Sandra Wellnitz aus Balingen hat ein autistisches Kind, das die Weiherschule in Hechingen besucht. Hartnäckig kämpfte sie darum, dass ihr achtjähriger David, der dort in die dritte Klasse geht, nun einen vom Gesetzgeber zugesicherten Schulbegleiter vom Landkreis bekommt – mit Erfolg. Weil das nicht leicht ist, möchte sie nun anderen Betroffenen helfen, ebenfalls einen solchen Schulbegleiter einzufordern.

 

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Schulbegleiter für Ihren Sohn zu suchen beziehungsweise einzufordern?

Bei meinem Sohn war es klar, er muss auf eine spezielle Schule gehen. Und dann merkt man eben im Ablauf, dass es nicht funktioniert, weil dieses Kind eine Eins-zu-eins-Betreuung braucht – und zwar permanent. Er hat beispielsweise keinerlei Gefahrenbewusstsein. Er geht auf die Straße und schaut nicht nach links oder rechts.

 

Ein Versagen der Schule?

Nein. Es war hier in Hechingen einfach so, denke ich, dass man die Situation von Anfang an nicht richtig eingeschätzt hat. Es ist an einer Schule nicht die Kapazität da, dass sich ein Lehrer immer nur um ein Kind kümmert.

 

Und wann war das, dass Sie das festgestellt haben?

Im September wurde David an der Weiherschule eingeschult. Er ging schon am Bodenseekreis zur Schule; dort wurde auch festgestellt, dass er diese Begleitung dringend braucht. Nach unserem Umzug kam er dann hier in die dritte Klasse. Nach etwa vier bis sechs Wochen war klar, dass es ohne Schulbegleitung doch nicht geht. Dann ging es tatsächlich schnell, der Antrag wurde am 20. November gestellt. Ich bekam vergangene Woche die mündliche Zusage, dass es genehmigt ist. Ich muss jetzt leider noch auf das Staatliche Schulamt warten, bis es seinen Abschlussbericht verfasst hat. Anschließend müssen da noch ein paar Stempel drauf. Wie lange das dauert, weiß ich nicht. Ich hoffe schnell, denn es geht auf Kosten meines Kindes und der Lehrer.

 

Und Sie hatten bereits am Bodenseekreis eine Schulbegleiterin?

Nein, da hatten wir noch keine, weil wir das Verfahren aufgrund des Umzugs eingestellt haben. Es war am Laufen. Ich habe es dann eingestellt, weil es hier von den Kapazitäten her besser schien. Aber auch in der Weiherschule reichten sie nicht aus. Wenn dann noch der ein oder andere Lehrer krank wird, ist es für das komplette Lehrerteam einfach nicht zu stemmen, ein Kind mit solch besonderen Ansprüchen wirklich gerecht zu betreuen.

David ist dann in einer Klasse mit Kindern, die eine andere Behinderung haben, und hätte als einziger eine Schulbegleiterin an seiner Seite?

Ja, genau. Es gibt auch noch einen anderen Autisten in seiner Klasse. Aber das ist ganz unterschiedlich. Bekanntlich heißt es ja: Kennst du einen Autisten, dann kennst du auch nur einen Autisten. Es gibt da die ganz ruhigen, die kriegt man gar nicht mit. Dann gibt es aber auch die sehr lebhaften Autisten. Die wollen einfach ihre Welt für sich entdecken. Und zu denen gehört er eben.

 

Und dann kam irgendwann der Anruf, es geht nicht mehr?

Genau. Dass ich ihn abholen soll.

 

Und wann war das?

Sehr häufig. Mindestens an zwei Tagen die Woche. Auch für die Lehrer ist das kein zumutbarer Zustand.

 

Was waren die Gründe dafür, dass Sie angerufen wurden?

Er verlässt beispielsweise das Schulgebäude. Das ist die problematische Situation, dass ein Autist sich zurückziehen können muss. Da geht es um das Thema Reizüberflutung. Bei manchen Autisten ist es die Geräuschkulisse, bei anderen ist es das, was sie sehen. Ein Autist kann das nicht filtern, das heißt, er braucht jemanden, der ihn da rausnimmt, weil er selber möchte natürlich in der Gruppe bleiben, kann es aber nicht mehr, weil er es nicht verabeiten kann. Das führt dann zu Situationen, dass er seine Schulsachen wirft, die Fensterbänke abräumt und wenn es dann zu bunt wird, kann es sein, dass er dem ein oder anderen Schüler einen Klaps gibt oder auch mal nach einem Lehrer tritt. Und das sind natürlich Situationen, die man vermeiden muss.

 

Wieso war es so schwierig, eine Schulbegleiterin zu finden?

Es geht noch gar nicht um die Schulbegleiterin. So weit sind wir noch nicht. Es gibt da einen Ablauf, wie kommt man überhaupt dort hin. Es geht hier speziell um das Thema Autismus. Der Kostenträger, der Landkreis, lehnt den Antrag in der Regel zunächst ab.

 

Warum?

