Sein Hauptwerk wird „Moby Dick“ genannt. Ist die Rede von dem amerikanischen Roman-Autor Herman Melville? Aber mitnichten! Es geht um den Schweizer Theologen Karl Barth, dessen „Kirchliche Dogmatik“ wegen ihres Umfangs von rund 9000 Seiten und ihrer weißen Grobleinen-Einbände gerne mit dem berühmten „Weißen Wal“ verglichen wird.

Der einflussreichste evangelische Theologe

Karl Barth? Nun, man kann zugegebenermaßen auch als akademisch gebildeter Journalist 55 Jahre alt geworden sein, ohne jemals über diesen Namen gestolpert zu sein. Für evangelische Theologen ist der Mann aus Basel jedoch eine Institution, für manche gar eine Lichtgestalt. „Karl Barth ist der einflussreichste evangelische Theologe des 20. Jahrhunderts“, sagt Jürgen Kampmann, Professor für Kirchenordnung und neue Kirchengeschichte an der Universität Tübingen. Keiner hat speziell die Strömung der Bekennenden Kirche stärker beeinflusst als Barth, kaum jemand fand auch in der katholischen Theologie und in der Ökumene so viel Widerhall. Prof. Kampmann stellte am Dienstagvormittag zusammen mit Pfarrer Herbert Würth vor, wie dieser Karl Barth demnächst in Hechingen präsentiert wird – nämlich in Form der Wanderausstellung, die in diesen Tagen das Evangelische Gemeindehaus erreicht.

Ausstellung zum Karl-Barth-Jahr

Die Schau wurde aus Anlass von Barths 50. Todestag am 10. Dezember 1968 vom Reformierten Bund konzipiert, der 2019 zum Karl-Barth-Jahr erklärt hat. Nach diversen Stationen quer durch die Republik wird sie vom 1. März bis zum 2. April auf dem Hechinger Schlossberg zu sehen sein.

Auf 16 Schautafeln wird dem – über Konfessionsgrenzen hinweg – interessierten Publikum einerseits das Leben von Karl Barth präsentiert, andererseits wird in wichtige Teile seines theologischen Werkes eingeführt, darunter die 2. Auflage des Kommentars zum Brief an die Römer und die Zeitschrift „Theologische Existenz heute“. Und selbstverständlich wird auch die dicke, weiße „Kirchliche Dogmatik“ gezeigt. Eine Reihe von drei Vorträgen zu Karl Barths Leben und Werk ergänzt die Ausstellung (siehe Kasten).

Klare Position gegen den „Führer Hitler“

Wie Pfarrer Herbert Würth erläuterte, wurzelt Karl Barths große Bedeutung für die jüngere evangelische Kirchengeschichte nicht allein in seinem schwer verdaulichen Hauptwerk, sondern auch in seiner Rolle, die er im Nationalsozialismus spielte. Als maßgeblicher Mitverfasser der „Barmer Theologischen Erklärung“ anlässlich der „Reichsbekenntnissynode“ 1934 avancierte er zur protestantischen Speerspitze gegen das Führerprinzip. „Karl Barth“, sagt Würth, „bezog ganz klar Position: Adolf Hitler kann kein Führer sein. Wir glauben nur an Jesus Christus.“ Damit schuf er eine für viele protestantische Pfarrer verpflichtende ethische Grundlage für die Ausübung ihres Dienstes. Für die Nazi-Kritiker in der evangelischen Kirche war er eine ähnlich wichtige Figur wie der später viel berühmter werdende Dietrich Bonhoeffer. Wie dieser setzte sich Barth schon früh gegen Antisemitismus und die nationalsozialistische Judenverfolgung ein. Im Dezember 1933 predigte er: „Christus gehörte zum Volk Israels. Dieses Volkes Blut war in seinen Adern das Blut des Sohnes Gottes“. Empörte Hörer verließen den Gottesdienst.

Seine „Brüder“ ließen ihn im Stich

Und auch die meisten seiner „Brüder“ ließen ihn im Stich: Als Barth – in seiner Position als Professor an der Universität Bonn – ein Dienststrafverfahren angehängt wurde, weil er sich weigerte, einen Eid auf den „Führer Hitler“ abzuleisten, blieb öffentlicher Protest der Bekennenden Kirche aus. 1935 wurde er in Bonn aus dem Dienst entlassen und wechselte in seinen Geburtsort Basel, von wo aus er als „Schweizer Stimme“ die Deutschen nach­drücklich zum aktiven Widerstand ermunterte. In Basel lehrte und lebte Barth bis zu seinem Tod 1968 – und blieb zeitlebens eine der gefragtesten Autoritäten des Protestantismus.

Die Ausstellung und die Vorträge


Eröffnet wird die Karl-Barth-Ausstellung „Gott trifft Mensch“ am Sonntag, 1. März. Der 10-Uhr-Gottesdienst wird aus diesem Anlass aus der Johanneskirche ins Evangelische Gemeindehaus verlegt. Nach dem Gottesdienst ist Ausstellungseröffnung mit Kirchenkaffee. Zur Einführung spricht Privatdozent Dr. Paul S. Peterson, der sich mit einer Arbeit über Karl Barth habilitiert hat.

Drei Vorträge begleiten die Ausstellung: Am Donnerstag, 5. März, um 19.30 Uhr spricht Prof. Georg Plasger von der Uni Siegen, der Vorsitzende der Karl-Barth-Gesellschaft, über „Karl Barths bleibende theologische Impulse“. Am Donnerstag, 19. März, um 19.30 Uhr referiert Paul S. Peterson von den Universitäten Hohenheim und Tübingen über „Karl Barths erste theologische Positionierung“, und am Donnerstag, 2. April, um 19.30 Uhr, spricht Prof. Dr. Jürgen Kampmann über „Karl Barths Wirken und dessen Bedeutung in der nationalsozialistischen Zeit“. Alle Vorträge finden im Evangelischen Gemeindehaus statt.

Die Ausstellung ist während der Gemeindeveranstaltungen sowie jeweils vor den Vorträgen ab 18.30 Uhr offen. Außerdem können mit Pfarrer Horst Jungbauer (Telefon 07471/13150) Termine vereinbart werden.