Mordprozess Mordprozess: Umut K. wurde per SMS an den Tatort gerufen

Hechingen / Hardy Kromer 19.07.2017

Schmerzlich war der fünfte Verhandlungstag im Hechinger Mordprozess für die Angehörigen und Freunde des Opfers. Erst mussten sie die Aussagen des Notarztes und des Rettungssanitäters mit anhören, die die Sterbeminuten von Umut K. am Abend des 1. Dezember 2016 detailgetreu schilderten. Und dann raubte der leitende Ermittlungsbeamte der Kriminalpolizei jedem im überhitzten Gerichtssaal die Illusion, dass der erschossene junge Kurde ein Zufallsopfer gewesen sein
könnte.

„Mit Waffen posiert“

Zwar verdichtete sich im sechsstündigen Zeugen-Marathon die Gewissheit, dass der Todesschuss aus dem roten Fiat nicht dem 22-jährigen Bisinger, sondern seinem 25-jährigen Kumpel – einem italienischen Landsmann der drei Angeklagten – galt. Der Leiter der polizeilichen Ermittlungen sagte im Zeugenstand jedoch unmissverständlich: „Umut K. hielt sich im Umfeld von Kleindealern auf.“ Die Auswertung einer großen Fülle an Handydaten habe ergeben, dass der Erschossene zwar keinerlei Kontakt zu den drei Angeklagten gehabt habe, sehr wohl aber zu jenen mutmaßlichen Dea­lern, mit denen die Angeklagten im Streit um Geld lagen und die in einem separaten Verfahren wegen Drogenhandels angeklagt sind. Außerdem, so berichtete der Ermittlungsleiter, seien Bilder gefunden worden, auf denen die mutmaßlichen Dealer und auch Umut K. „mit Waffen posierten“.

Durch Sachbeweise belegt ist ebenfalls, dass das spätere Schuss­opfer auch am Abend des 1. Dezember nicht zufällig am Tatort war. Der polizeiliche Hauptsachbearbeiter des Falles zitierte die SMS-Nachricht, die Umut K. um 17.50 Uhr in einem Imbiss in der Nähe der Staig erreicht hatte. Sein 25-jähriger italienischer Freund schrieb: „Komm schnell Impa (gemeint ist die Spielothek Imperial), es gibt gleich Stress, die Itaker sind da.“ Mit „Itaker“ sind die drei Angeklagten gemeint, die kurz zuvor die Spielothek betreten hatten, um ihren Landsmann an eine offene 5000-Euro-Rechnung zu erinnern. Eine Videoaufzeichnung aus der Spielhalle zeigt den Schilderungen des Zeugen zufolge, wie Umut K. um 17.59 Uhr das Etablissement betritt und von seinem Freund mit Wangenkuss begrüßt wird. Um 18.02 Uhr sei zu erkennen, wie beide die Spielothek verlassen. Wenige Minuten später fiel an der kleinen Parkanlage der fatale Schuss. Um 18.11 Uhr wurde der Notruf abgesetzt, um 18.17 Uhr trafen die Rettungskräfte ein.

Obwohl die Helfer so extrem schnell an Ort und Stelle waren, kam für Umut K. jede Hilfe zu spät. Der Notfallsanitäter, der als erster medizinischer Fachmann beim Patienten war, sagte als Zeuge aus, dass Umut K. bei seinem Eintreffen schon keine Vitalzeichen mehr zeigte: „Keine Atmung, kein Puls, keine Augenreaktionen.“ Dennoch habe man den leblosen Patienten sofort in den Rettungswagen getragen: „Wir haben ihn nonstop reanimiert“. Ein wenig Hoffnung schöpften die Helfer offenbar aus der am Tatort verbreiteten Vermutung, es habe sich „nur“ um einen Luftgewehrschuss gehandelt. Diese resultiert wohl daraus, dass der getroffen am Boden Liegende überhaupt nicht blutete und nur ein winziges Einschussloch in der Brust aufwies – „so groß wie ein Reißnagelkopf“, sagte ein Polizeibeamter.

Eine halbe Stunde lang kämpften der Notarzt und die Rettungswagenbesatzung um Umut K.s Leben. Vergeblich. Um 18.49 Uhr, so ist es dokumentiert, stellten die Helfer die Wiederbelebungsbemühungen ein.

Zwei Polizisten lange allein

Unzählige Widersprüche und Ungereimtheiten kennzeichnen das Tötungsdelikt von der Hechinger Staig. Und die meisten bleiben auch nach der Vernahme von neun Zeugen an diesem Mittwoch bestehen. Zum Beispiel: Wie konnte es passieren, dass das Handy, mit dem Umut K.s italienischer Begleiter den Notruf absetzte, noch am Tatort verschwinden konnte? Wiedergefunden wurde es erst zwei Wochen nach der Tat, als ein weiterer mutmaßlicher Komplize (der als stadtbekannter Krimineller geschildert wurde) festgenommen werden konnte.

