Ein perfektes Timing: Der Bauernprotest ist weiterhin bundesweit in den Schlagzeilen, und heute treffen sich die Landwirte aus zwei Landkreisen im tiefen Süden im Hechinger „Museum“. Es ist Bauerntag, aber unter ganz besonderen Vorzeichen.

Die Kluft zwischen Landwirtschaft und Naturschutz wird nicht kleiner. Und so langsam kippt in der Bevölkerung der eigentlich gute Ruf der Bauern. Was tun dagegen?

Alexander Schäfer Die Landwirtschaft im Zollernalbkreis produziert nicht nur hochwertige Rohstoffe zur Lebensmittelherstellung, sondern auch mit 14 Biogasanlagen Energie und, was viele immer wieder vergessen, damit verbunden unsere hochgeschätzte Kulturlandschaft. Von 34 000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche sind allein 22 000 Hektar Wiesen, Weiden und Streuobstwiesen (2500 Hektar). Von diesen Wiesen und Weiden werden etwa 6500 Hektar zur Gewinnung von Milch herangezogen. Die restlichen zirka 16 000 Hektar sind extensiv bewirtschaftetes Grünland (Bewirtschaftung mit Rindern, Schafen, Pferden oder Heuverkauf). Der Zollernalbkreis stellt den größten Anteil an den unter Schutz stehenden europäischen FFH-Flachland- und Bergmähwiesen. Wer mit offenen Augen von Mai bis Juli durch den Zollernalbkreis geht oder fährt, sieht, welche grandiose Wiesenblumenvielfalt auf unseren Wiesen und Weiden steht. Nicht zu vergessen die gut  210 000 Streuobstbäume.

Diese artenvielfältige Kulturlandschaft ist nicht von alleine entstanden. Sie wurde durch das Wirtschaften der Generationen vor uns, und der Erhalt, durch das Betreiben von verantwortungsbewusster und nachhaltiger Landwirtschaft bis heute geschaffen. Die natürliche Bodenbedeckung in Mitteleuropa ist Wald. Die Vorstufe von Verwaldung ist die Verbuschung. Ohne die tägliche Arbeit der Landwirte würden wir in manchen Tälern kein Tageslicht mehr sehen. Die öffentliche Hand rät der Landwirtschaft zur aktiven Zurückdrängung von Hecken um attraktive Bedingungen für eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft zu bieten. Diese abwechslungsreiche Kulturlandschaft dient nicht nur der Naherholung, sondern auch einer abwechslungsreichen Artenvielfalt!

Hand aufs Herz: Geht es wirklich nicht ohne diese Nitratmengen, die das Grundwasser gefährden?

Schäfer Von den 12 000 Hektar Ackerland werden 3500 mit Futterpflanzen bepflanzt. Zählt man diese Fläche mit den Wiesen und Weiden zusammen, so sind drei Viertel des Zollernalbkreis ganzjährig grün. Die 8500 Hektar Ackerfläche ist mit Blühstreifen an Ackerrandstreifen, mit einer Fünffelderwirtschaft und freiwilligen Umweltleistungen angelegt. In über 1200 Verträgen zwischen dem Landkreis und uns Landwirten verpflichten sich die Landwirte zu besonderen Landschaftspflegemaßnahmen. 18 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen werden nach den Regeln des ökologischen Landbaus bewirtschaftet. Auf 3300 Hektar werden unter dem Verzicht von chemisch-synthetischen Mitteln Lebensmittelrohstoffe produziert. An all diesen Fakten erkennt man, welche Rolle die Landwirtschaft an der Produktion von Landschaft, dem Schutz und Erhalt von Natur und Arten spielt. Schützen von Umwelt geht nur durch das Nützen der Umwelt. Im Zollernalbkreis werden 0,39 Vieheinheiten pro Hektar gehalten. Die Düngeverordnung erlaubt zwei Vieheinheiten; das sind zwei Kühe oder zwei Pferde pro Hektar. Landwirtschaft bedeutet Kreislaufwirtschaft. Das heißt, Mist und Gülle aus der Viehhaltung werden als Nährstoffe zum Anbau von Feldfrüchten benötigt. Ist dieser Kreislauf nicht geschlossen, kommt es zur Mangelversorgung in der pflanzlichen Produktion. Wir Bauern entnehmen seit Jahren regelmäßig Bodenproben, der Düngebedarf wird aufgrund des festgestellten Nährstoffgehaltes und des zu erwartenden Ertrags der Pflanze ermittelt. Unser Bestreben ist nach der Bilanzierung eine Null unter dem Strich, die Pflanze soll zu 100 Prozent versorgt sein, der Boden und das Grundwasser dürfen auf gar keinen Fall Schaden nehmen! Wir Landwirte haben den Boden nur geliehen, wir wollen und werden ihn zur Existenzsicherung immer wieder an die nachfolgenden Generationen weitergeben! Der Schutz des Grundwassers, unser aller wichtigstes Lebensmittel, hat für uns höchste Priorität! Ohne Trinkwasser kein Leben!

