Schauspiel Hechinger Theatertrepple macht eine Liebeserklärung an das Leben

Lauter Gleichgesinnte: Im neuen Stück des Hechinger Theatertrepples, einer trefflich gespielten Tragikomödie aus finnischer Feder, geht es um ganz viele Selbstmorde.
Lauter Gleichgesinnte: Im neuen Stück des Hechinger Theatertrepples, einer trefflich gespielten Tragikomödie aus finnischer Feder, geht es um ganz viele Selbstmorde. © Foto: Antonia Lezerkoss
Hechingen / Antonia Lezerkoss 23.05.2017

Denkst du an Selbstmord? Du bist nicht allein! Der „wunderbare Massenselbstmord“, als skurriles Roadmovie inszeniert, beginnt mit einem Akt der Verzweiflung: Der gescheiterte Geschäftsmann Onni Rellonen (Marius Vogt) will sich umbringen. Er hat sich dafür eine Scheune ausgesucht, mitten im Nirgendwo.

Das Problem ist nur: Die Scheune ist schon besetzt, dort hängt sich gerade der Oberst der finnischen Armee Harmanni Kemppainen (Berthold Lüdenbach) auf. Diesen kann der verkrachte Geschäftsmann gerade noch vom Seil retten, die beiden werden noch am gleichen Abend Freunde und beschließen den Selbstmord vorerst hinaus zu zögern. Erschüttert darüber, daß sich schon auf wenigen Quadratmeteren Finnland schon zwei Menschen das Leben nehmen wollen, schalten sie eine Anzeige, in der sie alle Personen, die auf den Trümmern ihres Lebens stehen und Selbstmord als einzigen Ausweg sehen, zu einem Seminar nach Helsinki einladen.Die Veranstaltung ist ein riesiger Erfolg, und eine Gruppe von Teilnehmern beschließt spontan, sich am Nordkap gemeinsam in den Tod zu stürzen.

Reise nach Absurdistan

Praktischerweise ist unter ihnen der Busunternehmer Rauna Korpela (Gustav Zahn), der seinen neuen vollklimatisierten Reisebus zur Verfügung stellen kann. Eine Abfolge absurder Situationen nimmt ihren Lauf. Denn schon der gemeinsame Weg verurteilt das Projekt Massenselbstmord zum Scheitern: Der Kreis der Entschlossenen bröckelt denn „Mit dem Tod kann man spielen, mit dem Leben aber nicht“ und ihr Blick weitet sich.

Eine absonderliche Reise durch Europa nach Spanien beginnt – ein Tanz auf dem Grat zwischen Leben und Tod. Sie wird zur schönsten Liebeserklärung an das Leben, die man sich vorstellen kann. Am Ende ist man alles, nur nicht schwermütig. Der „ärgste Feind der Finnen die Melancholie“ ist besiegt.

Die Inszenierung (Henriette Lüdenbach) dieser Tragikkomödie die mit bizarrem Humor und emotionalem Tiefgang berührt, überzeugt vor allem aufgrund der Leichtigkeit, mit welcher den Stoff des Romans auf die Bühne übertragen ist. Unterstützt wurde Henriette Lüdenbach dabei in nicht geringem Maße vom Ensemble des Theatertrepple, das eine mehr als solide schauspie-lerische Leistung ablieferte. Der Balanceakt zwischen Absurdistan und Realität gelang der temperamentvoll, gewandt und gut verständlich auftretenden Truppe hervorragend. Die Darsteller überzeugten durchgängig durch schauspielerisches Können und durch eine lebendige Performance. Blitzschnell und mit bewunderswerter Professionalität schlüpften sie in recht unterschiedliche Rollen, die sie mimisch und gestisch ausdrucksvoll verkörperten. Gustav Zahn etwa gefiel als Erzähler, als Juha Virtanen, als Heikki Larvala, als Alexander II. und schließlich noch als versierter Busfahrer. Auch Anna-Maria Rager und Martina Ziegler glänzten durch ihr hochklassiges komödiantisches Spiel und Fähigkeit verschiedenartigste Personen darzustellen.

Inszenierung voller Ideen

Die Hauptrollen waren mit Berthold Lüdenbach, der einen resignierend-depressiven, äußerst trinkfreudigen Obersten gab, und Marius Vogel, der den stets angetrunkenen Geschäftsmann glaubhaft verkörperte bestens besetzt. Allen voran glänzte Simone Saedler in der Rolle einer hysterischen Grundschullehrerin, die von starken Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstzweifeln geplagt, im Freitod den einzigen ihr möglichen Ausweg zu erblicken vermeint. Jana Lüdenbach und Gustav Zahn hingegen begeisterten in der Rolle der das Geschehen kommentierenden Moderatoren hauptsächlich ihrer sauberen und klaren Aussprache wegen, die dem Schauspiel einen zusätzlichen Hauch an Professionalität verlieh.

Unerschöpflich scheint der Erfindungsreichtum des Theatertrepple, das sich erstmalig einer Power-Point-Präsentation mit eindruckvollen Bildern über finnische Landschaften und Gebräuche bediente, bei Wahl von Requisiten und phantasievollem Bühnenbild zu sein. Passende Musik vervollständigte den ironisch-heiteren Theaterabend.

In weiteren Rollen: Henny Lüdenbach als Mirja Aalto und Victor Lüdenbach als Witwer.

Haben Sie die Aufführung verpasst?

Eine weitere Vorstellung findet am kommenden Samstag, 27. Mai, um 20 Uhr im Vorstadttheater Tübingen statt. Karten dafür gibt es an der Abendkasse.