„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“, beten wir im Vaterunser. Nicht selten passiert es, dass wir den Text fast wie automatisch beten, ohne an seinen Gehalt zu denken geschweige denn in diesem Moment wirklich daran zu glauben. Wie sieht es aus mit der Versuchung Gottes für uns? Will Gott uns denn tatsächlich in Versuchung führen?

Im Evangelium wird Jesus vom Heiligen Geist in die Wüste geführt und vom Teufel versucht. Bei den „Versuchungen“ zu Beginn der Fastenzeit geht es um wesentlich mehr als um die „zarteste Versuchung“ einer Tafel Schokolade. Es geht um die Freiheit, die Gott schenkt und die das Leben erst glücklich macht. Man könnte auch sagen: Die biblischen Lesungen des ersten Fastensonntags erinnern uns daran, dass nicht etwa Gott es ist, der uns in Versuchung führt, – sondern er führt uns durch die Versuchung hindurch.

Die Schilderungen der Versuchungen in den Lesungstexten des ersten Fastensonntages zählen zum Spektakulärsten, was die Heilige Schrift zu bieten hat: Die Schlange im Buch Genesis durchkreuzt die paradiesischen Lebensverhältnisse – frei von Sorgen, Nöten und Ängsten – von Adam und Eva und weckt in ihnen die Lust auf mehr, die bis heute unter den Menschen als ungestillte Gier anhält.

Im Matthäusevangelium bedrängt die Versuchung in Gestalt des Teufels den vom Fasten hungrigen Jesus in der Wüste und stellt ihm verlockende Möglichkeiten in Aussicht: durch die Allmacht als Sohn Gottes Steine in Brot zu verwandeln, sich wie Superman vom Jerusalemer Tempelberg hinabzustürzen und auf die rettenden Engel Gottes zu hoffen, nach Anbetung und Huldigung an den Teufel zum Herrscher über alle Reiche der Erde zu werden. Was Adam und Eva nicht schafften, bringt Jesus zum Guten, indem er den Versuchungen allein mit Vertrauen in Gott begegnet.

Frei werden für Gott, darum geht es am ersten Fastensonntag wie in den kommenden Wochen der Fastenzeit als Vorbereitung auf Passion und Auferstehung Jesu Christi. Wer loslassen und verzichten kann, der wird wieder Herr im eigenen Haus, der orientiert sich nicht nach anderen, sondern auf Gott hin. Dann wird der Verzicht zur Freiheit, und wir verheddern uns nicht in der Versuchung, sondern finden mit Gottes Hilfe hindurch. Darum dürfen wir voll Vertrauen beten: „Und führe mich in der Versuchung.“