Hechingen Landesvermessung mit Folgen

Hechingen / RUTHILD MANGLER 15.08.2013
Hechingen reicht seit der Eingemeindung von Boll bis an den Raichberg. Heute trennt diese Grenze nicht nur die Gemarkungen Boll und Onstmettingen, sondern auch die Städte Hechingen und Albstadt.

Bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war die Hechinger und Albstädter Grenze noch mehr, sie war ab 1850 "L.G." - Landesgrenze zwischen den Territorien von Preußen und Württemberg. Davor hatte sie zollerisches und württembergisches Gebiet getrennt. Deshalb kann man auch vermuten, dass Herzog Friedrich von Württemberg 1604 auf dem Raichberg war. Der Herzog hatte nämlich am 15. März 1604 "ein Raiß umb das gantze Hertzogthum Würtemberg auff der grinitz von einem Marckstein zu dem anderen" in Mühlacker begonnen. Auf dieser 31 Tage andauernden "miehsehlichen und gantz beschwehrlichen Raiß iber Berg und Thal" wurde er begleitet von seinem Hofmeister, einem Kammersekretär, einem Hofjunker, einem Jungen, von Heinrich Schickhardt, der den Umgang beschrieb, und einem "Trumeter".

Auch heute ist es mühselig und beschwerlich, dieser Grenze von Stein zu Stein zu folgen, denn die Grenze führt oft weglos durch den Wald und nicht wie am Dreifürstenstein entlang des Traufwanderweges. Bei der Begehung im Winterhalbjahr 2010 - übrigens ohne Trompeter - konnten zwischen dem Zellerhorn und der Stelle, an der die Stadtgrenze beim Himberg die Hochfläche erreicht, insgesamt 60 Grenzsteine erfasst werden. Die meisten sind aus Sandstein oder Muschelkalk; nur die Steine aus dem 20. Jahrhundert wurden aus Granit gemacht. Vielfältig ist ihr Aussehen, spitz, gewölbt oder flach, viereckig, vereinzelt konisch, verwittert, manche noch lesbar. Alle wurden in der Zeit zwischen 1706 und 1925 gesetzt. Viele der Steine tragen heute noch ein "HH" für Hohenzollern-Hechingen, das heißt, es wurde nicht wie üblich ein "KP" für Königreich Preußen eingeschlagen, als das Fürstentum Hohenzollern-Hechingen 1850 preußisch wurde.

Etwas verwirrend sind die Inschriften "KP", "KW" und 1925 am Granitgrenzstein auf dem Zellerhorn, gab es doch 1925 in Deutschland bereits keine Könige mehr. Vom Zellerhorn kann man mit den Augen der Grenze folgen: Immer dem rechten Waldrand entlang geht es hinab zur Zellerhornwiese und weiter bis vor ans Eck. Dort führt die Stadtgrenze geradlinig abwärts in den Sattel zwischen Zollerberg und Zellerhorn und sogleich wieder Direktissima hoch zum Hohenzollern. Halt! Nicht ganz hinauf, kurz unterhalb des Gipfels weicht sie nach Norden aus und verläuft unterhalb der Burg. Vor der Landesver-messung im 19. Jahrhundert verlief die Grenze über den Berg, der Zoller lag damals ungefähr zu einem Drittel auf Gemarkung Boll. Ohne die damalige Grenzkorrektur würde heute der Zoller zu Hechingen gehören, zumindest teilweise.

Auf dem Raichberg begegnet man immer wieder anderen Grenzsteinen. Eine Plakette zeigt am Kopf der Steine an, dass diese eine Jagdgrenze bezeichnen, und zwar die zwischen der freien Pirsch und dem Forst. Im Forst hatte nur der Fürst das Recht zu jagen und den Wald zu nutzen, das bedeutete, dass dort entsprechend der Wildbestand hoch war und die Bauern unter den Wildschäden litten. Wer jedoch im Gebiet der freien Pirsch wohnte, durfte selbst jagen und musste keine Jagdfronen leisten. Um das Recht auf die freie Pirsch wurde Jahrhunderte lang zwischen Herrschaft und Untertanen erbittert gekämpft. Einer der Schlichtungsversuche war der Vertrag von 1582 zwischen Herzog Ludwig von Württemberg und Graf Eitelfriedrich von Hohenzollern. In ihm wurde der Grenzverlauf der freien Pirsch über den Raichberg vereinbart, der mit 40 hohen Muschelkalksteinen gekennzeichnet wurde. Die Reste der Steine sind heute wieder als solche markiert.

Am Kohlwinkelfelsen erinnern ein Kreuz und eine schwarz ausgemalte Hand sowie die Jahreszahl 1826 an ein tödliches Ereignis. E Überlieferung besagt, dass die zehnjährige Anna Maria bei einem Sturz vom Kohlwinkelfelsen, auf dem sie mit ihrer Stiefmutter und ihren Geschwistern Holz sammeln wollte, ums Leben gekommen ist. Nach einer anderen Version hat sie eine Hand, die Hand ihrer Stiefmutter, vom Felsen gestoßen. Der Grenzstein auf dem Felsen lässt zunächst vermuten, dass es ein echter "Grenzfall" war - vom Königreich Württemberg ins Fürstentum Hohenzollern-Hechingen. Unterhalb des Felsen zeigt aber der nächste Stein, dass es ein rein württembergischer Fall war, ohne außenpolitische Verwicklung. Die schwangere Mutter wurde folglich in Balingen inhaftiert, wo sie sich im Gefängnis erhängte.

Nicht ganz einen Kilometer nach dem Kohlwinkelfelsen läuft die Grenze in Richtung Himberg wieder in der Nähe des Wanderweges. Auf einigen Steinen steht die Jahreszahl 1835. In diesem Jahr s wurde nach einem Erlass des Oberamts Balingen und des Oberamts Hechingen dieser Abschnitt der Grenze berichtigt. Beteiligt waren die Gemeinden Onstmettingen, Boll und Stetten. Stetten deshalb, weil der Stettener Gemeindewald in diesem Gebiet liegt. Wer bezahlte nun die Männer des Untergangsgerichtes, die Steinhauer, die Steine, die Fuhrleute und die Steinsetzer? Laut eines Vertrages vom August 1835 wurden die Unkosten zunächst zwischen Württemberg und Hohenzollern-Hechingen halbiert. Die Gemeinde Boll übernahm von dieser Hälfte ein Drittel, die restlichen zwei Drittel hatte die Gemeinde Stetten zu bezahlen.

Die Hoheitszeichen
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