Aus der Ferne kaum zu fassen ist das Ausmaß der Zerstörungen, die im März 2011 der Tsunami und die nachfolgende Atomkastastrophe von Fukushima angerichtet haben. Auch fünf Jahre danach ist das einstige Katastrophengebiet an der japanischen Ostküste noch himmelweit von jeglicher Normalität entfernt. Und jede Hilfe aus anderen Teilen der Welt ist höchst willkommen.

Wollweiche, aber handfeste Beiträge zum Wiederaufbau leisten die Bodelshausenerin Martina Umemura und die Firma Tutto in der Hechinger Kasernenstraße. In der Küstenstadt Kesennuma, die vom Tsunami weitgehend dem Erdboden gleichgemacht wurde, machen sie aktive Strukturpolitik. Martina Umemura hat dort eine kleine Textilfabrik mit zehn Mitarbeiterinnen aufgebaut - und die Hechinger Sockenwollespezialisten liefern die Rohstoffe dazu. Mit Erfolg: Die sogenannten Kesennuma Friedenssocken (KFS) erfreuen sich in Japan großer Nachfrage.

Damit dieses Sockenwolle-Label noch bekannter wird, entsteht jetzt ein Buch über die Geschichte und Gegenwart des deutsch-japanischen Kooperationsprojektes. Um die Betriebsabläufe bei Tutto zu verstehen und zu dokumentieren, war am Mittwoch eine vierköpfige japanische Delegation zu Gast bei den Hechinger Sockenstrickern. Tutto-Geschäftsführer Frederic Zwerger und Prokuristin Henrike Zwerger führten die wissbegierigen Asiaten durch die Produktion - und Martina Umemura erläuterte die Hintergründe des Projekts.

"Mir ist wichtig, dass junge Leute im Tsunami-Gebiet Arbeit finden und dort bleiben können", schildert die gebürtige Friedrichshafenerin, die vor 30 Jahren als Ärztin nach Japan ging, warum sie aus ihrem Strick-Hobby ihren neuen Beruf machte. Die Frau, die ihre "zweite Heimat" in Bodelshausen hat, hatte schon vor der japanischen Katastrophe Opal-Wolle made in Hechingen nach Japan geholt, selbst verstrickt und an Freunde und Bekannte geliefert. Erlöse aus dem Verkauf ihrer "Friedenssocken" spendete sie ursprünglich nach Afghanistan.

Dann kam der Tsunami - und Hilfe war plötzlich vor der eigenen Haustüre am dringendsten. Martina Umemura startete ihr Krakenprojekt. Aus Hechinger Wollresten, gespendet von der Firma Tutto, wurden kleine, bunte Kraken gestrickt. Kraken gelten in Japan als Glücksbringer. "Mit vielen Armen kann man ganz viel Glück erhaschen", beschreibt die Wahl-Japanerin die Symbolik.

Aus den kleinen Anfängen des Krakenprojektes heraus entwickelte Umemura mit der Zeit eine eigene Textilmanufaktur. Sie brachte Fischern, die ihre Existenz verloren hatten, das Bedienen einer Strickmaschine bei und fing an, aus Hechinger Opal-Wolle sogenannte "Haramaki-Boshis" herzustellen - bunte Strickschläuche, die als Schal, Mütze oder Rückenwärmer verwendbar sind. Heute, da die Fischer wieder auf ihren Booten sind, beschäftigt Martina Umemura zehn (überwiegend junge) Frauen, denen der Job in der Textilfabrik eine neue Existenz in der Katastrophenregion gibt. Die Kesennuma Friedenssocken sind inzwischen eine gut etablierte Marke, die (gekauften) Wolllieferungen aus Hechingen werden längst in Tonnen gewogen - und kommen regelmäßig per Flugzeug oder Containerschiff.