Ein Funken Hoffnung scheint sich trotz Virusmutationen dieser Tage mitten im monatelangen Lockdown zu verbreiten: Die Infektionszahlen sinken, erste Menschen werden gegen das Coronavirus geimpft.
Kommen mit dem Frühling die langersehnten Lockerungen? Öffnungen könne es nur geben, wenn der Inzidenzwert auf unter 50 falle, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Dienstag in Stuttgart.

Inzidenz ins Verhältnis setzen

Dieses Vorgehen kritisiert Landrat Günther-Martin Pauli, der die Inzidenz ins Verhältnis mit den jeweiligen Testungen setzen will, um vergleichbare Werte zu bekommen.
Die Schmerzgrenze der zumutbaren Beschränkungen sei für viele erreicht, weshalb der Landrat für zeitnahe, bedarfsorientierte Lockerungen mit Besonnenheit und Augenmaß plädiert.

Tuttlingen hat vergleichsweise hohe Infektionszahlen

Beruft man sich jedoch allein auf die Summe an Infektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen, sticht der Nachbarlandkreis Tuttlingen aktuell heraus. Im negativen Sinne.
Während die Landesinzidenz im Schnitt bei 70,2 liegt (Stand 2. Februar) und einige Landkreise bereits unter 50 oder gar 35 liegen, gehört Tuttlingen zu einer Handvoll Landkreise mit einem Wert über 100. Zuletzt lag die Inzidenz bei 125,7. Unrühmlicher Spitzenplatz bei den Flächenlandkreisen im Südwesten – auch weil Corona-Regeln dort offenbar nicht konsequent eingehalten werden.

Rücksichtsloses Denken macht es schwierig

Tuttlingens Landrat Stefan Bär glaubt, „solange dieses Denken vorherrscht, diese Nachlässigkeiten, dieses bewusste Anlügen des Gesundheitsamtes, werden wir zu kämpfen haben, in diese Regionen (Anmerkung der Redaktion: einer Inzidenz von 50) zu kommen“.
Was Landrat Bär zu dieser Einsicht brachte, geschah schon Mitte Januar. In einem seiner Videos zur aktuellen Lage, die er regelmäßig auf Youtube veröffentlicht, berichtete er am vergangenen Freitag in aller Seelenruhe aber in der Wortwahl deutlich „über ein besonderes Ereignis, das uns alle nicht nur ärgert, sondern nachhaltig beschäftigt“.
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Auch der Gemeinderat der Stadt Mühlheim sowie der Ortschaftsrat des Stadtteils Stetten äußern sich in einem gemeinsamen Statement. Denn in Mühlheim an der Donau lag die 7-Tage-Inzidenz am Montag bei fast 1000. Doch warum?
Am Samstag, 16. Januar, hatte sich eine Gruppe von 14 Personen aus zehn Haushalten, privat organisiert, zu einer in dieser Form aktuell illegalen Wanderung im Donautal aufgemacht und anschließend noch in einer Hütte zum geselligen Beisammensein getroffen.
Bei und nach Wanderung infiziert
„Aus dieser Wanderung sind bereits mindestens 25 positive Fälle hervorgegangen“, sagte Bär. „Das Ende ist noch nicht ganz absehbar.“ Eine der Personen sei mittlerweile stationär im Krankenhaus aufgenommen worden.
Der Vorfall – „einer der massivsten Verstöße gegen die Corona-Verordnung, die wir erlebt haben“ – habe für Auswirkungen in mehreren Betrieben gesorgt.

Lügen bei der Kontaktverfolgung

Bei der anschließenden Kontaktverfolgung seien dann offenkundig bewusst falsche und unvollständige Angaben gemacht worden. Das Gesundheitsamt wird belogen, nur die „legale“ Zahl an Kontaktpersonen genannt. Ein Phänomen, das auch in anderen Fällen im Landkreis Tuttlingen seit dem Lockdown bemerkt worden und nachweisbar sei, wie Bär erzählt.
Im Gesundheitsamt des Zollernalbkreises geht man davon aus, ehrliche Angaben zu bekommen, wenngleich die angegebene Zahl der Kontaktpersonen vor November noch vier Mal so hoch war: „Es gibt ja keine maximale Zahl an Menschen, mit denen man sich im Laufe mehrerer Tage treffen darf, deshalb besteht auch kein Grund, Kontaktpersonen zu verschweigen“, sagt Behördensprecherin Marisa Hahn.
Doch zurück zum Mühlheimer Fall: Dort wurden offenkundig Quarantäneauflagen von positiv Getesteten nicht eingehalten. Zumindest im Einzelfall habe man weiter am Arbeitsleben teilgenommen und dort andere Personen angesteckt.

Vorfall könnte zur Straftat werden

Der Vorfall war vergangenen Donnerstag erst angezeigt worden, seither ermittelt die Polizei. Die Sache könnte sich von einer Ordnungswidrigkeit zu einer fahrlässigen Körperverletzung, also einer Straftat, entwickeln – sollte sich herausstellen, dass ein Infizierter wissentlich einen anderen Menschen angesteckt hat.
„Das war eine traurige Erkenntnis in dieser Woche hier im Landkreis Tuttlingen, dass wir offenbar doch vermehrt mit Menschen zu tun haben, die sich eben an diese Regeln nicht halten und die uns dadurch allen gemeinsam schaden“, meinte Bär.
Die Gruppe ist Bär zufolge durch ihren Ort marschiert, „in einem Selbstverständnis, wir können machen, was wir wollen, es ist uns auch egal, was daraus wird, es wird uns schon nichts passieren“.
Bär nennt das Verhalten „nicht nur rücksichtslos, sondern es grenzt an Selbstherrlichkeit“. Er kündigt an, dass „wir den Vorfall mit aller Härte und mit aller Konsequenz aufarbeiten, ermitteln und ahnden werden“.

Ansehen der Stadt und der Region beschädigt

Im 3600-Seelen-Städtchen Mühlheim und dessen einzigem Stadtteil Stetten sind Gemeinde- und Ortschaftsrat sauer, wie in einem gemeinsamen Statement deutlich wird: Dieser Vorfall habe „dem Ansehen unserer Stadt, aber auch unseres Landkreises stark geschadet“.
Die Lokalpolitiker betonen, welche Folgen ein solches Verhalten für den ganzen Landkreis haben kann: „Niemand kann es wollen, dass unsere Kindergärten, Schulen oder Wirtshäuser erst mehrere Wochen später als in anderen Landesteilen wieder öffnen dürfen, weil wir im Landkreis Tuttlingen unsere Infektionszahlen nicht eingedämmt bekommen.“

Stadtteil wird zum „Klein-Ischgl“

Teilnehmer der Wanderung wollten sich gegenüber der Schwäbischen Zeitung nicht zum Vorfall äußern. In der Rückschau sei aber sowohl das Bereuen einer „saublöden Tat“ vorhanden, als auch die fehlende Einsicht, einen Fehler gemacht zu haben, schreibt die Zeitung.
Stettens Ortsvorsteher Emil Buschle sagte der Schwäbischen Zeitung: „In Stetten ist die Stimmung jedenfalls am Boden wegen der Sache. Da herrscht null Verständnis. Wir sind jetzt ‚Klein-Ischgl‘.“