Hechingen Irmgard Knef in der Villa Eugenia

Für sie regnet’s nicht rote Rosen, sondern allenfalls gelbe Nelken: Irmgard Knef in der Villa Eu­ge­nia.
Für sie regnet’s nicht rote Rosen, sondern allenfalls gelbe Nelken: Irmgard Knef in der Villa Eu­ge­nia. © Foto: Antonia Lezerkoss
Hechingen / Antonia Lezerkoss 16.05.2018
Im Schatten der berühmten Schwester: Ulrich Michael Heissig alias Irmgard Knef in Hechingen.

Jetzt, „wo der Lack ab ist“, hat Irmgard Knef ihren großen Auftritt, macht ihren Mund auf und so bald nicht mehr zu. Sie, die jahrelang im Schatten ihrer Zwillingsschwester stand, packt aus. Am Sonntagabend auch vor entzücktem Publikum in der Villa Eugenia.

Gemeinsame Karriere mit der Schwester? Fehlanzeige! Da der Zwillingsmarkt abgedeckt war durch Alice und Ellen Kessler, tönte Hildegard damals: „Eins ist besser als keins“ – und beschloss, hinfort alleine Karriere zu machen. Hilde wurde, wie ihre Schwester es ausdrückt, „ein Weltstar in Deutschland“, und Irmgard blieb in Berlin. Während Hilde am Broadway Triumphe feierte, paddelte Irmgard in Berlin ganz off-off-Broadway gegen den Strom und geriet auf den Berliner Seitenkanälen immer öfter ins Strudeln. „Und während Hilde damals vor völlig vollen Häusern auftrat, sang ich nachmittags völlig voll vor Häusern“.

Irgendwann gibt sie auf, verkriecht sich mit viel Wodka in ihrer Wohnung in Kreuzberg und bläst nur noch Trübsal („Karl Otto Trübsal, der wohnte einen Stock höher“). Sie erzählt von traurigen Nachkriegszeiten („Wer damals nicht dabei gewesen war, hat‘s nicht erlebt“) und singt die Ballade von der letzten Trotzkistin, die Marx‘ Kapital verteidigte, weil sie selbst keins hatte.

Eine traurige Biografie: immer im Schatten, immer die B-Seite. Wenn die eine Paul von Schell heiratet, muss sich die andere mit der Bratkatoffelbeziehung zu Paule von der Tankstelle um die Ecke begnügen. Wenn die Große mit fünf Sekunden Busen zeigen berühmt wird, muss die Kleine die daraus resultierenden Phantasien der Westentaschen-Casanovas befriedigen: „Mach mir die Sünderin, mach mir die Sünderin“ hecheln sie, und Irmgard tut‘s. „Kindchen, fahr ab“ (gemeint ist der Tontechniker), sagt sie und singt: „Denn was, wenn‘s gelbe Nelken nieselt, wenn von der Decke nur Bühnenstaub rieselt...“. An rote Rosen wagt sie gar nicht mehr zu denken. Aber diese Frau lässt sich nicht in die Suppe spucken – erst recht nicht, wenn man sowieso bald den Löffel abgeben muss: „Man ist ja schließlich 93 – pardon 92 plus“. Aus Rache oder Melancholie gründet sie schließlich die Selbsthilfegruppe „Sorella non grata“ und siehe da: Binnen kurzem melden sich eine Helga Meysel, eine Klara Leander, eine Annette Greco und eine Renate Uhse – und täglich werden es mehr. Man mag seinen Ohren nicht trauen: das rauchige Timbre, die verschluckten Endsilben, das beseelte Kräuseln der Lippen... Und wie sie aussieht: die blonden Haare, die dick getuschten, viel zu langen Wimpern hinter der dunkel getönten, die viel zu große Brille. Sie sieht aus wie ihre Schwester, singt, spricht, bewegt sich wie sie – alles ist gleich, nur das Leben nicht. Die wohlbekannten, populären Lieder („Meine Manuskripte wurden damals verlegt“) pfiffig umarrangiert und neu betextet, spiegeln jetzt mehr Irmgards Scheitern als Hildegards Glanz. „So sieht die Welt aus hinterm Klingelschild“.

Schwarzhumorig und schnodderig, ausgestattet mit Bonmots und Wortwitz, einem Schuss Bosheit und einer Prise Kabarett, lässt Ulrich Michael Heissig die verkannte und zu kurz gekommene Zwillingsschwester von Hildegard Kenf nicht als x-te Transen-Parodie, sondern als realistisch wirkende, anrührende Figur entstehen. Ebenso gelungene wie kritische Kleinkunst, die sich zwar nonchalant aber durchaus ernsthaft mit allerlei Sinnfragen beschäftigte.

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