Landrat Günther-Martin Pauli weilt im türkischen Flüchtlingscamp nahe der syrischen Grenze. Die Nachricht erreichte unsere Zeitung am Donnerstag. Erstem ungläubigen Staunen folgte nachmittags die Bestätigung von Pauli selbst. „Ich habe mich kurzfristig Petra Nann von ImLändle angeschlossen, die dort ein Schulprojekt für Flüchtlingskinder mitinitiiert hat.“

Türkei ist Risikogebiet

So weit, so nüchtern die Fakten. Doch ganz so einfach stellt sich die Sache dann doch nicht dar. Denn wir leben, wie allgemein bekannt, nicht in „normalen“ Zeiten. Das Flüchtlingscamp an der syrischen Grenze liegt in einem Corona-Risikogebiet. Der Landrat aber betonte im Telefonat, dass es Situationen im Leben gibt, wo man sich auch einmal über Bedenken hinwegsetzen und ein Risiko eingehen müsse. „Das war hier der Fall.“

Eine private Reise

Außerdem sei die Reise innerhalb seines Urlaubs abgelaufen und deshalb auch komplett privat bezahlt worden. „Auch ein Landrat hat mal Urlaub.“ Womit er recht hat. Allerdings lässt sich in diesem speziellen Fall Urlaub und Dienst nur schwerlich trennen. Schließlich hatte der Landkreis mit 20.000 Euro den Bau der Campschule sowie sämtliche Kosten, die im ersten Jahr anfallen, finanziert.

Zufall oder Schadensbegrenzung?

Just am Donnerstag, als die (Privat-)Reise des Landrats durchsickerte, wurde von der Pressestelle des Landratsamts herangetragen, in der Online-Version des am Donnerstag in der Printausgabe erschienenen Artikels doch noch das Engagement des Landkreises einzubauen.
Die Online-Version des Artikels war zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Tage auf der Homepage unserer Zeitung zu finden gewesen. Reiner Zufall? Oder doch eher die Flucht nach vorn, um die womöglich aufkommende Kritik an der Reise des Landrats etwas abzumildern?

Gesundheitsamt warnte

Schließlich hatte das Gesundheitsamt des Landkreises noch vor wenigen Tagen auch via Zeitung die Bevölkerung dringend aufgerufen, von einer Reise in ein Corona-Risikogebiet Abstand zu nehmen, wenn es nicht absolut unaufschiebbare Gründe für eine solche Reise gebe. Pauli nimmt für sich in Anspruch, sich auch im Flüchtlingscamp in jeder Weise an die Coronaregeln gehalten zu haben. Auch habe er sich innerhalb von zehn Tagen mehrfach testen lassen, mit jeweils negativem Ergebnis.

Bis Mittwoch isoliert

Wie aber geht es weiter? Gestern ist Pauli in Stuttgart gelandet. „Ich hatte mein Auto am Flughafen abgestellt und mich von dort direkt in eine Isolation begeben, die übers Wochenende andauern wird“, erläuterte der Landrat. Sollte ein erneuter Corona-Test, der für Reiserückkehrer aus Risikogebieten verpflichtend ist, auch negativ ausfallen, will Pauli nach fünf Tagen Isolation voraussichtlich am Mittwoch wieder im Landratsamt seiner Tätigkeit nachkommen.

Alles rechtlich korrekt

Rein Corona-rechtlich ist er damit auf der sicheren Seite und geht sogar noch etwas über die derzeitigen Vorgaben hinaus. Erst nach dem 1. Oktober soll die jetzige Testpflicht in eine Quarantänepflicht umgewandelt werden. Ob für fünf, zehn oder doch 14 Tage wird sich noch zeigen.

Emotional aufgewühlt

Es gibt da aber auch noch die moralische Seite seines Handels. Man nimmt Pauli im direkten Gespräch ab, dass ihn die Reise unheimlich aufgewühlt und berührt hat. Und wer den Landrat näher kennt, der weiß, dass er gerade in solchen Situationen seinen humanistischen Überzeugungen auch gegen massive Widerstände folgt – selbst in Pandemiezeiten.

Der falsche Zeitpunkt

Doch aller humanitärer, guter Absichten zum Trotz: Einen Vorwurf muss sich Pauli gefallen lasen. Die Reise kam zum falschen Zeitpunkt und hätte, wenn seiner Meinung nach so unaufschiebbar, dann wenigstens als offizielle dienstliche Stippvisite beim vom Landkreis bezuschussten Projekt erfolgen müssen. So aber hat der Landrat einen Präzedenzfall geschaffen, auf den sich so manch ein Zollernälbler berufen wird, wenn er meint, eine private Reise in ein Corona-Risikogebiet sei für ihn unvermeidlich.

Moralische Vorbildfunktion

Als Landrat und ehemaliger CDU-Landtagsabgeordneter weiß Pauli sehr genau, dass er als Person des öffentlichen Lebens eine (moralische) Vorbildfunktion innehat. Das hat er auch noch ungefragt selbst betont.
Von daher bleibt festzuhalten: Mit der Reise an die syrische Grenze – zum jetzigen Zeitpunkt wohlgemerkt – hat er sich, aber auch dem gesamten Zollernalbkreis keinen Gefallen getan.
Auf die lokalen Corona-Hotspot-Schlagzeilen im März folgten die berechtigten, sogar überregionalen Lobeshymnen auf das hervorragende Corona-Krisenmanagement, das Pauli gemeinsam mit den Mitarbeitern des Gesundheitsamts, des Zollernalb Klinikums, des DRK, und eines Ärzte- und Helferteams nach wie vor an den Tag legt. Über all dem liegt nun aber der Schatten der Risiko-Reise.