Hechingen Kreuzwegstationen lernen fliegen

Hechingen / Andrea Spatzal 13.03.2018
Für den Einbau einer Eisenbahnbrücke müssen im St.-Luzen-Weg zwei der fast 300 Jahre alten Kreuzwegstationen Platz machen.

Das wird ein Koloss von einer Eisenbahnbrücke. 1200 Tonnen Betonstahl müssen in Position gebracht werden, wenn es soweit ist. Eine Herausforderung für Fritz Mögle und sein Team von der Metzinger Baufirma Brodbeck, die im Auftrag der Deutschen Bahn die alte Eisenbahnbrücke über dem St.-Luzen-Weg austauscht.

Fritz Mögle hat alle Zahlen und Daten im Kopf. Der gewiefte Bauleiter aus Bad Urach weiß sogar, wie alt der St.-Luzen-Kreuzweg ist. Fast 300 Jahre haben die Häuschen und die Statuetten nämlich auf dem Buckel. Deshalb gehen auch Marco Stiel und seine Mitarbeiter mit äußerster Vorsicht zu Werke. Die auf Bauarbeiten an denkmalgeschützten Objekten spezialisierte Firma Stiel aus Ostheim in der Röhn wurde von der Deutschen Bahn damit beauftragt, die beiden Kreuzweghäuschen vor und hinter der Eisenbahnbrücke zu versetzen. Die sind im Weg, wenn es in den nächsten Wochen auf der Baustelle so richtig zur Sache geht.

Marco Stiel sieht wohl, dass die Kreuzweghäuschen natürlich immer wieder restauriert wurden, also nicht mehr ganz und gar im Originalzustand sind. Aber die Substanz, sagt er, die sei bestimmt 18. Jahrhundert. Behutsam werden die  Fundamente freigelegt und Stahlschienen unter die  Häuschen geschoben und festgemörtelt. In genau einer Woche gehen die Kreuzwegstationen dann in die Luft: Ein Autokran hievt sie am kommenden Montag, 26. März, für die Dauer der Bauarbeiten an einen sicheren Ort: auf eine Wiese bei St. Luzen.

Ist das vollbracht, schlägt der Firma Brodbeck die Stunde. Momentan wird schon die Baustelle eingerichtet – auf längere Zeit, denn bis in den November hinein werden die Mitarbeiter vor Ort in Hechingen sein. Ihr Auftrag: Abbau der alten und Einbau der neuen Brücke mit einer nur minimalen Unterbrechung des Bahnbetriebs. Das erfordert genaue Planung. „Für den Tausch haben wir genau 128 Stunden und 15 Minuten Zeit“, sagt Fritz Mögle und rechnet vor: Die neue Brücke wird parallel zur alten vor Ort betoniert. Am 28. Oktober muss das 1200 Tonnen schwere Koloss aus Stahlbeton komplett fertig sein. In dieser Nacht, so kurz nach Mitternacht, wird nämlich der Bahnverkehr auf der Strecke eingestellt – und dann tickt die Uhr. 128 Stunden haben Fritz Mögle und seine Kollegen Zeit für ihr Mega-Projekt: Eine vier Meter tiefe Baugrube muss ausgehoben, die alte Eisenbahnbrücke samt der Widerlager abgerissen werden. Die Schienen müssen raus, und der neuen Brücke muss eine komplizierte Verschubkonstruktion verpasst werden, mit der sie später mit hydraulischen Seilwinden an ihre Position „eingezogen“ wird. Ist dieser Kraftakt bewerkstelligt, bekommt die neue Brücke neue Widerlager. 5000 Tonnen Schotter kommen dabei zum Einsatz. Im Gegenzug fallen 2000 Kubikmeter Erdaushub an, die entsorgt werden müssen.

Am 2. November sollen auf der Strecke die Züge wieder uneingeschränkt rollen. Dann kommen auch die Häuschen wieder an ihren angestammten Platz. Die historischen Figuren, die sie beherbergen, wurden vor drei Wochen von einer Mitarbeiterin des Denkmalamtes in Sicherheit gebracht. In der St.-Luzen-Kirche warten sie geduldig auf ihre Rückkehr.

Jesus begegnet den weinenden Frauen

Der Kreuzweg unterhalb des Franziskanerklosters St. Luzen wurde 1733 errichtet. Die St.-Luzen-Kennerin Ruthild Mangler hat die Kreuzwegstationen als Kleindenkmale erfasst. Sie weiß, was die Figurengruppen darstellen, die für die Dauer der Bauarbeiten in der St.-Luzen-Kirche lagern: „Jesus bei den weinenden Frauen“ und „Jesus fällt zum zweiten Mal unterm Kreuz“. Meist umfasst ein Kreuzweg 14 Stationen von der Verurteilung Jesu bis zur Kreuzigung. Der St.-Luzen-Kreuzweg ist eine Ausnahme. Er hat mehr als 14 Stationen, die Zahlen und Buchstaben wie 1a, 1b und 1c oder auch 13a und 13b tragen.

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