Hechingen Keine Lust mehr auf den Winter

Hechingen / JUDITH MIDINET 05.04.2013
Die Kröten bleiben lieber in der Erde, die Vögel lieber im Süden, und die Menschen sehnen sich nach Wärme und Sonne. Nur die Obstbäume profitieren in diesem Jahr von dem lang anhaltenden Winter.

"Dieses Jahr ist völlig untypisch", sagt Gert Rominger, Vorsitzender der Nabu-Gruppe Hechingen. Anfang März habe es wenige Nächte mit Plusgraden gegeben, und die Erdkröten seien "explosionsartig" am Hauser Hof aufgetaucht. Bis jedoch die Schranken und Schilder aufgestellt waren, war der Winter zurückgekehrt - und weit und breit keine Kröte mehr. "Die Wanderungen sind sicher noch nicht vorbei", sagt Rominger.

Auch sein Kollege Herbert Fuchs aus Haigerloch vermutet, dass noch einige Kröten eingebuddelt in der Erde auf wärmere Temperaturen warten. "Die Wanderungen sind normalerweise Anfang April vorbei", sagt Fuchs. Um die Laufstrecke von vier bis fünf Kilometer zu bewältigen, brauchen die Amphibien mindestens fünf Grad. Fuchs fürchtet, dass viele Kröten in Ackerböden von den Maschinen der Landwirte überrascht werden: "Ob die Population betroffen ist, kann man erst sagen, wenn es wärmer wird." Bei den Vögeln hat Fuchs beobachtet, dass sie Schwierigkeiten bei der Nahrungssuche haben: "Ende Februar gab es in Bitz noch Seidenschwänze, die fliegen normalerweise schon Anfang des Monats in Richtung Skandinavien."

Günstig ist die beständige kalte Witterung für Obstbäume und Pflanzen. "Diese sind gut über den Winter gekommen und haben bis jetzt keine Frostschäden", sagt Markus Zehnder von der Obst- und Gartenbauberatungsstelle des Landratsamts Zollernalb. Es sei ein nasser Winter gewesen, deshalb gebe es eine gute Bodenfeuchte. Etwa zwei Wochen ist die Natur dieses Jahr später dran als in vergangenen Jahren. "Wenn es warm wird, holt die Natur das recht schnell auf", sagt Zehnder. Er rechnet damit, dass viele Obstbäume zusammen und innerhalb von einer Woche blühen werden, die Apfelvollblüte sogar erst Mitte Mai.

"Das ist allerdings für die Bestäubung schlecht, denn die Bienen können diese Masse kaum bewältigen", erklärt der Experte. Einbußen hätten die Gärtner, die vor allem auf Setzlingen, Primeln und Stiefmütterchen sitzen bleiben, für die es im Garten einfach noch zu kalt ist.

Die Landwirte im Kreis sind mit ihrer Arbeit etwa drei Wochen im Verzug. "Die Sommergetreide konnten noch nicht ausgesät werden", sagt Alexander Schäfer, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Zollernalb. Wenn es endlich wärmer werde, müssten die Landwirte "Feldarbeit in geballter Form leisten". "Dann muss gleichzeitig ausgesät, gedüngt und Pflanzenschutz verteilt werden", sagt Schäfer. Schon jetzt vermutet er, dass die Landwirte Einbußen beim Sommergetreide haben werden.

Und die Menschen? Es gab in diesem Winter deutlich mehr grippale Infekte und Grippeerkrankungen. Einfluss auf die Höhe der Erkrankungszahlen hat sicherlich der zeitlich erhöhte Aufenthalt der Menschen in geschlossenen Räumen während der Winterzeit. Und bei vielen leidet auch das Gemüt: Durch einen langen und sehr sonnenscheinarmen Winter können beim Menschen leichte Veränderungen im Bereich der Gehirnbotenstoffe und Hormone festgestellt werden.

"Wie Körper und Psyche reagieren, hängt von vielen zusätzlichen individuellen Bedingungen der einzelnen Menschen ab, so dass nicht grundsätzlich davon auszugehen ist, dass jeder Mensch gleichartig unter dem Sonnenmangel leidet", sagt Dr. Friedrich Piontek, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamtes Zollernalb. Eine verstärkte Müdigkeit und Mattheit sowie höherer Schlafbedarf könnten auch als Ruhe- und Regenerationszeit für Körper und Geist betrachtet werden. Gegen die Antriebslosigkeit empfiehlt Piontek Bewegung an der frischen Luft, moderates Ausdauertraining und Gefäßtraining wie zum Beispiel durch Wechselduschen. "Ausreichend Schlaf und ein geordneter Tagesrhythmus, abwechslungsreiche, vitaminreiche Ernährung mit ausreichend Obst und Gemüse, der Verzicht auf Alkohol und Nikotin sowie Aktivitäten mit Freunden und in Vereinen haben einen sehr guten stabilisierenden Einfluss auf unser psychisches Empfinden", sagt Piontek.

Allergikern geht es zurzeit sogar noch recht gut, sie sind ohne Beschwerden. "Mit einem verstärkten, sehr schnellen und massivem Aufblühen der Pflanzen werden die Beschwerden der Allergiker allerdings zunehmen", erklärt Piontek.

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