Hechingen Inferno in der Hechinger Altstadt

Hechingen / HARDY KROMER 06.02.2012
Der größte Altstadtbrand der jüngeren Hechinger Geschichte tobte am Montagabend in der Markt- und Schlossstraße. Dramatische Rettungsszenen spielten sich ab. Neun Menschen wurden verletzt.

Der Altbaukomplex an der Ecke Marktstraße/Schlossstraße (gegenüber von „Fecker“ und „Point“) wurde am Montagabend ein Raub der Flammen. Der Nachthimmel über dem Marktplatz war in ein grelles Rot getaucht. Stundenlang kämpften 200 Feuerwehrleute aus der ganzen Raumschaft verzweifelt darum, die angrenzenden Altstadthäuser vor einem Übergreifen des Feuers zu schützen.

Speziell das Nachbarhaus Marktplatz 2, die frühere Hof-Apotheke, war akut bedroht. Ob es den Einsatzkräften gelingen wird, dieses Gebäude zu halten, ist zur Stunde noch nicht absehbar. „Wir versuchen alles über eine massive Riegelstellung“, sagte der Hechinger Feuerwehrkommandant Maik Bulach in einer improvisierten Pressekonferenz. „Aber die Arztpraxis über der Apotheke ist noch bedroht.“

Ausgebrochen ist das Feuer im Haus Marktstraße 1 gegen 16.45 Uhr. Als die Feuerwehr eintraf, spielten sich schon dramatische Szenen ab. Aus den Fenstern des zweiten Obergeschosses riefen Menschen um Hilfe. Ein Stockwerk tiefer drangen Rauchwolken nach draußen. Vor der Gaststätte „Fecker“ stand Bürgermeisterin Dorothea Bachmann zusammen mit anderen Passanten und versuchte, die eingeschlossenen Hausbewohner zu beruhigen. „Gleich kommt jemand“, rief sie hinauf. Die Hechinger Feuerwehr bezog derweil vor dem Reformhaus Stellung und fuhr die Drehleiter aus. Kurz nach fünf waren zwei junge Männer gerettet.

Doch dann tauchte in der Schlossstraße (gegenüber von „EP Schmidt“) das Gesicht einer völlig verzweifelten alten Frau am Fenster des zweiten Stockwerks auf. Eiligst bauten Feuerwehrleute eine Steckleiter auf, um zu ihr zu gelangen. Eine Rettung auf diesem Wege schien jedoch aussichtlos, und die Hechinger Drehleiter war in der Marktstraße gebunden. Was tun? Ein Trupp Atemschutzträger versorgte die Seniorin mit einer Schutzmaske. In Todesangst, aber gut betreut von den Feuerwehrleuten, harrte die 78-jährige Italienerin am offenen Fenster aus, während unten auf der Schlossstraße ihr Mann um sie bangte. Eine schier unendliche halbe Stunde dauerte es, bis Rettung nahte in Gestalt der Burladinger Feuerwehr, die die Frau über ihre Drehleiter sicher zu Boden brachte und in die Obhut der Rotkreuzhelfer übergab. Sofort wurde die Frau, die seit drei Jahrzehnten in dem Haus lebt, ins Hechinger Krankenhaus gefahren. Dort wurde sie mit Verdacht auf Rauchgasvergiftung und Schocksymptomen auf der Intensivstation behandelt. Bürgermeisterin Dorothea Bachmann und Landrat Günther-Martin Pauli eilten am Abend in die Klinik, um sich vom stabilen Zustand der Patientin zu überzeugen. Die beiden zuerst geretteten Männer wurden in der Albstädter Klinik behandelt.

Mit der Menschenrettung war aber längst nicht das Schlimmste geschafft. Während über der Altstadt die Nacht hereinbrach, wurden vor den Augen von hunderten Schaulustigen aus den kleinen Qualmwolken, die aus den Fenstern drangen, große – und gegen halbsieben war klar, dass ein Vollbrand des ganzen verschachtelten Altbaukomplexes nicht mehr zu vermeiden war. Über den Dächern des Marktplatzes tobte das flammende Inferno. Wie es dazu kommen konnte, war Feuerwehr und Kriminalpolizei am Abend noch ein Rätsel. Gerüchte wollten wissen, dass ein defekter Heizlüfter die Quelle allen Übels sei. Einsatzleiter Maik Bulach konnte dies jedoch nicht bestätigen. Als er mit seiner Mannschaft am Brandort eingetroffen war, hatte es noch kein offenes Feuer gegeben. In der ersten Stunde war man noch guter Dinge gewesen, den Brand rasch in den Griff zu bekommen.

Doch dann wirkte die schlechte Bausubstanz des Hauses verheerend. „In allen Fluren lagen die Leitungen blank“, schilderte Maik Bulach das Problem. „Unsere Atemschutzträger haben durch das Löschwasser Stromschläge bekommen.“ Die Brandbekämpfer mussten zu ihrem eigenen Schutz zurückgezogen werden. Irgendwann gab dann das Füllmaterial in den Zwischendecken des Fachwerkhauses dem Feuer so viel Nahrung, dass sich die Gase über 400 Grad erhitzten und es zu dem kam, was Experten eine Rauchdurchzündung nennen. „Kohlenmonoxid wirkt dann wie Knallgas“, so Bulach. Im brennenden Haus herrschten anschließend Temperaturen bis zu 1000 Grad.

Jetzt war der verwinkelte Gebäudekomplex verloren, und es galt, mit einer Riegelstellung von vier Seiten die Häuserzeile am Marktplatz zu schützen. Von vier Drehleitern aus (Hechingen, Burladingen, Balingen und die große Hebebühne aus Rottweil) wurden die Flammen bekämpft und die Nachbarhäuser abgeschirmt. „Dramatisch“, kommentierten Bürgermeisterin Bachmann und Erster Beigeordneter Klaus Conzelmann, die den städtischen Betriebshof in Marsch setzten. Bei Temperaturen um zehn Grad unter Null galt es, im Einsatzgebiet schaufelweise Salz zu streuen, um das auf den Gassen gefrierende Löschwasser aufzutauen.

Trotz des geballten Kampfes von 200 Feuerwehrleuten (auch aus Rangendingen, Bisingen und dem Steinlachtal) waren weitere Verletzte zu beklagen. Die 35 Rotkreuzhelfer unter der Regie von Dieter Fecker und Heiko Lebherz hatten außer den drei ins Krankenhaus eingelieferten Hausbewohnern fünf weitere Patienten mit Verdacht auf Rauchgasvergiftung zu betreuen (darunter zwei DRK-Helfer), außerdem einen Feuerwehrmann, der sich bei einem Sturz eine Schulterprellung zugezogen hatte.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel