Während man derzeit in Bechtoldsweiler für das Einfamilienhaus im Grünen ficht, sind in der Unterstadt neue Wohn- und Lebensformen in der Planung: Auf dem abgeräumten Aviona-Gelände, das zuletzt genutzt wurde als Asylbewerber-Unterkunft, plant der Hechinger Verein „FreiRaum“ mit Partnern ein spannendes Wohnprojekt mit drei Baukörpern und 22 Wohneinheiten mit zwei bis vier Zimmern, bezahlbarem Mietwohnraum für Familien und Sonderwohnformen wie betreutes Wohnen oder Pflege-WG. Inbegriffen ist eine Kindertagesstätte, deren Kosten die Stadt tragen würde, die händeringend nach Kita-Plätzen sucht.

Geplante Preise unter dem Mietspiegel

Das Aviona-Vorhaben soll basieren auf sozialverträglichen, sich gegenseitig ergänzenden Nutzungsmischungen, altersgemischten Wohngruppen  und unterschiedlichen Lebensmodellen. Als Mieter willkommen sind Familien, Einzelpersonen, Alleinerziehende und ältere Menschen. Die Preise sollen zehn Prozent unterm Hechinger Mietspiegel liegen. Angesichts des enormen Bedarfs eine kleine Sensation. Die beiden Projektentwickler FreiRaum e.V. und Nestbau AG (siehe Kasten) haben das Stuttgarter Architektur- und Stadtplanungsbüro „Lehen drei“  als Planer verpflichtet.

Das Gelände kostet 770 000 Euro

Das alles liest sich verdächtig nach Freiburg oder Tübingen – und genau das soll’s auch werden. Im Bauausschuss des Gemeinderates, der am Mittwochabend eine umfassende Vorstellung bekommen hat, war man durch die Bank begeistert. Die Stadt ist’s auch. Angeboten hat dem Hechinger Bau-Verein das Gelände der Bürgermeister höchstpersönlich. Die Stadt will für die etwas über 3000 Quadratmeter an der Runkellenstraße 770 000 Euro verlangen. Aber vielleicht einigt man sich auch noch auf Erbpacht. Der Kindergarten soll eine feste Finanzierungsgröße sein beim Projekt. Die Erste Beigeordnete Dorothee Müllges fragte, ob die Realisierung mit der Kita stehe und falle. Die Antwort: Ohne dieses Standbein würde es sehr schwierig werden. Platz soll sein für etwa 33 Kinder in zwei Gruppen. Das pädagogische Konzept legt einen Schwerpunkt auf die Ernährung. Deshalb ist auch eine Küche mit Koch fest eingebunden. Davon sollen auch die anderen Mieter profitieren. Pro Wohneinheit verlangt die Stadt 1,5 Stellplätze. Die werden in einer Tiefgarage gebaut, die alle drei Gebäude umfasst. Die Häuser sind dreigeschossig mit Flachdach.

„Gegenpol zum Immobilien-Investment“

Angekündigt wurde im Bauausschuss „selbstverwaltetes und bezahlbares Mietwohnen“ für ältere Menschen, Familien und Menschen mit Handicap. Damit ein „Gegenpol zum Immobilien-Investment“ mit hochpreisigen Wohnungen.
Der Verein FreiRaum hat schon länger nach einer geeigneten Fläche für seine Ideen gesucht. Seine Partner sind teilweise mit jahrzehntelanger Erfahrung ausgestattet. So ist das Freiburger Mietshäuser Syndikat, einst hervorgegangen aus der Hausbesetzer-Szene und von dessen Bezeichnung man sich nicht täuschen lassen darf, seit 30 Jahren am Werk und hat über 150 selbstverwaltete und -organisierte Häuserprojekte verwirklicht, von denen nur ein einziges insolvent geworden ist. Fünf Projekte sind in Tübingen zu finden. Der Verein FreiRaum will für die Runkellenstraße eine Wohnprojekt GmbH gründen mit sich als einem und dem Mietshäuser Syndikat als zweitem Gesellschafter. Mit im Boot sitzt die Nestbau Aktiengesellschaft, die auf geförderten Wohnungsbau setzt, aber auch auf frei finanzierten. Sie hat mehrere Objekte in Tübingen realisiert, die beispielsweise mit einer „Demenz-WG“ versehen sind. In Hechingen ist an eine „Pflege-WG“ für acht Personen gedacht.

Die Stadträte sind begeistert

Im Bauausschuss war man durchweg begeistert. Manfred Bensch (SPD) fragte nach den Möglichkeiten für eine weitere Senioren-WG, was offenbar keine Schwierigkeiten bereiten soll. Almut Petersen (Bunte Liste) war stolz, dass ein solches Vorhaben endlich auch nach Hechingen komme; bislang habe man neidisch nach Tübingen schauen müssen. Petersen: „Das tut uns gut, und das ist auch eine Marktlücke.“ Begrüßt wurde von Regina Heneka (CDU) insbesondere auch die Kita mit einem freien Träger. Ihr Kommentar: „Ich sehe 1000 Vorteile für uns als Stadt.“

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Verein aus Hechingen und AG aus Tübingen


FreiRaum e.V. Der Verein „Wohnprojekt FreiRaum“ ist im Frühjahr 2019 von acht Hechingerinnen und Hechingern gegründet worden. Ansprechpartner ist Holger Meischner, der im Schloss Lindich wohnt und den man von Büchervorstellungen mit Dirk Steinfort her kennt. Der Verein will selbstverwaltetes und bezahlbares Mietwohnen realisieren. Als Ziele werden genannt: gemeinschaftliches, solidarisches Wohnen entwickeln und leben; Zeichen setzen gegen Vereinsamung und Vereinzelung; in einer Gemeinschaft leben, in der soziale ökologische Werte wichtiger sind als Eigentum. Der Verein ist dem „Mietshäuser Syndikat“ beigetreten und kooperiert mit der „Casa KiTaNa gGbmH“ und Der „Nestbau AG“. Alles zusammen fungiert als Gesellschafter fürs Aviona-Wohnprojekt.

Casa KiTaNa gGmbh Das ist ein kleiner und freier Kindertagesstätten-Träger, der zwei Kitas in Tübingen betreibt. Die Casa KiTaNA ist für 40 Kinder von einem halben  bis sechs Jahre, die Casa Junior für 15 Kinder von einem halb bis drei Jahre (in Kooperation mit der Uni Tübingen).  Die gGmbH ist Mitglied im FreiRaum-Verein, wo sie sich einmieten will.

Mietshäuser Syndikat Dies ist ein Verbund von über 150 selbstorganisierte und -verwalteten Hausprojekten mit beahlbaren Mieten. Er berät Hausprojekte, hilft mit 30-jährigem Know-how bei der Finanzierung und berät und initiiert Projekte. Gearbeitet wird mit Direktkrediten – Darlehen, die von interessierten Menschen direkt an das Projekt gegeben werden, und Eigentkapital ersetzen.

Nestbau AG Diese Tübinger Bürger-Aktiengesellschaft für Wohnungsbau baut und vermietet Häuser. Die Gebäude sind nicht in Wohnungseigentum aufgeteeilt und es gilt die Gemeinwohl-Orientierung. Raum wird auch geboten für Menschen, die ambulant betreut werden. Die Nestbau AG übernimmt auch für Dritte die Bauherren-Funktion, berät Baugemeinschaften, Projekte und Kommunen und bieten einen „Bürger-Wohnbau-Fonds“ für Anleger.