Hechingen Millionenwerte im Landesmuseum

Hechingen / Von Hardy Kromer 03.07.2018

Das Verkaufen“, sagt Stadtarchiv Thomas Jauch, „überlassen wir den Adelshäusern“. Bei der Stadt Hechingen seien historische Schätze dagegen gut und sicher aufgehoben. Auch die Tatsache, dass unter dem Dach des Alten Schlosses Millionenwerte gehortet werden, werde Kämmerer Stefan Edele nicht dazu verleiten, Einzelstücke auf den Markt werfen zu lassen, ergänzt Jürgen Rohleder, der Leiter des städtischen Fachbereichs Bürger­dienste.

10 000 Exponate taxiert

Dass die Bestände des Hohenzollerischen Landesmuseums Millionen Euro wert sind (wenn auch im „niedrigen siebenstelligen Bereich“) hat die Stadt Hechingen jetzt schriftlich – und zwar von dem Dußlinger Antiquar, Kunsthändler und öffentlich bestellten Sachverständigen Thomas Leon Heck. Er hat im Auftrag des Rathauses die gut 10 000 Exponate, die die Sammlung des Landesmuseums umfasst, einer finanziellen Bewertung unterzogen. Unterstützt haben ihn dabei der seit März amtierende neue Museumsleiter David Hendel und dessen langjährige Vorgängerin Helga Ciriello, die sich aus dem Ruhestand reaktivieren ließ, um bei der Mammutaufgabe behilflich zu sein. In dieser günstigen Konstellation war die Herausforderung schneller und billiger als erwartet gemeistert.

Der Anlass für die Bewertung des Sammlungsbestandes ist eigentlich ein recht dröger: Weil auch die Stadt Hechingen im kommenden Jahr das Neue Kommunale Haushalts- und Rechnungswesen, die Doppik, einführt, müssen sämtliche städtische Vermögenswerte in die Eröffnungsbilanz einfließen, mithin auch die kunst- und kulturgeschichtlichen.

Und bei dieser Arbeit zeigte sich mal wieder, dass ein fremder Blick auf Altbekanntes manches in neuem Lichte erscheinen lässt. So schwärmte Gutachter Thomas Heck überregionalen Medienvertretern etwa von einem Bett und einem Standuhrenkasten vor – zwei Möbelstücke, die der Maler Albert Birkle kunstvoll bemalt hat – und die deshalb wohl deutlich wertvoller sind als bislang angenommen. „Eines von Birkles Werken hat neulich eine Viertelmillion Euro gebracht“, zog der Antiquar und Auktionator einen Vergleichswert heran. Für alle, denen der Name Birkle nichts sagt: Der Künstler, der von 1900 bis 1986 lebte, war der Enkel des Sigmaringer Hofmalers Gustav Bregenzer. Albert Birkle wurde durch seine Glasfenster in Kirchen zwischen Wessingen (St. Wolfgang) und Washington D. C. bekannt. Der Uhrenkasten, den Heck, Hendel und Rohleder stolz präsentierten, ist ein Holz gewordenes Memento mori, ein Mahnmal an die Sterblichkeit. Er trägt die Aufschrift „Omnes mordent, ultima necat“ (Alle Stunden nagen, die letzte tötet) und auf dem Fuß einen Totenkopf.

Manche Preziosen wurden bei der Sichtung der Bestände erst entdeckt: David Hendel stellte ein leider nicht mehr vollständig erhaltenes Siegel vor, das Zollerngraf Jos Niclas II. zwischen 1538 und 1558 als Herr von Haigerloch verwendete. Es zeigt die Figur eines wilden Mannes, der sich auf den hohenzollerischen Wappenschild stützt und die Fahne des Erbkämmerers trägt.

Ruheständlerin Helga Ciriello wiederum verteidigte ihr „Herzblut“: die Sammlung von handkolorierten Druckgraphiken von Heinrich Bleuler mit Hechinger Stadtansichten aus dem frühen 19. Jahrhundert. Von den Bildern, die allesamt aus der Sammlung Löwengard stammen, zeigen einige einen Blick von der Friedrichstraße her mit dem Gasthaus „Engel“, dem Starzel-Wasserfall und der ehemaligen Friedrichsträßler Synagoge im Vordergrund. Während Gutachter Heck der Stadt empfiehlt, das eine oder andere dieser Bilder gewinnbringend zu vermarkten, hängen die städtischen Akteure – Helga Ciriello vorneweg – an den historischen Ansichten. Jedes dieser Bilder sei ein Unikat, betonte Ciriello, denn aus einem spreche eine andere Stimmung.

Eines der Bilder hält der Sachverständige übrigens für deutlich wertvoller als die anderen: eines von Ludwig (Luis) Bleuler, das Hechingen von der Tübinger Straße her zeigt und das eben keine kolorierte Druckgraphik sei, sondern ein komplett gemaltes Aquarell. Auf 15 000 Euro taxierte Thomas Heck den Wert.

Französischer Durchschuss

Ein anderes Heinrich-Bleuler-Bild hat dagegen eher historischen als materiellen Wert: Es zeigt Maria Zell und den Zollerberg um 1830. Was es so besonders macht: Es wurde durchschossen, als die Franzosen 1945 die Zollerburg einnahmen – und mit dem triumphierende Schriftzug „Vive la France“ verunstaltet.

Alles digital dokumentiert

Alle Objekte – ob hochwertige Bleuler-Bilder, Birkle-Möbel und Taubenschmid-Skulpturen oder aber billige Gebrauchsgegenstände – haben jetzt etwas gemeinsam: Sie sind fachmännisch taxiert und ganz nebenbei auf modernem, digitalem Stand dokumentiert. In ihrem Stolz darauf, dies geschafft zu haben, sind sich die Fachleute einig. Nicht aber darüber, wie die eher alltäglichen unter den Sammlungsstücken genannt werden dürfen. Während Kunsthändler Heck von „Flohmarktplunder“ sprach, widersprach der empirisch-kulturwissenschaftlich geschulte Stadtarchivar Jauch energisch: „Flohmarktplunder haben wir nicht im Hause.“ Auch ein Plastikteller, der vor 30 Jahren auf dem Zoller im Souvenirladen verkauft wurde, sei ein ehrenwertes Dokument hohenzollerischer Geschichte.

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