Vielleicht wäre dieses Mysterium und so manches andere nicht passiert, wenn es früher gelungen wäre, den Tatort abzusperren. Warum dies annähernd eine Stunde lang nicht möglich war, schilderte einer der beiden Hechinger Streifenbeamten, die als Erste – noch vor dem Notarzt – an der Staig waren: „Wir waren sehr lang nur zu zweit vor Ort, und es ging doch relativ lang, bis wir Unterstützung bekamen.“ Weil das Hechinger Polizeirevier zum Zeitpunkt der Alarmierung nur mit drei Mann besetzt war und einer die Stellung halten musste, musste die beiden ausrückenden Beamten gleichzeitig den einzigen, wohlgemerkt „polizeibekannten“ Augenzeugen in Schach halten, nach weiteren möglichen Zeugen Ausschau halten, die Rettungskräfte einweisen und den Tatort gegen die herbeiströmenden Scharen an Schaulustigen schützen. Eine schier unmögliche Mission. Er hätte gar nicht gewusst, was tun, wenn der einzige Augenzeuge (der offenkundig viel zu verschweigen hatte) Anstalten gemacht hätte abzuhauen, gab einer der beiden Streifenbeamten zu. Eine Dreiviertelstunde dauerte es offenbar, bis Unterstützung aus Balingen und Rottweil kam. So viel zu den Segnungen der Polizeireform.

Rätsel um die Tatwaffe

Eines der größten Rätsel des Falles bleibt die Tatwaffe. Die Pistole vom Kaliber 7,65 ist bis heute verschwunden. Den Ermittlern stellt sich die Frage, ob es sich möglicherweise um eine Walther-Pistole vom selben Kaliber handelt, von der in einer Sporttasche, die im Umfeld der mutmaßlichen Drogenhändler
sichergestellt wurde, nur noch die Munition übrig war. Eine
Kontaktperson von Umut K.s Clique aus dem Raum Stuttgart hatte behauptet, sie habe die Tasche mit Drogen und einer weiteren Pistole – einer Makarov – „irgendwo beim Hechinger Schützenhaus“ vergraben, bevor sie dann noch den Fahndern in die Hände fiel.

Doch diese Geschichte, die der Ermittlungsleiter erzählte, macht den Reigen der Mysterien, die sich um den Fall ranken, nur noch größer.

Richter droht mit Saalverweisen und Hausverboten

Die Tumulte am Ende des vierten Verhandlungstages vor Wochenfrist hatten die erwarteten Folgen. Landgerichtsvizepräsident Dr. Hannes Breucker, der den Hechinger Mordprozess leitet, verlas zum Auftakt des fünften Prozesstages eine „sitzungspolizeiliche Anordnung“. Darin heißt es, dass Zuhörer, die einen störungsfreien Ablauf der Verhandlung gefährdeten – sei es durch „unbefugte Kontaktaufnahme mit den Angeklagten“, durch Zwischenrufe, Drohungen, Gesten oder „Beteiligung an einem Krawall“ – ohne Vorankündigung aus dem Saal entfernt werden könnten. Außerdem könne falls erforderlich auch der komplette Saal geräumt werden. Und wer draußen auf dem Flur „Tumult macht“, könne auch ein Hausverbot erhalten und somit den Rest des Prozesses verpassen. Als Gründe für diese Anordnung nannte Breucker den „Krawall“, der am Ende des vierten Verhandlungstages von einzelnen Zuhörern ausgegangen sei, und die „bedrohliche Geste“, die schon am ersten Tag ein Zuhörer gegen einen der Angeklagten gerichtet habe.

An diesem Mittwoch blieb es ruhig im und vor dem Saal – und am Ende eines sehr anstrengenden Verhandlungstages dankte der Richter ausdrücklich dem „guten Publikum“. hy

Weiter geht’s am Montag mit Videostunde

Mit einer Videostunde wird der Prozess am kommenden Montag, 24. Juli, um 9 Uhr fortgesetzt. Gezeigt werden Aufnahmen aus der Spielothek, auf denen das Kommen und Gehen der Angeklagten und ihrer Widersacher sowie des Opfers unmittelbar vor der Tat am frühen Abend des 1. Dezember dokumentiert ist. Wie bereits angeklungen ist, soll auf den Bildern auch zu sehen sein, wer mit wem gestritten hat.

Beweismaterial geliefert hat auch eine Überwachungskamera, die vor einer Hechinger Pension angebracht war. Dort logierten Ende November 2016 der 25-jährige Italiener, der mutmaßlich hätte erschossen werden sollen, und zeitweise auch einer seiner Komplizen. Weil die beiden wegen Drogendelikten verdächtig waren, hatte das Gericht der Polizei die Überwachung genehmigt. Auch diese Bilder sollen am Montag gezeigt werden, außerdem Kameraaufnahmen aus der Unterstadt, auf denen der rote Fiat auf der Anfahrt zum Tatort und/oder auf der Flucht zu sehen sein soll. hy

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