Es ist eine kleine, aber feine Veranstaltungsreihe, die im evangelischen Gemeindehaus am Schloßberg die Auswirkungen der Novemberrevolution vor 100 Jahren auf das kirchliche Leben in Württemberg und Hohenzollern beleuchtet. Den Auftakt gestaltete am Donnerstag Dr. Wolfgang Schöllkopf, der unter der Überschrift „Die Kirche und ihr König“ die Wirren von 1918 und das Werden der Evangelischen Landeskirche in Württemberg beleuchtete.

Das Ende des Ersten Weltkriegs und der Monarchie war für die evangelische Kirche ein tief einschneidendes Ereignis. Schließlich war der König in Württemberg auch das Oberhaupt der Kirche, nach dem landesherrlichen Kirchenregiment der Reformationszeit. Die Abdankung König Wilhelms II. am 30. November 1918, dem Tag, an dem sich der Monarch mit einem „Scheidegruß“ persönlich von seinem Volk verabschiedete, stellte für die evangelische Kirche einen Umbruch enormen Ausmaßes dar. „Diesen Einschnitt können Sie sich nicht tief genug vorstellen, denn niemand wusste, wie es danach weitergehen sollte“, unterstrich Schöllkopf.

In Württemberg sei die Verbindung zwischen den Gläubigen und dem Monarchen sehr eng gewesen. „Dass nun alles anders sein sollte, war ein großer Schock.“ Württemberg ohne König, Kirche ohne König – für die meisten damals undenkbar. „Wir gehen mit unserem Volk durch tiefes Dunkel; niemand weiß, wie es weitergehen kann“, fasste die Landessynode die trostlose Situation in Worte. Denn die emotionale Bindung der Kirche zu Wilhelm II. war groß. So habe einer der Kirchenräte vor der Abdankung zu ihm gesagt: „’s isch fei net wäga ihna, ‚s isch wägam Syschtem.“ Und dieses sollte sich grundlegend ändern. „Zwar sicherte der Staat Religionsfreiheit zu, er selbst war aber künftig der Religion entkleidet“, führte Wolfgang Schöllkopf aus.

Der Referent beleuchtete die Biographie des Monarchen, dessen Erziehung in jungen Jahren in den Händen eines Pfarrers lag, und der sich – anders als seine Vorgänger – nicht mehr als König von Gottes Gnaden, sondern „als König, auf Gottes Gnaden angewiesen“, gesehen habe. Unter dem barbarischen Ersten Weltkrieg habe der Monarch sehr gelitten. Nach heroischen Aufrufen in den Gotteshäusern sei Bewegendes geschehen: „Der König bat die obersten Vertreter seiner Landeskirche um leisere Töne“, so der Vortragende.

Der Blick auf den 9. November 1918 fordert eine Frage heraus, der Wolfgang Schöllkopf in seinem Vortrag ebenfalls nachging. „Wie findet im Schwäbischen eine Revolution statt?“ In diesem Zusammenhang beleuchtete er die Ereignisse rund um den Sturm auf das Stuttgarter Wilhelmspalais, angeführt von den Soldaten- und Arbeiterräten. Dabei rückte der Referent zwei Persönlichkeiten in den Fokus, die er unter der Überschrift „Pfarrer zur Rechten und zur Linken“ vorstellte. Auf der einen Seite Pfarrer Edwin Hörnle, der zu den Führern der Arbeiter- und Soldatenräte zählte, Gründungsmitglied der KPD und später Reichstagsabgeordneter in Berlin war. Auf der anderen Seite Pfarrer Karl Otto Botsch, der dem König als einziger Wachmann bis zuletzt die Treue hielt, was ihm dieser nie vergaß.

Als Begleiter und Schutzherrn hätten die evangelischen Gläubigen Wilhelm II. gerne weiter gehabt, konstatierte Schöllkopf. „Die Leute vermissten diese Integrationsfigur.“ Dass die Württembergische Landeskirche die Krise von 1918 unbeschadet überstanden habe, sei der frühzeitigen und klugen Weichenstellung des Königs zu verdanken gewesen.

Das landesherrliche Kirchenregiment fand nach der Abdankung des Monarchen sein Ende. Oder ging, wenn man so will, auf die Synoden über, welche die Kirchenleitung übernahmen. „Also haben wir seitdem ein königliches Konsistorium, nur ohne König“, beendete Wolfgang Schöllkopf seinen lebhaften Vortrag mit einem Augenzwinkern.

Fortsetzungen am 28. März und 11. April


Weiter geht’s Der nächste Vortrag in der Reihe „Kirche ohne König“ findet am Donnerstag, 28. März, statt. Prof. Dr. Jürgen Kampmann spricht zum Thema „Revolution von 1918 und Weimarer Reichsverfassung 1919: Folgen für das kirchliche Leben – auch in Hohenzollern.“ Am 11. April folgt der letzte Teil der Reihe mit Prof. Dr. Dr. h.c. Martin Heckel. Er beleuchtet „Grundfragen des deutschen Staatskirchenrechts: Religionsfreiheit, Trennung und Kooperation von Staat und Kirche im freiheitlich-demokratischen Rechts-, Kultur- und Sozialstaat.“ Der Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus.