Mord Weitere Spurensuche in Hechingen

Matthias Badura 13.12.2016

Noch einmal ist Polizei aufgezogen, die Stelle, an der Umut K. am Abend des 1. Dezember vor einem Spielkasino in der Hechinger Unterstadt verblutete, weiträumig abgesperrt. Autos dürfen nicht die Steige hinauf, Passanten werden gebeten, sich fern zu halten. Spezialisten des Kriminaltechnischen Instituts des Landeskriminalamtes fotografieren an diesem Montagmorgen den Tatort mit einem 3-D-Lasermessgerät.

Mehrfach wird die Kamera – ein blauer Kasten, der sich auf einem Stativ um die eigene Achse dreht – umgestellt. Übereinander gelegt ergibt sich aus den Aufnahmen später am Computer ein räumliches Bild. Man kann sich darin virtuell bewegen, von allen Seiten und aus allen Perspektiven den Platz in der Unterstadt betrachten. Fast wie echt.

Ist das nicht etwas spät, um noch neue Erkenntnisse zu gewinnen? fragt sich der Laie. Wie Polizeipressesprecher Thomas Kalmbach erklärt, geht es in dem Sinne nicht so sehr oder nicht nur darum, Neues herauszufinden, der Tathergang der Hechinger Bluttat, die sich am Donnerstag vorvergangener Woche ereignete, sei ohnedies einigermaßen klar. Die Aufnahmen dienen der Rekonstruktion, etwa um zu klären: Welcher der Beteiligten stand genau wo, als aus dem vorbeifahrenden Auto auf Umut K. geschossen wurde? Es lässt sich mit ihrer Hilfe darüber hinaus abklären, ob bisher gemachte Aussagen stimmen, ob zum Beispiel jemand von einer bestimmten Stelle aus überhaupt das gesehen haben kann, was er nachträglich der Polizei erzählt.

Daneben gewinnen Dritte, die später mit dem Fall zu tun haben werden und die keine Möglichkeit haben, den Tatort zu besichtigen, ein klareres Bild: weitere Ermittler, Staatsanwälte, Richter, Schöffen oder Verteidiger. Ja, bestätigt Kalmbach, die Aufnahmen werden vor Gericht verwendet, und selbstverständlich haben auch die Verteidiger Zugang. „Das ist ganz normale Akteneinsicht.“

In dem Sinne sei das alles auch überhaupt nicht neu. Die Tatortvermessung gebe es von jeher. Nur habe man früher eben mit dem Maßband gemessen.

Sechs, sieben Minuten dauert eine Aufnahme. Die ganze Aktion ist nach spätestens einer Stunde abgeschlossen. Die Spezialisten vom LKA packen ihre Geräte wieder ein, die Hechinger Kollegen geben die Straße wieder frei. Eigentlich unspektakulär. In einem Fall, der Hechingen noch lange beschäftigen und aus den Geschichtsbüchern der Stadt nie mehr verschwinden wird.

Nach bisherigen Erkenntnissen befinden sich vier Männer italienischer Abstammung in Haft. Viel deutet darauf hin, dass der erschossene Bisinger Umut K. Opfer einer Verwechslung im Drogenmilieu wurde und die tödliche Kugel einem anderen galt.

Trifft die Kugel den Falschen, muss es nicht zwingend Mord sein

Kann der Mann, der Umut K. erschoss, wegen Mordes verurteilt werden, auch wenn er einen anderen Mann treffen wollte? Ein paar Anmerkungen mit Blick aufs Strafrecht.

Die Verwechslungsthese treibt alle um, die sich mit dem Hechinger Todesschuss vom 1. Dezember beschäftigen. Nahzeu alle, die den erschossenen Bisinger Umut K. kannten, sind sicher, dass die aus dem vorbeifahrenden roten Fiat abgefeuerte Kugel nicht ihm galt, sondern einem anderen Mann, der mit am Tatort war: einem jungen Mann aus dem Raum Mössingen, dessen italienische Familie im Steinlachtal eine Gaststätte betreibt und der erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen worden war, wo er eine Haftstrafe wegen Drogendelikten verbüßte. Und Drogenhandel – angeblich mit Kokain – steht nach Darstellung der Hechinger Staatsanwaltschaft auch im Hintergrund der Bluttat an der Hechinger Staig.

Bewiesen ist die Verwechslung freilich noch nicht. Und vielleicht wird man nie erfahren, ob der 22-jährige, kurdischstämmige Bisinger tatsächlich aus Versehen getroffen wurde. „Wenn der Schütze nichts sagt, dann kommt das nie raus“, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Nicole Luther.  Ihr Chef, der Leitende Oberstaatsanwalt Jens Gruhl, hatte gegenüber der HZ zudem gesagt:  „Es spielt strafrechtlich keine Rolle, ob das Opfer das Primärziel des Schusses war oder ob eine Verwechslung vorgelegen hat.“

Recht hat er damit, wenn er davon ausgeht, dass der Schütze die Identität des Mannes, auf den er zielte, verwechselt hat. Im Strafrecht läge damit ein „error in persona“ vor. Das heißt: Der Täter trifft das Objekt, auf das er zielt, irrt sich jedoch in der Identität des Opfers. Der Irrtum ändert nichts daran, dass der Täter wegen Mordes verurteilt werden kann. Denn der Schütze hatte, als er abdrückte, den Willen, sein Ziel zu töten, was er auch getan hat. Die Tatsache, dass es sich tatsächlich um ein anderes Opfer handelte als vom Täter erwartet, ändert nichts am Vorsatz.

Vorstellbar ist jedoch auch eine andere Form des misslichen Verlaufes, die im Strafrecht „aberratio
ictus“
heißt und frei übersetzt „Fehlschlag“ bedeutet. Beispiel: A will B töten und schießt; B bückt sich  in dem Moment, sodass die Kugel den dahinterstehenden C trifft. Oder: Der Schuss geht fehl, weil der Schütze im fahrenden Auto sitzt, das im Moment des Abdrückens in ein Schlagloch fährt, weshalb die Kugel den Falschen trifft. In diesem Fall streiten sich die Juristen darüber, ob die Tat noch als vorsätzlicher Mord zu werten ist oder nicht.

Die herrschende Meinung sagt: Der Täter kann eben nicht wegen eines vollendeten vorsätzlichen Morddeliktes bestraft werden. Denn: Bezüglich des getroffenen Mannes fehle ihm der Vorsatz, bezüglich des anvisierten Mannes fehle es am Erfolg. Wenn also an der Hechinger Staig ein Fehlschuss dieser Art vorläge, könnte der Todesschütze nur wegen Mordversuchs (am verfehlten Italiener) und wegen fahrlässiger Tötung (an Umut K.) bestraft werden.

Es sei denn, die Richter würden das anders sehen, vielleicht einen Eventualvorsatz erkennen. Die Diskussion um die „aberratio ictus“ füllt allemal ganze Lehr­bücher und hat schon in manchem Strafrechts­seminar die Köpfe qualmen lassen. Hardy Kromer