Er ist der Liebling der Saison unter allen Tierfreunden der Region: Tello, der aus der Schweiz eingewanderte Luchs, der seit Monaten durch die Wälder der Schwäbischen Alb streift (und zum Verdrusse manchen Jägers hie und da ein Reh reißt). Nachdem es um die Wildkatze wochenlang verdächtig still geworden war, haben die HZ jetzt beunruhigende Nachrichten erreicht: Tello ist von einem Auto angefahren worden – und niemand kann mit Sicherheit sagen, ob er die Kollision überlebt hat.

Passiert ist der Verkehrsunfall schon vor gut fünf Wochen, genau am Dienstag, 20. September, frühmorgens um 6 Uhr auf der Gönninger Steige. „Etwa 300 Meter nach den Gönninger Seen ist ein Tier, das die Fahrbahn überquerte, von einem Auto erfasst worden“, bestätigte Josef Hönes, Pressesprecher des Reutlinger Polizeipräsidiums auf Anfrage der HZ. Der Autofahrer, der den Wildunfall meldete, habe an seinem Wagen „Fellantrag“ festgestellt. Zunächst sei man davon ausgegangen, dass es sich bei dem Tier um einen Fuchs gehandelt habe. Die Unfallmeldung wurde zu den Akten gelegt.

Drei Wochen später geschah dann etwas Unerwartetes: Die Luchsexperten bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) baten die Polizeidienststellen um Mithilfe bei der Suche nach Luchs Tello, dessen Sender am Halsband schon längere Zeit keine Bewegungen mehr gemeldet hatte. Bei der Polizei im Landkreis Reutlingen wurde clever kombiniert und die Stelle des Wildunfalls vom 20. September noch einmal gezielt abgesucht. Und siehe da: Im Straßengraben an der Gönninger Steige fanden die Polizeibeamten das abgerissene Halsband von Tello samt Sender. Von einer toten oder verletzten Großkatze dagegen keine Spur. Bei der Polizei hält man es deshalb für möglich, dass der Luchs von dem Auto „nur touchiert“ wurde und den Unfall möglicherweise ohne größere Verletzungen überstanden hat.

Dass das Luchs-Männchen noch am Leben ist und weiterhin putzmunter durch die Wälder der Region Neckar-Alb streift, dafür spricht auch die Tatsache, dass erst diesen Monat im Raum Mössingen wieder die frischen Überreste von zwei Rehen gefunden wurden, die auf Luchs-
typische Weise gerissen worden waren.

Einen Nachweis, dass Tello noch am Leben ist, stellt dieser Fund freilich nicht dar. Seit dem 20. September haben die Freiburger Forstwissenschaftler keinen Kontakt mehr zu ihrem Schweizer Schützling – und sind entsprechend bedröppelt. Die gestrige Anfrage der HZ zu den jüngsten Entwicklungen um Luchs Tello blieb jedenfalls unbeantwortet.

Ins Bewusstsein der Region geraten war Tello, als er im Mai bei Boll geortet wurde – just zu der Zeit, als sich der davor schon bekannte Luchskollege Friedl in Richtung Donautal davongemacht hatte (wo er heute noch vermutet wird).

Ende Mai ist es dann einem Jäger im unteren Killertal gelungen, Tello mit einer automatischen Wildkamera zu fotografieren. Beglückt war damals nicht nur der Waidmann, dem der seltene Schnappschuss gelang, sondern auch viele HZ-Leser,  die das einmalige Foto in der Zeitung gesehen hatten. Man darf also davon ausgehen, dass jetzt eine große Fangemeinde um die Punktekatze mitbangt.

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bis 100 Rehe reißt ein Luchs im Jahr auf einer Fläche von 100 bis 200 Quadratkilometern. Das ist viel zu wenig, um den Rotwildbestand spürbar zu dezimieren.