"Es war eine Lust, ihm zuzuhören." So beschreibt Gert Ueding seine nächtlichen Gespräche mit Ernst Bloch. Ueding, Jahrgang 1942, kam 1965 nach Tübingen, wurde Assistent Blochs und wohnte im gleichen Haus wie der Philosoph. Sein Buch "Wo noch niemand war" ist eine Hommage an den eindringlichen Erzähler, Redner, Vor- und Weiterdenker - und an den leidenschaftlichen Knaster- und Pfeifenraucher. Gert Ueding: "Wenn Professor und Schüler im gleichen Haus wohnen, beide rauchen, sich gut verstehen, dann sind freundschaftliche Gespräche naheliegend". Der Autor schildert die erste Begegnung: "Eines Abends pochte es und Bloch stand im Türrahmen - sein Tabak war alle. Von da an wurde es zum abendlichen Ritual, dass Bloch vor dem Zubettgehen noch auf eine Pfeife (oder zwei oder drei) bei mir, dem jungen Studenten im Souterrain, vorbeischaute." Diese nächtlichen Begegnungen beim Tabakskollegium sind der rote Faden durch seine Erinnerungen.

Das Bild eines Pantoffeln tragenden Bloch in der trauten, rauch-geschwängerten Sphäre einer Studentenklause, fernab seiner universitären und politischen Wirksamkeit, verleiht den abendlichen Begegnungen etwas sehr Intimes. Man sieht sich mit Bloch an Orten, gemeinsam in Räumen "wo noch niemand war". Ueding ehrt Bloch auf allen Ebenen ohne den Klang unterwürfiger Bewunderung. In bildreicher Sprache entwirft er ein aufrichtiges Portrait des Philosophen.

Dicht dabei sind die Zuhörer, wenn Bloch seine Studenten im Seminar wie seinesgleichen behandelt - was manche überfordert, andere jedoch beglückt und anspornt. Diese jugendlich euphorische Perspektive ergänzt Ueding durch die reflektierende Einordnung des erfahrenen Autors. Erinnerungen an die Tübinger Uni der 60er- und 70er-Jahre werden wachgerufen, an Julie Gastl und Theodor Eschenburg. Ohne Pathos bekennt der Autor zum Schluss ein weiteres Mal: "Es war eine Lust, ihm zuzuhören."

Clemens Müller zeigte eindrucksvoll, wie man Musik zum Sprechen bringt. Nichts wirkte manieriert oder mechanisch aufgezogen. Sein Beethoven war farbig und kraftvoll, warm und voller lyrischem Charme, virtuos und spielerisch, aber auch schlicht und direkt. Die Es-Dur-Sonate op. 27 Nr.1 gestaltete Müller mit besonderem Gewicht der Klangdramaturgie. Sowohl in Artikulation und Phrasierung als auch in der Dynamik präsentierte sich der Pianist als wacher Interpret höchster Differenzierungskunst. Auch die cis-Moll-Sonate op. 27 Nr. 2, die "Mondscheinsonate", gelang ohne gefühlsduseliges Sentiment. Die Fantasie op. 77, der "Spaziergang durch die Natur", schwelgte im weichen, bei Bedarf auch kraftvollen Klang des Instruments.