Hechingen Keine dummen Scherze im Knast

Verhandelt wurde vor dem Landgericht. Der Vorsitzende Richter sah die Tat als gravierend an.
Verhandelt wurde vor dem Landgericht. Der Vorsitzende Richter sah die Tat als gravierend an. © Foto: Matthias Badura
Hechingen / Matthias Badura 16.08.2018
Zwei Häftlinge haben im Hechinger Gefängnis einen Mitgefangenen mit Strom traktiert.

Es gibt viele Gründe, warum zwei Strafgefangene einem Mithäftling mit Elektrokabeln einen Stromschlag versetzen: Rivalitäten im Knast, Begleichen alter Rechnungen, Strafaktionen und dergleichen mehr. Wenn man zudem hört, dass einer der Täter an den Drogengeschäften beteiligt war, die im Dezember 2016 zur Erschießung des Umut K. an der Hechinger Staig führten – wird man hellhörig. Zuletzt gelangte das Landgericht Hechingen unter Vorsitz von Dr. Hannes Breucker in der gestrigen Verhandlung jedoch zu der Überzeugung, es habe sich bei dem Stromanschlag in der Hechinger Justizvollzugsanstalt um das gehandelt, was mehrere Verfahrensbeteiligte einschließlich des Opfers als einen „dummen Scherz“ bezeichneten. Allerdings, wie Breucker hinzufügte, sei es ein strafbarer dummer Scherz! Für lustig sah er den Fall überhaupt nicht an.

Lange beschäftigte sich die Kammer mit der Frage, wie die Angeklagten ihrem Mithäftling den Stromschlag verpasst hatten. Die beiden saßen im November 2017 in Hechingen in Untersuchungshaft und waren tagsüber in der Werkstatt des Gefängnisses beschäftigt. Dort hatten sie mit einem elektrischen Gerät Leuchtlampen zu prüfen, ihr Opfer war zu Reinigungsarbeiten eingesetzt. Als sich der heute 28-Jährige in der Werkstatt über seinen Putzeimer bückte, sollen ihm die beiden den Stromschlag verpasst haben. Das gaben sie auch zu. Aber wie taten sie es? Hielt jeder der beiden eines von zwei Kabelenden des Prüfgerätes an eine der Schläfen des Opfers? So sah es Staatsanwalt Michael Schneider. Nein, widersprachen die Angeklagten. Sie hätten jeder ein Kabel in der linken Hand gehalten und dann beide mit ihrer anderen Hand den Kopf des Opfers berührt. Auf diese Weise habe sich der Stromkreis geschlossen, auch sie seien vom Schlag getroffen worden.

Richter Breucker, seine Beisitzer, die Schöffen ebenso wie Staatsanwalt Schneider sahen sich außerstande zu beurteilen, ob das technisch möglich ist. Eine Gutachterin sollte die Frage klären. Allerdings wollte sich die Medizinerin nicht festlegen. Sie  bezweifelte aber, dass es auf die von den Angeklagten dargestellte Art zu den Wundmalen kommen konnte, die das Opfer an den Schläfen davontrug. Dann hätten ja auch die Täter Verbrennungen davontragen müssen, meinte die Sachverständige.

Der 28-Jährige der wegen schwerer Brandstiftung inzwischen im Ravensburger Gefängnis einsitzt, berichtete, er sei nach dem Schlag für kurze Zeit benommen gewesen, und bis heute leide er unter immer wieder auftretenden Kopfschmerzen.

Auch der Betriebsleiter wurde gehört. Wie er sagte, habe er die Tat nicht direkt gesehen. Er habe die Geschichte des Opfers zunächst auch nicht geglaubt, dann aber einen „Selbstversuch“ mit den Kabeln unternommen. Ergebnis? „Das mache ich nicht wieder“, so der Vollzugsbeamte.  Die Prüfanlage stehe noch genau so aufgebaut wie damals. Das Gericht, schlug der Beamte vor, könne sich selbst einen Eindruck verschaffen und die Sache einmal ausprobieren, nur er, so der Betriebsleiter, stehe dafür nicht zur Verfügung. Im späteren Verlauf bot Verteidiger Kristian Frank an, er und sein Kollege Hartung Schreiber würden die Kabel anfassen und Staatsanwalt Schneider in die Mitte nehmen. Schneider lehnte jedoch dankend ab. Nochmals Gelächter im Saal.

Der Betriebsleiter wiederum stellte den beiden Angeklagten im Übrigen ein erstklassiges Zeugnis aus. Beide hätten sich vorbildlich geführt. Das Opfer charakterisierte er hingegen als „scheinheilig“ und einen „Schleimer“.

Wie sich aus dem weiteren Verlauf des Prozesses ergab, wurde der eine Angeklagte einmal wegen eines größeren Drogenhandels verurteilt, der andere hatte schon mehrfach mit Rauschgifthandel zu tun, wurde zudem auch wegen Beschaffungskriminalität verurteilt, wegen Einbruchs, Raubes oder Erpressung.

Die beiden Verteidiger beantragten milde Strafen für ihre Mandanten, drei und vier Monate. Die Kammer langte aber kräftiger zu: sieben Monate für den einen, neun Monate für den anderen. Er hat sich schon einmal an einem Mithäftling vergriffen. Letztlich, so sah es Richter Breucker, sei egal, wie der Stromschlag versetzt wurde. Es handle sich in jedem Fall um eine gemeinschaftlich begangene gefährliche Körperverletzung. Sicher sei sie spontan und im Sinne eines „dummen Scherzes“ begangen worden. Aber, und das nahm Breucker besonders ernst, es geschah in der Justizanstalt. Der Staat habe eine ganz besondere Schutzpflicht für seine Gefangenen. Daher wolle man mit der härteren Bestrafung ein Zeichen setzen, dass es nicht toleriert wird, wenn sich Gefangene an Mithäftlingen „austoben“.

Die Entscheidung wird mit den Urteilen verrechnet, welche die Angeklagten schon mit sich tragen. Insgesamt müsste der eine drei Jahre und fünf Monate absitzen, der andere vier Jahre und vier Monate. Vorläufig aber nicht im Gefängnis. Die Männer befinden sich in längerfristiger Therapie. Sie seien auf einem guten Weg, meinte der Vorsitzende. Er redete beiden dringend ins Gewissen, diesen Weg durchzuhalten und keine Straftaten mehr zu begehen. Sonst sei’s nämlich „vorbei“.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel