Bis heute gibt es keine Wiederkehr: „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“ lautet der Titel einer Ausstellung, die am Freitagabend in der Villa Eugenia eröffnet wurde.

Das Thema, dem sich die Ausstellung widmet, birgt reichlich Konfliktpotential: Die Nakba, was so viel heißt wie Katastrophe, ist ein Wort, das im arabischen Sprachraum für die Flucht und Vertreibung der Palästinenser im Jahre 1948 steht, dem Jahr der Ausrufung des israelischen Staates.

Auf das Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge, für die es bis heute kein Zurück in die Heimat gibt, möchte der Verein „Flüchtlingskinder im Libanon“, der seit 1996 humanitäre Hilfe in Flüchtlingslagern leistet, mit der 2008 initiierten Wanderausstellung aufmerksam machen. Wie Ingrid Rumpf, Vorsitzende des Vereins, erklärte, sehen sich die Ausstellungmacher immer wieder heftigen Protesten ausgesetzt.

Auch in Vorfeld der Schau in Hechingen formierte sich Widerstand. Gegner hatten sich erfolglos für die Absetzung der Ausstellung, die bereits an über 155 Orten in ganz Deutschland sowie im EU-Parlament in Straßburg zu sehen war, stark gemacht (siehe Kasten). Vertreter der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, die sich gegen die Ausstellung stellt, zeigten während der Vernissage am Freitag mit einem Infostand vor der Villa Eugenia Präsenz. Im Hörfunk sei zudem zum Boykott der Schau aufgerufen worden, wussten Besucher zu berichten.

Die Vernissage, die von Liedermacher Thomas Felder mit einer reizvollen Mischung aus fremdländischen Melodien und schwäbischen Texten musikalisch umrahmt wurde, stieß dennoch (oder vielleicht gerade deshalb?) auf großes Interesse. In die Zollernstadt geholt worden war die Ausstellung von der Hechinger „Amnesty International“-Gruppe in Kooperation mit dem Förderverein Villa Eugenia.

Joachim Wien, Vorsitzender des Fördervereins, wies bei der Vernissage darauf hin, dass auch viele Deutsche am Ende des Zweiten Weltkriegs Flucht und Vertreibung kennen gelernt haben. Anders als im Nahen Osten sei es hier jedoch gelungen, den Weg der Versöhnung erfolgreich zu beschreiten.

„Uns ist es ein Anliegen, dass Menschenrechte stets eingehalten werden“, betonte Françoise Schenkel, Vorsitzende der Hechinger Amnesty-Gruppe. Das Recht von Flüchtlingen auf Rückkehr nehme in der UN-Menschenrechtserklärung eine zentrale Position ein: „Amnesty fordert, dass es den geflohenen Palästinensern möglich ist, ihr Recht auf Rückkehr auszuüben“, unterstrich sie. Gleiches gelte für israelische Bürger. Verstöße gegen die Menschenrechte würden hie wie dort angeprangert. Ingrid Rumpf ging in ihrer Einführungsrede auf die Intention der Ausstellung ein. Auf großformatigen Tafeln werden ausführlich Geschehnisse und Folgen der Nakba thematisiert und das Leid der Betroffenen beleuchtet – und zwar aus der Sicht der Palästinenser.

Flucht und Vertreibung haben laut Ingrid Rumpf tiefste Spuren hinterlassen: „Die Menschen sehen sich ihrer Heimat beraubt. Die Nakba prägt ihre Identität und Selbstauffassung ganz wesentlich.“ Hierzulande sei oft lediglich die israelische Auslegung des Geschehens bekannt. Die Ausstellung wolle deshalb explizit die palästinensische Sicht der Dinge in den Vordergrund rücken. Für eine friedvolle Zukunft sei die oft schmerzhafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit unerlässlich. „Wir sind der Meinung, dass Aussöhnung, Gerechtigkeit und Frieden ansonsten keine Chance haben.“

Info Die Ausstellung in der Villa Eugenia ist bis zum 14. August, jeweils mittwochs, samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr  zu sehen. An diesem Donnerstag, 4. August, findet um 19.30 Uhr eine begleitende Lesung statt.

Villa-Verein und Bachmann halten dem Druck der Deutsch-Israelischen Gesellschaft stand

Doppelter Protest Gleich zwei Israel-freundliche Institutionen haben versucht, die Hechinger „Nakba“-Ausstellung zu verhindern. Zum einen hat die Europäische Janusz Korczak Akademie, eine jüdische Bildungseinrichtung, an den Vorstand des Fördervereins Villa Eugenia appelliert, „dafür Sorge zu tragen, dass die Nakba-Ausstellung nicht in Hechingen gezeigt wird“. Zum anderen hat die Deutsch-Israelische Gesellschaft Stuttgart Bürgermeisterin Dorothea Bachmann angeschrieben und gebeten, „darauf hinzuwirken, dass die Ausstellung abgesagt oder mindestens vorzeitig abgebrochen wird“.

 

Begründung „Die Ausstellung stellt die Existenzberechtigung Israels in Frage“, begründet Bärbel Illi im Namen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ihr Ansinnen. In der Ausstellung werde die Gründung des Staates Israel 1948 „als Höhepunkt einer illegitimen Landnahme beschrieben“. Durch den Begriff „Nakba“ werde „die Gründung des Staates Israel zu einer Katastrophe erklärt“. Damit werde schon im Titel deutlich gemacht, welches „Wunschziel“ der Schau zugrunde liege: „die Abschaffung des jüdischen Staates“.

 

Meinungsfreiheit Der Förderverein Villa Eugenia, Bürgermeisterin Bachmann und die Hechinger Amnesty-Gruppe hielten indes an der Ausstellung fest. Villa-Fördervereinschef Joachim Wien schrieb an Bärbel Illi: „Ihre negativen Interpretationen sind aus den Texten so nicht ableitbar.“ Wien erinnert daran, dass die Nakba-Ausstellung seit 2008 an mehr als 100 Orten in Deutschland, im Straßburger Europaparlament und in Genf im Palast der Vereinten Nationen gezeigt worden ist. Deshalb sehe der Förderverein „keinen Grund, gegen geltendes deutsches Recht den Ausstellungsvertrag mit Amnesty International (AI) aufzukündigen.“ Und weiter: „Wir bitte um Verständnis, dass die deutsche Rechtsordnung, die historisch korrekte Darstellungen, die nicht allen genehm sind, erlaubt, von uns beachtet wird und wir die Meinungsfreiheit gegenüber AI nicht einschränken werden.“ hy