Marko Balic ist die Krankheit am Telefon noch anzuhören: Immer wieder muss er stark husten. Doch das Gespräch mit der Zeitung ist ihm wichtig – jetzt, nachdem zumindest die Atemnot nachgelassen hat. Der 54-jährige Albstädter liegt auf der Isolierstation des Zollernalb-Klinikums in Balingen. Dass dieses Telefonat stattfinden kann, ist mitnichten selbstverständlich. Es sei allein glücklichen Umständen zu verdanken, dass Balic am Leben ist, sagen die Ärzte.
Hoher Anstieg der Covid-19-Fälle in Haigerloch Mischung aus diffusem und innerfamiliärem Infektionsgeschehen

Haigerloch

Dass er sportlich ist, dass er eigentlich kerngesund ist, dass er keinerlei Vorerkrankung hat, davon will er erzählen, er will warnen, und den Leuten sagen: „Nehmt das Virus ernst!“ Denn auf dem Papier ist Marko Balic weit davon entfernt, Corona-Risikopatient zu sein.

Kritisches auf Facebook

Und vielleicht lässt sich damit auch erklären, dass der 54-jährige Albstädter über Monate hinweg zu denjenigen gehört, die die Maßnahmen gegen das Virus anzweifeln. Auf seinem Facebook-Profil teilt er noch am 16. November Fotos von Merkel, Spahn, Lauterbach und Söder, dazu die Zeile: „Es reicht!“ Wer aber genau ist der Mann, der am 16. November die Schnauze voll hat von den Maßnahmen, von der Corona-Politik? Keiner jedenfalls, betont Balic, der das Virus leugnet. „Das habe ich nie getan.“ Es ist das Gefühl der Ungerechtigkeit, das ihn antreibt. Es ist auch der Gastronom in ihm, dem ehemaligen Inhaber des „La Piazza“ in Ebingen, der da rebelliert, der Mitleid mit den Kollegen empfindet. Der weiß, wie akribisch sie Hygienekonzepte ausgearbeitet haben und dann doch schließen mussten. Und der ihre Existenzängste kennt. Der durchaus glaubt, dass Corona ein Problem ist – für Vorerkrankte, für Alte. Aber dennoch zwischendurch auch Inhalte zweifelhaften Ursprungs auf Facebook verbreitet, die ganz generell anzweifeln, „ob die Pandemie wahr ist“.

„Jeder muss aufpassen, das Virus nicht zu kriegen“

Heute, am Telefon, sagt Balic: „Jeder muss unbedingt aufpassen, es nicht zu kriegen, auch wenn die meisten einen leichten Verlauf haben.“

Das Testergebnis: positiv

Es ist Freitag, 11. Dezember, als es Marko Balic plötzlich schlecht geht. Er bekommt Husten, Schüttelfrost plagt ihn. Die Glieder schmerzen, der Kopf brummt. „Am Samstag bin ich dann nach Balingen in die Kreissporthalle gegangen.“ In der Corona-Schwerpunktambulanz wird er abgestrichen, am Montag bekommt Balic sein Testergebnis: positiv. „Ich habe gedacht, so tragisch ist das nicht“, sagt Balic. Zehn Tage Quarantäne, dann würde er wieder arbeiten, glaubt der 54-Jährige.

Wo er sich angesteckt hat, weiß Marko Balic nicht

Gerade erst hat er seinen neuen Job angefangen. Ob er sich dort – in einem Ebinger Baumarkt – oder andernorts infiziert hat, weiß Balic nicht. Anfang 2020 hatten die Balics ihr „La Piazza“ abgegeben. „Wir wollten mehr Zeit für uns, ein geregelteres Leben, normale Berufe als Angestellte“, sagt Balic, der dem Tod bereits ein Jahr zuvor von der Schippe gesprungen war. „Ein Auto hat mich auf Mallorca vom Rennrad geschossen.“ Balic überlebt damals nur knapp, sieht weißes Licht – und sein Leben an ihm vorüberziehen. „Ich hatte ein Nahtoderlebnis.“ Doch Corona, sagt Balic, ist schlimmer.

