hechingen / DIANA MAUTE 27.10.2014
Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Fotorealistische Bilder der Künstlerin Birgit Dehn sind seit gestern unter der Überschrift "Neue Glücksdiktate" in der Hechinger Galerie Weißes Häusle zu sehen.

"Alles ist wie es ist, und ist doch anders, als es erscheint", zitierte Einführungsredner Tobias Schnotale bei der gestrigen Vernissage im Weißen Gäusle den amerikanischen Künstler Howard Kanovitz, der als einer der wichtigsten Vertreter des Fotorealismus gilt. Auch die mit beeindruckender Präzision geschaffenen und durch faszinierende Stofflichkeit bestechenden Werke der Tübinger Künstlerin Birgit Dehn sind mehr, als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Es sind Bilder voller tiefgründiger Gedanken und beißender Ironie, die als "persönliche Form des Widerstandes" der Künstlerin gegenüber den bestehenden Verhältnissen anzusehen seien, so Tobias Schnotale.

Jedes der dem Fotorealismus zugeschriebenen Bilder wirke realitätszerstörend und realitätssichernd zugleich, unterstrich der Referent mit Blick auf die gezeigten Werke der Serien "Wa(h)re Liebe", "Portraits", "Blumen" und "Persistenz". "Allen diesen Arbeiten gemeinsam ist eine handwerklich perfekte, fotorealistische Malweise - es ist keine malerische Handschrift, kein Stil zu erkennen - sowie abgründiger Humor." Die ausgeklügelte Inszenierung und Bildkomposition tun ihr Übriges dazu.

Beim Betreten der Galerie ziehen vor allem die Bilder der Serie "Portraits" die Blicke auf sich. Mit "Elisabeth", "Ludwig" und "Fidel" schauen dem Betrachter keine menschlichen, sondern tierische Persönlichkeiten in Gestalt von Wildschwein, Hirsch und Truthahn entgegen, die von der Künstlerin vor der Kulisse von Blümchen- oder Kochmützen-Tapete in Szene gesetzt wurden. Jedes Haar, jede Borste und jede Feder sind mit schier unglaublicher Perfektion in Acryl auf Leinwand gebannt. Die auf unheimliche Art lebendig erscheinenden Wesen zeugen von der enormen Beobachtungsgabe ihrer Schöpferin und haben in ihrer tierischen Unbedarftheit doch eine Stellvertreter-Funktion für den Menschen inne.

Birgit Dehn scheine "in ihrer Kunst den Teufel mit dem Belzebub austreiben" zu wollen, indem sie "gleichsam dem Zwang mit dem Zwang begegnet, uns dadurch dessen Anschauung ermöglicht und zugleich Distanz gewährt", versuchte Tobias Schnotale die Intention der Künstlerin zu ergründen. So arbeite sie an der "Entfremdung unserer wesentlichen Bedürfnisse" und schaffe Bilder, die unerbittlich wirkten und neben der Erschaffung neuen Lebens dasselbe oft gleich wieder abtöteten. Frische, in brillantem Realismus dargestellte Blumensträuße scheinen im Raum zu schweben und sind doch durch Cellophan, das sie wie eine zweite Haut umgibt, von ihrer Umwelt isoliert. Verpackte, "abgeliebte" Plüschtiere wurden als "Wa(h)re Liebe" in Folie eingeschweißt und fristen deformiert und eingezwängt ihr Dasein, während die in Eiswürfel gefrorenen Blumen der Serie "Persistenz" als Versuch erscheinen, den Moment für die Ewigkeit festzuhalten und der Vergänglichkeit so die Stirn zu bieten.

Ein ebenso aussichtsloses Unterfangen wie die Einführung "neuer Glücksdiktate", denn kaum hätten sich diese etabliert, würden sie durch neuere verdrängt, so Schnotale mit Verweis auf den Ausstellungstitel.

Passend zu den gezeigten Werken sorgte Sängerin Andrea Renner in Begleitung von Sylvio Zondler (Saxophon), Michael Sanders (Gitarre) und Thorsten Schmidt (Piano) mit Liedern voller Ironie und Wortwitz für die musikalische Umrahmung der Vernissage.

Info Die Ausstellung ist bis zum 23. November, jeweils samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr, geöffnet.

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