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner kann plötzlich ganz anders und propagiert, man müsse mehr ausgeben für Nahrungsmittel. Fast schon revolutionär für die Ministerin: weniger Fleisch essen, und wenn, dann besseres. Das sollten die Landwirte doch bejubeln.

Schäfer  Acht Prozent der Lebensmitteleinkäufe in Baden-Württemberg belaufen sich auf Produkte aus dem ökologischen Anbau. Der Verbraucher gibt nur etwa 10,4 Prozent seines Nettoeinkommens für Lebensmittel aus. Als Beispiel: Ein Prozent der Schweinefleischproduktion ist Bioschwein, und 68 Prozent des Frischfleischabsatzes geht über die Kassenbänder der  Discounter. Im Zollernalbkreis haben fast alle schweinehaltenden Betriebe ihre Erzeugung eingestellt. Viele Betriebe im Zollernalbkreis wollen ihre Milchproduktion auf Bio umstellen. Sie finden keine Molkerei, die ihnen die Milch abnimmt; es bestehen keine Absatzmöglichkeiten für Biomilch. Sie scheint dem deutschen Verbraucher zu teuer zu sein. Wir Landwirte erzeugen das, was der Verbraucher will. Wer aber sonntags Bio fordert, muss auch montags Bio kaufen. Der Verbraucher bestimmt, welche Lebensmittel produziert werden und wie sie erzeugt werden. Leider stellen wir immer wieder eine Doppelmoral beim Verbraucher fest! Doch eines ist sicher, wer Artenschutz, Kulturlandschaft und damit die heimische Landwirtschaft unterstützen will, muss regionale Erzeugnisse kaufen! Denn alles, was nicht bei uns erzeugt wird, beziehungsweise erzeugt werden darf, kommt aus dem Ausland. Ist dies dann die bessere Alternative? Wissen wir um die Produktionsbedingungen in der Landwirtschaft auf anderen Teilen der Welt? Kennen wir die Umwelt-, Tierschutz- und Produktionsstandards dort?

Wie ist die Stimmung bei Ihren Kolleginnen und Kollegen?

Schäfer Wir halten unsere Landwirte an, dies auch in Zusammenarbeit mit den Landfrauen und dem  Landwirtschaftsamt, ihre Hoftore zu öffnen, dem Verbraucher Erzeugung und Produktionszweige und -wege zu erläutern. Denn unsere Erfahrungen zeigen, dass der Verbraucher heute von Presse, Social Media und vor allem durch Veröffentlichungen von diversen Nichtregierungsorganisationen oft in die Irre geführt wird. Heute gilt leider oft die Prämisse „Ammenmärchen statt Fakten!“ Tatsachen und Fakten werden verschleiert und damit die landwirtschaftliche Produktion an den Pranger gestellt.
Die Fragen stellte Ernst Klett

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