Am Anfang geht es schnell aufwärts

Eine Woche ist bereits vergangen, als seine Frau ihn in die Klinik fährt. „Es ging mir schlechter“, sagt Balic. Der 54-Jährige kommt auf die Isolierstation, dort untersuchen sie ihn gründlich und erkennen: Balic hat es ordentlich erwischt. Doch die Ärzte machen ihm Hoffnung, in ein paar Tagen könnte er wieder rauskommen. Tatsächlich geht es zunächst schnell aufwärts mit ihm. „Ich habe mich so gut gefühlt, dass ich mir einen Fernseher besorgt habe, damit ich Bundesliga schauen konnte.“

Ernsthafte Medikamente gegen Covid-19 gibt es nicht

Fußball, das ist ein wichtiger Teil in Balics Leben, immer gewesen, als Spieler, Trainer, Balic ist aus der Albstädter Fußballszene nicht wegzudenken. Überhaupt, der Sport: Balic läuft Halbmarathons, als begeisterter Mountainbiker startet er mehrfach beim Albstadt-Bike-Marathon. Die Ärzte glauben: Der Sport, den Balic treibt, könnte ihm das Leben gerettet haben. Denn ernsthafte Medikamente gegen Covid-19 gibt es nicht. „Was das bedeutet“, sagt Balic rückblickend, „habe ich unterschätzt“.
Balic passiert, was viele Corona-Patienten berichten: Just, als er glaubt, das Schlimmste überstanden zu haben, haut ihn das Virus um. Es ist Sonntag, Balic liegt bereits eine Woche in der Klinik, als die Kopfschmerzen kaum mehr auszuhalten sind. Er bekommt enorm starken Husten, der in der Nacht noch schlimmer wird. Die Ärzte erhöhen die Sauerstoffzufuhr, doch Balics Körper reagiert nicht. Stattdessen bekommt er akute Atemnot, kurze Zeit später findet er sich auf der Intensivstation wieder.

„Jemand rief, dass der Oberarzt schnell kommen muss“

„Da habe ich zuerst noch gedacht, hier wird mir ja jetzt geholfen, dann geht es mir wieder besser“, sagt Balic. „Fünf Pflegerinnen haben bereits auf mich gewartet. Es war alles hektisch, aber äußerst professionell“, erinnert er sich an jenen bedeutsamen Tag.
Balic liegt in seinem Krankenbett, nimmt nur noch Stichwörter wahr: Morphium, Cortison. „Jemand rief, dass der Oberarzt schnell kommen muss.“ Es ist der Moment, in dem Marko Balic klar wird, was Corona für ihn bedeutet: eine lebensgefährliche Erkrankung, gegen die sie hier kein Medikament haben. „Bei einer normalen Lungenentzündung gibt es Antibiotika, auch für andere schlimme Krankheiten gibt es Medikamente, aber gegen Covid-19 gibt es nichts Richtiges.“
Die Ärzte fragen, ob sie ihn, wenn es notwendig würde, ins künstliche Koma legen dürfen.

„Du musst kämpfen, du wirst überleben“

Eine Pflegerin sucht Balics Handy. Er solle seine Frau anrufen, ihre Stimme hören. „Du musst kämpfen, du wirst überleben“, sagt sie. Ein, zwei Minuten lang telefonieren sie, dann muss er das Handy wieder weglegen. Balic gerät in Panik. „Ich habe ab diesem Tag nur noch geheult, teils stundenlang“, sagt er. Balic überlebt. Der Husten ist anfangs noch brutal, wie er sagt, so brutal, dass er sich beim Husten die Rippen bricht. Geht Balic auf die Toilette, schafft er kaum den Rückweg. Wie lange Balic an Folgeschäden leiden wird, wissen sie noch nicht. Bald darf er nach Bad Dürrheim in die Reha. Er weiß, und das ist ihm wichtig: Dort gibt es auch psychologische Betreuung. „Ohne Unterstützung würde ich es nicht hinbekommen“, sagt er. „Die Angst, die ich hatte, langsam zu sterben, weil es kein Medikament gegen Covid-19 gibt, war das Schlimmste.“

Das ganze Land zwei, drei Monate runterfahren, auch die Wirtschaft

Mit der Politik ist er noch immer nicht im Reinen. Balic wünscht sich nun einen „wirklichen Lockdown“, einen, in dem das Land zwei, drei Monate komplett heruntergefahren wird, die gesamte Wirtschaft. Das hielte er für fair, und anders glaubt er, wird das Virus nicht in den Griff zu kriegen sein. Außerdem fände er das angemessen angesichts der Leistung, die Ärzte und Pfleger vollbringen: „Sie haben im Moment einen ganz harten Job, vor dem ich allergrößte Hochachtung habe und den sie trotz allem hochprofessionell machen.“

„Was das Klinikpersonal leistet, ist wirklich heftig“

Auf der Isolierstation arbeiten sie stundenlang mit Maske und Schutzkittel, auf der Intensivstation mit Vollschutz. „Was sie leisten, ist wirklich heftig“, sagt Balic. Er bekommt mit, wie Kollegen ausfallen, die selbst infiziert sind und das Klinikpersonal knapp wird. Manchmal hört er Covid-19-Patienten in ihren Zimmern rufen. „Bei den älteren Patienten sind manche dement.“ Wen er daher gar nicht verstehen könne: „Leute, die montags demonstrieren gehen.“ Da aber hätte er auch früher nie mitgemacht. Und jetzt sowieso nicht mehr.