Hätte er seine Tochter den Unterricht unentschuldigt versäumen lassen, hätte er sich ob der geltenden Schulpflicht lediglich einer Ordnungswidrigkeit schuldig gemacht. Aber, unterstellte ihm der Richter zum Guten, „Sie wollten den richtigen Weg gehen“ – den der offiziellen Schulbefreiung. Als dieses Bemühen scheiterte, habe sich der 45-jährige Vater unentschuldbar zur Gewaltandrohung gegen die Schulleiterin (der Gemeinschaftsschule in Rangendingen) – und zum Gebrauch des Wortes Amoklauf „hinreißen“ lassen. Aus diesem Grund verurteilte das Gericht den Angeklagten mit türkischen Wurzeln zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 25 Euro. Der Verteidiger des „missverstandenen“ Beschuldigten hatte Freispruch gefordert („mein Mandant wollte redlich zu einer Genehmigung kommen“); die Staatsanwaltschaft hatte 90 Tagessätze à 25 Euro gefordert, denn „das war alles nicht so ganz ohne“ – unabhängig davon, dass der Vorwurf, mit einem Amoklauf gedroht zu haben, zum Zeitpunkt der Verhandlung am Mittwochmorgen bereits eingestellt war.

Doch der Reihe nach: In der Familie des Angeklagten stand im Juli des vergangenen Jahres ein Beschneidungsfest mit Hunderten von Gästen in der Türkei bevor. Auch wenn er selbst aus beruflichen Gründen nicht daran teilnehmen konnte, wollte er doch, dass seine Frau, der Sohn und die Tochter zu diesem Anlass in die Türkei reisen. Die Flugtickets waren bereits gekauft, als ihm, dem Familienvater, gewahr wurde, dass er für seine Tochter eine Schulbefreiung beantragen muss.

Sein erster Weg führte ihn zur Schulleiterin. Sie versagte ihre Zustimmung und verwies den Vater ans Staatliche Schulamt Albstadt. Von diesem wurde er telefonisch angehalten, doch noch einmal in Rangendingen bei der Schulleiterin vorzusprechen. Bei diesem zweiten Treffen sei er, führte der gebürtige Türke aus, „vertröstet“ worden. Gegebenenfalls solle er Frau und Sohn in die Türkei „vorschicken“ und die Tochter nachfliegen lassen. Das sei für ihn natürlich nicht in Frage gekommen.

Die nächste Anlaufstelle des Beschuldigten: das Rangendinger Rathaus. Dort wollte er eigentlich den Bürgermeister sprechen, traf aber vor dem Haus die stellvertretende Hauptamtsleiterin und deren Praktikantin an. Also trug er ihnen sein Problem vor und musste erfahren, dass ihm die Verwaltung nicht helfen könne. In seiner Verzweiflung habe er entgegnet, dass er seit Tagen erfolglos hin und her irre und nicht mehr wisse, was er machen soll. Wörtlich habe er gesagt: „Soll ich mich umbringen oder verreißen, damit es nachher in der deutschen Presse heißt, ,Amokläufer hat sich umgebracht wegen einer Bescheinigung’?“ Folge für ihn: Tags darauf wurde er während der Arbeit zu seinem Chef gerufen, wo ihn „Polizisten mit Kalaschnikows“ erwartet und mitgenommen hätten. Eine Woche später übrigens verlor der Angeklagte seinen Arbeitsplatz und ist seither arbeitslos.

Wie war es zum Aufmarsch der Polizei gekommen? Die stellvertretende Hauptamtsleiterin hatte den 45-Jährigen im Gespräch ganz anders verstanden. Als Zeugin geladen, berichtete die 30-Jährige, dass sie noch ganz genau wisse, wie der „sehr verzweifelte und aufgebrachte“ Mann gesagt habe: „Wenn ich die Frau… das nächste Mal sehe, zerhacke ich sie in mehrere Stücke.“ Und habe damit die Schulleiterin gemeint. Auch das Wort Amoklauf sei gefallen, allerdings wisse sie nicht mehr, in welchem Kontext. Zwar sei sie nicht davon ausgegangen, dass der 45-Jährige „jetzt in die Schule geht und Amok läuft“, dennoch habe sie die Schulleiterin verständigt – per E-Mail, weil sie telefonisch nicht zu erreichen war. Zurückgemeldet habe sie sich nicht. Am Tag darauf habe sie dann erfahren, dass die Pädagogin, nachdem sie ihre Mail gelesen hatte, umgehend den Bürgermeister kontaktiert habe und von diesem aufgefordert worden sei, sofort die Polizei zu verständigen. Das bestätigte die 59-Jährige am Mittwoch vor Gericht, wie auch die Praktikantin als Zeugin des Gesprächs mit dem Angeklagten die Ausführungen ihrer damaligen Vorgesetzten stützte.

Dem Gericht erklärte die Schulleiterin, dass sie den Sonderurlaub für die Tochter des Beschuldigten nicht gewähren wollte, weil sie Zweifel an dessen Begründung hatte. „Die Familie geht zum Beschneidungsfest und er bleibt da, weil er arbeiten muss?“ Als sie dann von der stellvertretenden Hauptamtsleiterin per Mail informiert wurde und das Wort Amoklauf gelesen hatte, habe sie sich direkt an den Rathauschef gewandt. Der Rest ist bekannt. Ob sie Angst hatte? „Respekt“, erwiderte die Pädagogin. Vor allem habe sie möglichen Schaden von der Schule, den Schülern und Lehrern abwenden wolle, denn: „Amoklauf ist immer eine ernste Sache.“

Übrigens: Zuletzt hat der Angeklagte seine Tochter unentschuldigt aus der Schule genommen und mit Mutter und Bruder in die Türkei geschickt. Eine Reaktion darauf von Seiten der Schule ist bis heute ausgeblieben.