Hechingen Lustvolle Entdeckung

Das "Ensemble 392" brachte das alte Frankreich in die Villa. Foto: Antonia Lezerkoss
Das "Ensemble 392" brachte das alte Frankreich in die Villa. Foto: Antonia Lezerkoss
Hechingen / ANTONIA LEZERKOSS 01.10.2013
Zur Wintersaison-Eröffnung der Konzertreihe "Musik in der Villa" präsentierte das "Ensemble 392" in der Villa Eugenia eine Bouillabaisse, eine bunte Mischung von Chansons und Kantaten aus Frankreich.

Marie-Sophie Pollack (Sopran), Julia Stocker (Traversflöte), Johannes Ötzbrugger (Theorbe und Barockgitarre) und Tizian Naef (Cembalo) sind das "Ensemble 392". Eine Bouillabaisse ist eine reichhaltige Fischsuppe der provenzalischen Küche und gilt als Spezialität des mediterranen Frankreich. So bunt wie das Gericht war auch das musikalische Programm, das die Künstler servierten. Die ausgewählten Stücke von Jean-Philippe Rameau, Michel Blavet und Elisabeth Jacquet de La Guerre waren Bearbeitungen zeitgenössischer Liedmelodien und zeichneten ein spannendes, musikalisches Bild des Lebensgefühls im absolutistischen Frankreich unter Kardinal Richelieu und Ludwig XIV. Die Interpreten machten die Musik durch ihr virtuoses und klangvolles Spiel zu einer echten Entdeckung. Als wirkliche Alte-Musik-Spezialisten verstanden sie es, die Noten mit Sinn zu erfüllen. Und indem sie jedes der Stücke mit reichhaltigen Verzierungen, Akzenten, Tempo- und Dynamikwechseln ausschmückten, entführten sie die Konzertbesucher in eine entspannende und heitere Klangwelt.

Marie-Sophie Pollack brillierte in ihrer Rolle auf absolut hinreißende Weise und faszinierte vom ersten Moment an durch klare Intonation und bildschönes Timbre. Mit leuchtkräftigem, kristallklarem Sopran glitt sie mühelos durch die Register und zeigte eine ebenso vollklingende, gut projizierende Tiefe wie markante, intonationssichere Höhe. Kunstvoll, stilbewusst und innovativ präsentierte sie ästhetisierte höfische Musik in gleichem Maße wie ländlich-volkstümliche Einfachheit.

Julia Stocker, in Hechingen keine Unbekannte, bewegte sich in diesem durchaus bunten, aber nicht beliebigen programmatischen Reigen traumwandlerisch sicher. Ihr Spiel auf der Traversflöte war famos, der Ton war leicht und warm, die Geläufigkeit wirkte ganz selbstverständlich und perlte ohne jede Mühe. In den langsamen Phasen waren die Töne sanft und getupft, dennoch mit klangvollen Kern und ausschwingend wie ein Glockenschlag. Die schnellen Passagen wirkten frisch und brillant. Intonatorisch agierte Julia Stocker ohne jeden Makel. Herausragend ist die beredte Artikulation der Künstlerin, die charakterliche Unterschiede der Kompositionen auf der Basis bester technischer Voraussetzungen dezidiert herausarbeitet.

Der 1700 geborene Michel Blavet, ein begnadeter Flötist, hinterließ mehrere Bände mit Werken für flûte traversière. Im vorgestellten Stück des Komponisten, "Troisième livres de Sonates op3" zeigte sich das Bemühen der Interpreten um größtmögliche historische Genauigkeit und interpretatorische Vielfalt. Besonders reizvoll war die Idee, die Continuo-Instrumente nach dem Charakter der einzelnen Sätze auszuwählen. So kamen die Hörer in den Genuss einer wunderbar leichtfüßigen Begleitung einer Theorbe, gespielt von Johannes Ötzbrugger, der sich gleichfalls als Meister auf der Barockgitarre empfahl. Auf reizvolle Art und Weise umspielten die wunderschön sanfte Theorbe und der silbrige Klang des Cembalo den tänzerischen Schwung und den quirligen Ton von Sopran und Flöte.

Tizian Naef gefiel durch seinen makellos-weichen Anschlag und seine feinsinnig nuancierte musikalische Ausgestaltung. Diese Begleitfiguren durften ein Eigenleben führen und wurden und nicht zu monotonen Anhängseln degradiert. Auch die Melodieentfaltung entwickelte sich immer im Bezug zur Singstimme, stand im Dialog mit ihr, bereitete ihren Einsatz vor oder kommentierte sie.

Originalität ist kennzeichnend für das "Ensemble 392" (so benannt nach dem französischen Oberton a mit 392 Hertz), das durch erstklassige Interpretation, sublime Klangpräzision und differenzierten, aber sehr lebendigen Klang bestach.