Stein Nach den Römern siedelten die Alamannen

Stein / SWP 14.08.2018
Die Archäologie geht inzwischen fest von einem frühmittelalterlichen Dorf auf dem einstigen Römergelände bei Stein aus.

Legenden, die von Generation zu Generation überliefert werden, haben oft einen wahren Kern. In Stein tritt dieser nach mehrjährigen archäologischen Ausgrabungen auf dem Gelände der Villa rustica immer deutlicher zu Tage. Was vor mehr als 40 Jahren Gerd Schollian dazu bewegte, der Legende nachzugehen und im Wald nach Spuren zu suchen und ihn letztlich fündig werden ließ, führt immer wieder aufs neue zu sensationellen Ergeb­nissen.

Im Jahrbuch des Amtes für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Ausgabe 2017, wird es nun öffentlich bekannt gemacht: Stein war nicht nur in provinzialrömischer Zeit vom 1. bis zum 3. Jahrhundert nach Christus ein äußerst bedeutender Kulturplatz. Die archäologischen Untersuchungen der vergangenen Jahre zeigen immer mehr, dass eine Nachbesiedlung nach dem Abzug der Römer etwa Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. durch einfallende Horden elbgermanischen Ursprungs erfolgte.

Bis in die Merowinger Zeit

Nach Feststellung von Dr. Klaus Kortüm vom Amt für Denkmalpflege Baden-Württemberg deuten die Bodenfunde auf eine sehr ausgedehnte Siedlung hin, die bis in die Merowinger Zeit (6. bis 8. Jahrhundert n. Chr.) Bestand hatte. Aktuelle Nachuntersuchungen zwischen dem römischen Tempelbezirk und dem Mühlengebäude mit vorgenommenen C 14-Beprobungen von Holzkohletesten eines wohl abgebrannten Hauses haben gezeigt, dass die frühmittelalterlichen Bauten direkt über den römischen Ruinen lagen. Ihre alamannischen Erbauer haben offenbar keine Rücksicht auf ältere Mauerverläufe genommen.

Wie groß die Siedlung war, bevor sich die Bewohner entschlossen, das Areal zu verlassen, um sich im nächsten Schritt direkt am Ufer der Starzel anzusiedeln, kann ohne exakte Erforschung des weitläufigen Geländes nicht festgestellt werden.

Bestätigt fühlt sich freilich der Vorsitzenden des Fördervereins Römisches Freilichtmuseum, Gerd Schollian, in seiner schon in früheren Jahren aufgestellten These, dass die Gründung des Ortes Stein und die der Siedlung „Niederhechingen“ genau in diesen Zeitrahmen passen dürfte.

Gründe der Umsiedlung der Alamannen dürften unter anderem das Problem mit Trinkwasser für die wachsende Anzahl der Bewohner, auftretende Hangrutschungen, die den Bau weiterer Häuser gefährdeten, aber auch der Anbruch sichererer Zeiten sein, die einen Umzug an die Gestade der Starzel und in den Bereich westlich der heutigen Stadt Hechingen erlaubten.

In dieser Zeit oder nur wenig später dürfte dann im Raum des heutigen Hechingen das Christentum angekommen sein – was die beiden Sippen aus Stein und Niederhechingen dazu bewogen haben dürfte, die erste gemeinsame Kirche, die Martinskapelle südwestlich des heutigen Hechinger Schützenhauses zu bauen, die bis 1833 Bestand hatte.

Wie groß war Römersiedlung?

Aus dem Jahrbuch des Theiss Verlags ist weiter zu entnehmen, dass sich das Amt für Denkmalpflege auch 2017 mit weiteren kleinen Grabungen und Sondagen zur Klärung offener Fragen im Areal der römischen Villa beschäftigte. So wurde überraschend festgestellt, dass wie an der Westecke, so auch an der Ostecke ein Turm sehr spät, wohl erst im 3. Jahrhundert eingebaut wurde. Zu den dortigen Villenbauten fehlt also bisher eine Einhegung. Diese könne eigentlich nur deutlich weiter im Osten verlaufen sein. Der später eingesetzte Eckturm wäre dann ein weitere Belege dafür, dass bisher nur ein Bruchteil der deutlich ausgedehnteren Gesamtanlage bekannt ist.

Die Auswertung des außerhalb der Hofmauer freigelegten, rund 20 mal 18 Meter großen Gebäudes, das in umgestürzter Form sensationelle Ergebnisse über sein einstiges genaues Aussehen lieferte, liegt nun im Detail vor. Eine Rekonstruktion ist aus finanziellen Gründen und wegen der dortigen instabilen Hanglage nicht möglich. Deshalb ist das umgestürzte Haus inzwischen wieder komplett mit Boden abgedeckt. Dass sich westlich und östlich weitere römische Gebäude befinden, die in ähnlichem Zustand nördlich der Alpen wohl einmalige archäologische Ergebnisse liefern könnten, davon ist Gerd Schollian aufgrund seiner Erkundungen überzeugt.

Wie wichtig und sinnvoll eine weitere Erforschung der Gesamtanlage in Stein ist, steht für den Fördervereinschef außer Frage. Auch Dr. Klaus Kortüm vom Amt für Denkmalpflege, der sich für die Erkundung der Anlage in Stein einsetzt, lässt daran keinen Zweifel. Lobenswert, so meint Gerd Schollian, sei das Engagement des Amtes im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten allemal. Damit allein könnten die vielen Rätsel rund um die bedeutende Anlage in Stein allerdings nicht gelöst werden.

Schollians Hoffnung, dass sich vielleicht einmal eine Universität um die Anlage in Stein kümmert, „statt im fernen Ausland zu graben“, ist ungebrochen.

Ende August ist großes Römerfest

Übernächstes Wochenende rückt das Römische Freilichtmuseum in Stein wieder ganz groß in den Blickpunkt: Am 25. und 26. August ist das nur alle zwei Jahre stattfindende Römerfest. Jupiter Taranis, der oberste Gott der antiken Römerzeit, soll dabei im Mittelpunkt stehen. Der Förderverein hat darüber hinaus auch die Gladiatorengruppen von „Ars Dimicandi“ gebucht. Die zehn Kämpfer dieser Truppe haben unter anderem im bekannten Kinofilm „Gladiator“ und in der Serie „Rom“ mitgespielt. Ihr Trainer hat Hauptdarsteller Russell Crowe zum Gladiator ausgebildet.

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