Hechingen Klangliche Visionen unendlicher Weiten

Einen äußerst klangvollen „Blick übers Meer“ gab es im „Museum“ mit dem Tübinger Ärzteorchester zu erleben, das unter der Leitung von Ulrich Bürck mit mehreren Solisten aufwartete.
Einen äußerst klangvollen „Blick übers Meer“ gab es im „Museum“ mit dem Tübinger Ärzteorchester zu erleben, das unter der Leitung von Ulrich Bürck mit mehreren Solisten aufwartete. © Foto: Diana Maute
Hechingen / Diana Maute 06.12.2018
Das Tübinger Ärzteorchester brillierte mit seinem Programm „Blick übers Meer“ in der Hechinger Stadthalle „Museum“.

Es ist ein Schauen, das nicht über die Sehkraft geschieht, sondern alleine über das Hörvermögen und die Macht der Imagination: Wenn das renommierte Tübinger Ärzteorchester, das 1984 von Dr. Norbert Kirchmann gegründet wurde, einen musikalischen „Blick übers Meer“ wagt und dabei Werke von Mendelssohn Bartholdy, Ghedini, Mozart und Haydn erklingen lässt, ist das ein Fest für jeden Zuhörer.

Felix Mendelssohn-Bartholdys (1809-1847) in Klang gesetzte Ergriffenheit angesichts der rauen Schönheit der Natur kommt in seinem Werk „Die Hebriden“, op. 26 zum Ausdruck, in dem die vor Schottland liegende Inselgruppe ausdrucksvoll beschrieben wird. Was ein Maler mit Pinsel und Farbe auf Leinwand bannt, beschreibt der Komponist durch Töne, Akkorde und klangliche Verzierungen, die vom Orchester meisterhaft umgesetzt wurden: Eine karge, wilde Landschaft mit knorrigen Bäumen; Felsen, die dem Meer trotzen; Möwen, die kreischend im Wind flattern. Das Hauptthema, das im Laufe der Ouvertüre immer wieder variiert, wird getragen von Bratsche, Cello und Fagott, die die gewaltige, immer wiederkehrende Kraft des Wellengangs interpretieren. Dies alles untermauert vom donnernden Klang der Pauke.

Gleich im Anschluss sagte der musikalische Leiter Ulrich Bürck den unumstrittenen Höhepunkt des Abends an. „Wir bewegen uns nun in Richtung südliches Eismeer“, kündigte er die anspruchsvolle Komposition „Concerto dell’albatro“ aus der Feder von Giorgio Federico Ghedini (1892-1965) an. Im Jahre 1945, also mehr als hundert Jahre später entstanden als das Werk von Mendelssohn-Bartholdy, sei diese Komposition mit ganz anderen musikalischen Mitteln ausgestattet. „Es erwartet Sie eine Hechinger Erstaufführung, denn Ghedini ist noch nie hier gespielt worden“, versprach Bürck eine Premiere. Zentrales Motiv des „Concerto dell’albatro“ ist das Erahnen der Einsamkeit beim Anblick eines Albatros, die Herman Melvilles „Moby Dick“ entlehnt ist. Drei junge Profimusiker glänzten bei diesem Werk als Solisten: Violinistin Miriam Klüglich, Hugo Rannou am Cello und Harald Sinot am Piano.

In den drei ersten Sätzen ist die Komposition Ghedinis rein instrumental gehalten – in Alternanz und Zusammenspiel des solistischen Trios und des Orchesters. In der Verbindung linearer, karg wirkender musikalischer Linien setzt im vierten Satz die Stimme des Sprechers sein, in dessen Rolle Ingemar Koerner schlüpfte. Der musikalische Verlauf wird ab diesem Zeitpunkt mit jenen Bildern illustriert, die der Musik ihre magischen Impulse geliehen haben: „Ich entsinne mich des ersten Albatrosses, den ich jemals gesehen; es war während eines lang anhaltenden Sturmwinds, an Gewässern hart an den arktischen Meeren“, heißt es in „Moby Dick.“ Die sprachliche Beschreibung eines Zustands visionär-philosophischer Verzückung beim Anblick eines majestätischen Albatros. Die Instrumentalteile evozieren dazu fein nuanciert den Eindruck des Eismeeres, und durch zarte Dialoge von Klavier und Streichern sowie punktuell eingesetzte Bläser wird eine unheilschwangere Atmosphäre erzeugt.

Blicke in weitere faszinierende Klangwelten gewährte das Orchester mit dem Werk „Maurerische Trauermusik“, KV 477 (479a), das Wolfgang Amadé Mozart (1756-1791) einst für die Wiener Freimaurerloge komponierte, sowie der „Symphonie Nr. 98 in B-Dur“, einem musikalischen Juwel aus der Feder von Joseph Haydn (1732-1809). Ein musikalisches Erleben von Grenzerfahrungen, von den Musikern meisterhaft umgesetzt und vom Publikum mit begeistertem Beifall quittiert.

Zwei weitere Aufführungen

Wer das Konzert in Hechingen verpasst hat, muss sich nicht grämen. Am Samstag, 8. Dezember, wird es um 15 Uhr in der Crona-Klinik in Tübingen zu hören sein (allerdings ohne Ghedini). Eine weitere Aufführung des gesamten Programms folgt am Montag, 10. Dezember, um 20.15 Uhr im Festsaal der Neuen Aula in Tübingen.

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