Rangendingen Nicht ohne die Eltern

Schulleiter Hubert Walz ist ein Befürworter der Gemeinschaftsschule.
Schulleiter Hubert Walz ist ein Befürworter der Gemeinschaftsschule.
ANDREA SPATZAL 28.01.2012
Rangendingen will sich auf den Weg zur Gemeinschaftsschule machen. Bürgermeister Widmaier und Schulleiter Walz stehen hinter dem neuen Schultyp. Aber es sind die Eltern, die das letzte Wort haben.

Die Resonanz der Eltern bei der öffentlichen Informationsveranstaltung am Donnerstag, 9. Februar, 19 Uhr, in der Rangendinger Festhalle wird den Weg weisen. "Wir werden nicht gegen das Interesse der Eltern handeln", betonte Bürgermeister Johann Widmaier gestern in einem Gespräch mit der HZ. Aber zunächst sollen die Eltern schulpflichtiger Kinder ins Bild gesetzt werden über das große Thema "Gemeinschaftsschule". Frage und Antwort stehen wird den Eltern in Rangendingen niemand geringerer als der Leiter der Stabsstelle Gemeinschaftsschule im baden-württembergischen Kultusministerium, Norbert Zeller. Dass sich der Koordinator des neuen Schultyps höchstselbst nach Rangendingen begibt, kam auf Vermittlung der Tübinger SPD-Landtagsabgeordneten Rita Haller-Haid zustande.

Es ist ein großes Feld, das da in der Schullandschaft derzeit beackert wird. Unter der grün-roten Landesregierung zieht es Baden-Württemberg stärker denn je weg von den etablierten Schularten und Denkrastern, hin zu einer neuen Vorstellung von Schule und von Pädagogik. Das bedeutet Umdenken im großen Stil - vielleicht für die Erwachsenen mehr, als für die Kinder, um die es ja geht.

In der Gemeinschaftsschule haben die alten Denkschablonen keinen Platz mehr. Die Schüler werden auf ihren unterschiedlichen Lern- und Leistungsniveaus "abgeholt", gemeinsam unterrichtet und individuell gefördert. Die Schwächeren lernen von den Starken - und auch umgekehrt, zumal Kinder und Jugendliche in unterschiedlichen Fächern ihre Stärken haben. Gemeinschaftsschule heißt, sich verabschieden vom alten Raster, in das Kinder bisher anhand ihrer angeblichen Begabungsmuster nach der 4. Klasse einsortiert und festgelegt wurden. In der neuen Schulart bleiben sie zusammen.

Für Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer liegen die Argumente für die Gemeinschaftsschule auf der Hand: "Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt. Das dreigliedrige Schulsystem ist überholt. Wir brauchen eine Schule, in der Jugendliche durch die Förderung jeder Schülerin und jedes Schülers den jeweils bestmöglichen Bildungsabschluss erreichen. Und wir brauchen eine Schule, in der soziales Lernen und Miteinander ein zentraler Bestandteil ist, eine Keimzelle einer modernen gerechten Gesellschaft sozusagen." Diesen Worten stimmt Rangendingens Schulleiter Hubert Walz vollumfänglich zu.

Nun soll sie also kommen, die Gemeinschaftsschule. Die ersten 34 sogenannten Starterschulen in Baden-Württemberg fangen nach den Sommerferien an. Im Jahr darauf, also ab dem Schuljahr 2013/2014, will auch die Grund- und Werkrealschule Rangendingen-Hirrlingen mit dabei sein. Im November wollen die Partnergemeinden den Antrag stellen. Bis dahin müssen die Gemeinderäte und die Schulkonferenz die entsprechenden Beschlüsse gefasst haben, muss das pädagogische Konzept vorliegen. Gerade letzteres ist nicht ganz einfach, zumal es sich um eine Schule mit zwei Standorten handelt.

Ein mögliches Szenario für die Zukunft wäre, dass die Klassenstufen 5 und 6 komplett in Hirrlingen und ab Klasse 7 alle in Rangendingen unterrichtet würden. Bislang gibt es in Hirrlingen und in Rangendingen je eine Klasse 5, 6 und 7. Erst ab Klasse 8 (bis 10) werden alle Schüler in Rangendingen unterrichtet. 450 Schüler hat die gemeinsame Werkrealschule derzeit. Davon sind rund 100 Kinder aus Hirrlingen.

Das neue pädagogische Konzept soll ab dem Schuljahr 2013/14 zunächst in den Klassenstufen 1 und 5 umgesetzt werden. Sie erlernen als erste das neue Lernen, das künftig aus sogenannten Input-Zeiten, in denen neuer Stoff vermittelt wird, und vielen individuellen Lernstunden in kleinen Gruppen besteht. Ganze pädagogische Teams sind für die Jahrgangsstufen zuständig. In einer Gemeinschaftsschule unterrichten Lehrerinnen und Lehrer aller Schularten, vom Gymnasiallehrer bis zum Sonderpädagogen. Der Lehrer wird zum Lernbegleiter. Der Frontalunterricht spielt eine viel geringere Rolle. Tests, Noten und Abschlussprüfungen bleiben den Schülern zwar erhalten, aber sitzen bleiben wird keiner mehr. "Es gibt ein Niveau, ein Basisniveau, das jeder Schüler erreichen muss", erklärt Schulleiter Walz. Für die Sekundarstufe I (5 bis 10) wird der Realschulbildungsplan als Basis zugrunde gelegt. Neu für die Fünfer wird die zweite Fremdsprache sein, die ab Klasse 6 zum Wahlpflichtfach wird. In Rangendingen könnte das Französisch oder Spanisch sein. Damit sind die Schüler gerüstet auch für einen Übergang an ein Gymnasium. Erforderlich wird mit der Gemeinschaftsschule ab Klasse 5 außerdem der Ganztagesbetrieb. Alle Schüler der Sekundarstufe I haben drei Tage die Woche acht Stunden Schule.

Welche Investitionen der neue Schultyp erfordert, ist noch nicht absehbar. Bürgermeister Widmaier sieht im Doppelstandort viele Vorteile. Das Rangendinger Schulhaus ist gut, aber nicht überbelegt, das Hirrlinger Schulhaus hat sogar Raumkapazitäten frei. Es gilt, die neuen Schulbauförderrichtlinien abzuwarten, die der neuen Schulart ein neues Raumprogramm zugrunde legen.

Info Die Gemeinschaftsschulen sind nicht an Schulbezirke gebunden. Die Einladung zum Infoabend in Rangendingen richtet sich also auch an Eltern aus den umliegenden Städten und Gemeinden.