Wie viele erste Rendevouz haben wohl in Ihrem Kino stattgefunden? Wie viele Kinder haben hier unvergessliche Stunden erlebt? – fragte sich Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut, als sie Doris und Ludwig Schülzle am Freitag in deren guter Wohnstube in der Burladinger Zollernstraße 6 die Staufermedaille überreichte, eine der höchsten Auszeichnungen des Landes Baden-Württemberg, versehen mit den Grüßen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und denen des Landrates Günther-Martin Pauli. Damit’s keinen Streit unter den Eheleuten gibt, erhielten beide jeweils eine eigene Medaille.

Schülzle betrieb die „Alblichtspiele“ 66 Jahre lang

Ludwig Schülzle betrieb sein Kino, die „Alblichtspiele“ 66 Jahre lang: nebenberuflich, aus Idealismus und tapfer und unverdrossen auch noch in den Zeiten als die Eintrittserlöse aufgrund einer allgemeinen Kinoflaute längst zurückgegangen waren. Er habe mit seinem Kino, so die Ministerin, einen gesellschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt in der Stadt und im ländlichen Raum geschaffen.

In den „Alblichtspielen“, wusste sie, wurden weniger Actionfilme und Kassenschlager gespielt – das freilich auch – aber es gab vor allem hochwertige Perlen der Filmgeschichte zu sehen, Dokumentationen, Reportagen und zuweilen Premieren, bei denen der Regisseur des jeweiligen Films anwesend war.

Ein Kino für alle: für die Jugend genauso wie für die Erwachsenen

Die „Alblichtspiele“ waren Kino „für alle“: für die Jugendlichen und Erwachsenen ebenso wie für Kinder und die Senioren der beiden Altersheime, für die es Sondervorführungen gab. Finanzielle Unterstützung von öffentlicher Seite, auch das wusste die Wirtschaftsministerin, hat Ludwig Schülzle nie erhalten. Dafür hatte er aber wohl Hilfe von seiner Frau Doris und den Kindern? Richtig! Und in den Hochzeiten des Kinobetriebs, der mit der Wirtschaft „Saalbau“ einherging, mussten teils auch die Nachbarn mit anpacken, wie Tochter Ulrike Czemmel der Ministerin verriet. „Alles was Hände und Beine hatte“, lachte sie.

Schülzles zeigten Haltung gegen Rechtsradikale

Haltung zeigten die Schülzles, nach dem von Rechtsradikalen verübten Schmier-Anschlag auf das Kino im Jahr 2015. Nur kurz zögerte das Paar, ob es in der darauffolgenden Woche den Film über den Hitler-Attentäter Georg Elser ins Programm aufnehmen soll (Elser – er hätte die Welt verändert). Tat es dann aber doch. Und wurde durch den Besuch des nahezu kompletten Burladinger Gemeinderats und vieler örtlicher Vereinsfunktionäre, die damit ihre Solidarität bekundeten, belohnt.

„Es braucht Menschen und Idealisten wie Sie, mit Engagement, Motivation, Mut und mit Liebe zu ihrer Sache“, sagte Nicole Hoffmeister-Kraut. Noch mehrfach bezeugte sie ihren Respekt vor der langen Dauer, in der Ludwig Schülzle seiner Vorführertätigkeit treu blieb und im seine Frau Doris dabei zur Seite stand. Dies und die Tatsache, dass das Kino von Anfang an in einer Hand waren, Betreiber und Besitzer nie wechselten, sei sicherlich „Rekord“ in Deutschland, vermutete die Ministerin.

Ministerin gratuliert bei Sekt und Häppchen

Nach den herzlichen Worten, denen man die ehrliche Bewunderung anmerkte, und nach der Übergabe der beiden Medaillen luden die Schülzles ihren hohen Gast zu Sekt und Häppchen ein. Anschließend besichtige man das Kino – das seit 31. Dezember 2019 geschlossen ist. „Fatima“ war der letzte Film, der über die Leinwand lief. Danach legte der zu dem Zeitpunkt 83 Jahre alte Ludwig Schülzle den Betrieb still.

Alles im Saal ist noch wie es war, als ob eben erst die Vorstellung zu Ende gegangen wäre. Da konnte einem doch wehmütig ums Herz werden. Ob eine Chance besteht, dass die „Alblichtspiele“ je wieder öffnen? Der vormalige Kinobetreiber zeigte sich da eher skeptisch, von den Einnahmen des Spielbetriebs könne ein Pächter heute nicht mehr leben. Es müsste schon eine Förderung hinzukommen.

Das könnte auch interessieren:

DSDS-Bewerber Elvin Kovaci aus Burladingen singt im Recall Mit Video: Auf dem Sprung nach Südafrika

Burladingen

Für besondere Verdienste um das Land


Persönlich Die Staufermedaille ist eine persönliche Auszeichnung des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Sie wurde 1977 erstmals geprägt und herausgegeben.

Vergabekriterien Mit der Staufermedaille werden „besondere Verdienste um das Land Baden-Württemberg, seine Bevölkerung und das Gemeinwohl ausgezeichnet.“ Zu den Vergabekriterien gehört, „dass diese Verdienste über die eigentlichen beruflichen Pflichten hinaus im Rahmen eines ehrenamtlichen, gesellschaftlichen oder bürgerschaftlichen Engagements erworben und über viele Jahre hinweg erbracht wurden.“

Landrat Beantragt hatte die Ehrung für das Ehepaar Schülzle – so verriet Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut – Landrat Günter-Martin Pauli.