Da bekommt man zumindest erst mal im Sonderschulbereich gesagt, dass kein Anspruch besteht, weil die Schulen angehalten sind, diese Kapazitäten abzudecken. Die andere Sache ist, es wird schon so viel bezahlt im Sonderschulbereich, dann stehen dem Kind die zusätzlichen Leistungen nicht zu. Aber das ist gesetzlich natürlich ganz klar geregelt. Da gibt es mehrere Gesetzestexte, wo das eben drin steht, dass es doch so ist.

 

Wie läuft das dann genau zunächst ab?

In Sigmaringen wurde mir nicht einmal ein Antrag ausgehändigt. Deshalb musste ich zum Anwalt, weil ich nicht einmal zum Antrag kam. Es war ein Spießrutenlauf in Sigmaringen. Hier begann es auch mit der Aussage, Sonderschule – kein Anspruch. Es ging im Zollern­albkreis dann aber doch relativ schnell, weil ich natürlich die Erfahrung hatte, die rechtliche Situation kenne und für das Recht meines Kindes kämpfe.

 

Wie meinen Sie das?

Diese Gerichtsurteile sind scheinbar niemandem bekannt. Mir geht es nur darum, dass Eltern, die autistische Kinder haben, die sollen nicht aufgeben, sondern dafür kämpfen, was sie brauchen, weil das Kind den Anspruch darauf hat. Ich versuche auch gerne die Fragen der Eltern zu beantworten, die sich nicht sicher sind oder denen einfach ein Ansprechpartner fehlt, egal zu welchem Thema im Bereich Autismus. Wenn ich helfen kann, dann sehr gerne!

 

Wie machen das andere Betroffene?

Es gibt ganz viele Betroffene, die gar keine Schulbegleitung haben. Denn es ist ein Kampf. Nicht jeder hat die Rückendeckung wie ich. Dann fehlen oft einfach die Nerven und die Zeit, sich damit zu beschäftigen. Man hat hier keinerlei Unterstützung. Keiner weiß wirklich, wo muss ich hin? Was steht mir zu? Es ist sehr selten, dass man im SBBZ-Bereich tatsächlich eine Schulbegleitung bekommt. Sigmaringen beispielsweise ist bekannt als der große Ablehner.

 

Warum? Sind die Kosten so hoch?

Ja, die Kosten sind mit Sicherheit nicht gering. Und nicht jedes Kind braucht eine Komplettbetreuung wie mein Sohn. Es wird dann auf die Schule geschoben. Aber ganz klar, die Schule muss das nicht. Sie muss ihr pädagogisches Ziel erreichen können. Und für alles Andere ist der Kostenträger, der Landkreis, zuständig.

Wie viele Schulbegleiter gibt es im Zollernalbkreis?


Im Landkreis erhalten 17 behinderte Kinder und Jugendliche im Schuljahr 2018/19 eine Schulbegleitung im Rahmen der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen nach dem Sozialgesetzbuch XII. Die Schüler besuchen eine öffentliche oder private Regelschule.

Ein Antrag auf die Übernahme der Kosten einer Schulbegleitung zum Besuch des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum Weiherschule in Hechingen liegt derzeit vor.

77 Schulbegleiter sind im Rahmen der Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Jugendliche im gesamten Zollernalbkreis unterwegs.

Die Weiherschule Hechingen hat aktuell 71 Schüler aus Bisingen, Burladingen, Haigerloch, Grosselfingen, Hechingen, Rangendingen, Bodelshausen, Balingen, Albstadt, Rosenfeld und Dotternhausen. 109 Kinder werden an der Sprachheilschule Balingen unterrichtet, 55 Schüler an der Rossentalschule Albstadt.

Hilfe für Eltern bei der Antragsstellung für einen Schulbegleiter gibt es bei Sandra Wellnitz; per E-Mail an autismus2018@gmx.de.

Wunsch nach wertvollen Fachkräften


Schulleiter Wolfram Göhner sieht, was die Beschulung von besonders verhaltensauffälligen Kindern betrifft, noch Handlungsbedarf. So müssten sogenannte Schulbegleiter, die auch wertvoll qualifiziert und nicht nur angelernt sind, in den Klassenzimmern vor Ort eingesetzt werden, fordert er.

Das Landratsamt zahle meist nur einen bestimmten Stundensatz für den zusätzlichen Begleiter. Das Geld reiche oftmals bei weitem nicht für eine wertvoll pädagogische Fachkraft aus. „Das wäre ein Wunsch von uns, dass in besonderen Situationen, so eine qualifizierte Fachkraft genehmigt werden kann“, betont Wolfram Göhner. Auch wenn der Schulleiter die Sichtweise des Sozialamts nachvollziehen könne. Die Behörde meint, dass es die Angelegenheit der Schule sei.

Die Weiherschule hat immer wieder die Möglichkeit gehabt, einen Schulbegleiter zu fordern. Aktuell wurde ein Antrag gestellt und genehmigt. Nun sei man nur noch „auf der Suche nach jemandem“, der für die Begleitung des behinderten Kindes geeignet ist. Die Weiherschule habe detailliert beschreiben müssen, warum sie die zusätzliche Kapazität nicht bieten beziehungsweise die Betreuung nicht allein stemmen kann. Solche komplexen Anträge, weiß Schulleiter Wolfram Göhner, dauern oftmals ihre Zeit und das kann für die Betroffenen unangenehm sein. ste